Millionen für den guten Zweck: Christian Kipper lenkt als Geschäftsführer der Deutschen Fernsehlotterie viel Geld in soziale Projekte. Seit Jahrzehnten verwandelt die Institution Spieleinsätze in Hilfe für Menschen in ganz Deutschland. Doch wie entscheidet man, welche Projekte wirklich etwas bewegen?
Die Guten in unserer Gesellschaft
Thomas Mühlnickel: Christian Kipper, herzlich willkommen. Schön, dass du da bist. Freut mich sehr.
Christian Kipper: Ich freue mich auch. Vielen Dank für die Einladung.
Thomas Mühlnickel: Christian, unser Podcast heißt ja, damit die Guten gewinnen. Wer sind denn für dich eigentlich die Guten?
Christian Kipper: Wer sind die Guten? Ja, ich glaube, das kann man relativ schnell beantworten. Es sind die Menschen, die sich engagieren und da stehen an erster Stelle natürlich die vielen, vielen Ehrenamtlichen in unserem Land. Du weißt, ich vertrete eine Soziallotterie. Der ganze soziale, karitative Bereich wäre beispielsweise ohne das ehrenamtliche Engagement gar nicht leistbar und gar nicht aufrechtzuerhalten. Und da will ich gerne anfangen. Das fängt ja damit an, dass jemand bereit ist, für den Gemeindenachmittag mal einen Kuchen zu backen bis hin zu. Also ich glaube, die Vielfalt, die über das Ehrenamt in Deutschland geleistet wird und abgedeckt wird, die ist gigantisch, gigantisch groß. Dafür bin ich ausgesprochen dankbar, auch in so einer Gesellschaft zu leben. Dankbar für alle Menschen, die sich bereit erklären und erkennen, dass sie sich engagieren müssen, dass sie sich engagieren wollen. Das ist schon großartig in unserer Gesellschaft. Deshalb das Ehrenamt, das sind die Guten für mich in unserer Gesellschaft.
Thomas Mühlnickel: Ich finde das auch immer wieder beachtlich, wie viele Menschen freiwillig in ihrer Freizeit, einfach weil sie es gerne machen, was für andere zu tun, für die Gemeinschaft da sind und was tun. Und wir haben ja oft so gesellschaftliche, ich nenne es mal Narrative, ist mal ein blöder Begriff mittlerweile, aber dass viel darüber gesprochen wird, keiner macht mehr was, alle machen nur noch ihr Ding, alle sind so individualisiert. Aber wenn man mal auf die Zahlen schaut, dann sieht man in den Sportvereinen, in den alten Cafés, in den Feuerwehren und so weiter, da ist immer noch richtig viel los. Die Leute tun immer noch richtig viel.
Christian Kipper: Ja, das ist zweifellos so. Es verändert sich natürlich auch in diesen Bereichen ganz viel. Also die Vereine klagen ja alle über fehlende Mitglieder, fehlenden Nachwuchs, gerade möglicherweise bei der Feuerwehr, bei der Freiwilligen Feuerwehr. Ich glaube, das Problem gibt es tatsächlich. Also Menschen engagieren sich und dann muss man vielleicht auch nochmal sagen, in ländlichen Regionen ist es vielleicht ausgeprägter als in anderen Regionen. Also das Problem würde ich nicht negieren wollen, aber es ist auf der anderen Seite doch so, dass sich große Teile auch junger Menschen engagieren, engagieren wollen in den unterschiedlichsten Feldern, auf den unterschiedlichen Feldern und das ist toll. Und wenn mein Kumpel sich irgendwo engagiert, dann bin ich natürlich auch gerne dabei und will da mit dabei sein, in diesem Team, in dieser Clique mit dabei sein. Also das sich engagieren hat großes Potenzial, hat große Chancen, aber es ist immer auch so ein bisschen den Veränderungen in der Gesellschaft unterworfen. Insofern ist es, glaube ich, ein Spagat, den man da machen muss. Ich glaube schon, dass die Bereitschaft grundsätzlich da ist, sich für andere oder für irgendeinen guten Zweck zu engagieren.
Thomas Mühlnickel: Und das ist, Ich kenne das selber, ich bin jemand, der sehr, sehr viel arbeitet und wo ich immer so selber Angst habe, oh Gott, wenn ich jetzt auch ein Ehrenamt mache, wie soll ich das denn noch schaffen und wann soll ich das denn noch machen? Ich glaube, da ist auch für jeden von uns immer eher die Frage, welches Ehrenamt passt zu mir? Woran habe ich Spaß? Wie viel Zeit kann ich investieren? Wie viel kann ich mich einbringen? Woran bringe ich mich auch gerne ein? Das reicht ja auch vielleicht einmal im Monat mit dem Hund aus dem Tierheimgassi zu gehen, als einfache Sache mit wenig Zeitaufwand oder eben sich dann eben tiefer zu engagieren. Ich glaube, da muss jeder auch seinen Weg finden. Und dieser Einstieg, der ist vielleicht für viele noch eine Hürde, den man vielleicht einfacher machen könnte.
Christian Kipper: Ja, aber es ist tatsächlich so. Ich glaube, es geht erstmal darum zu akzeptieren, dass die Bereitschaft da ist. Und der eine geht tatsächlich nur einmal im Monat mit dem Hund aus dem Tierheim spazieren, der andere macht mehr. Das ist in der Tat abhängig von der Belastung, die man selbst zu tragen hat. Das Gros von uns hat Familie und Kinder in unterschiedlichen Lebensphasen. Da konzentriert man sich natürlich dann auf solche Aufgaben oder der eine, da sind die Kinder aus dem Haus, aber dann werden die Eltern pflegebedürftig, dann muss man sich um die Eltern kümmern. Also die Aufgaben und die Lebenslagen sind so unterschiedlich, dass man da glaube ich schon auch Verständnis für haben muss, dass sich nicht jeder per se immer engagiert oder in einem gewissen Umfang engagiert. Das zu akzeptieren und zu respektieren, dass die Umstände eben unterschiedlich sein können, das gehört auch schon dazu und ist, glaube ich, dann auch ein Stück weit wichtig, so eine Freiwilligkeit im Ehrenamt, im Engagement zu signalisieren. Mit Druck, mit Zwang, mit Einfordern funktioniert es nicht. Und an vielen Stellen, ich habe eben von Jugendlichen gesprochen, beispielsweise bei der Feuerwehr, da hat man natürlich, wenn man sich engagiert, auch eine Vorbildfunktion. Und wenn ich es mache, dann löse ich da vielleicht so ein Mitmachwollen von meinen Kumpels aus. Also die Motivationen sind ja unterschiedlich. Ich bin da ganz zuversichtlich, dass das auch erhalten bleibt. Wie gesagt, die Lebensumstände sind unterschiedlich, die Zeiten sind unterschiedlich, aber ich bin da guter Dinge.
Christian Kippers Werdegang
Thomas Mühlnickel: Jetzt haben wir über die Guten im Ehrenamt gesprochen. Lass uns doch mal kurz schauen, wer du eigentlich bist. Du bist ja schon ziemlich viel rumgekommen. Du bist im Schwarzwald geboren.
Christian Kipper: Ja.
Thomas Mühlnickel: Es wird von deiner Vita immer wieder genannt, dass du direkt nach der Wende eine Zeit lang in der Verwaltung in Dresden gearbeitet hast, später zum NDR gegangen bist. Also du bist auch regional durchaus flexibel gewesen bislang in deinem Leben und bist dann vom NDR später rübergekommen zur Fernsehlotterie beziehungsweise auch zur Stiftung Deutsches Hilfswerk. Die gehören ja zusammen, da reden wir gleich nochmal in Ruhe darüber, wie die genau miteinander funktionieren. Wie hat denn das funktioniert aus dem Medienbetrieb rüber zu gehen in die Lotterie und das Stiftungswerk?
Christian Kipper: Der Norddeutsche Rundfunk ist federführend innerhalb der ARD für die Fernsehlotterie. Die hieß ja über viele Jahre, Jahrzehnte ARD Fernsehlotterie. Manche kennen die Veranstaltung auch unter Goldenen Eins. Also die Lotterie wird im nächsten Jahr 70 Jahre alt. Es ist ein großes, stolzes, traditionsreiches Unternehmen. Hat immer mal versucht, auch mit anderen Namen Platz zu greifen, auf sich aufmerksam zu machen, auf das Engagement aufmerksam zu machen. Gestartet ist die Lotterie ja in den Endvierzigerjahren und dann Mitte der Fünfzigerjahre in das damals junge Medium Fernsehen eingestiegen oder hat das für sich entdeckt. Und ja, so ist mein Weg oder der Weg vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk dann zur Lotterie gewesen. Die ARD ist eben federführend für die namentlich Deutsche Fernsehlotterie. Das ist der eigentliche Eigenname. Und ja, wir sind das klassische Pendant zu unseren Kollegen beim ZDF der Aktion Mensch.
Thomas Mühlnickel: Ich würde gerne kurz einmal nach Dresden damals schauen. Das war direkt die Wendezeit. Wie hast du das damals erlebt, als Wessi rüberzukommen, in einer ganz frisch miteinander neu verschmolzenen DDR-BRD rüberzukommen nach Dresden, mitten in dieser Wendezeit? Es muss ja auch eine sehr wilde Zeit sein, wo viele Prozesse da waren, wo vieles noch gar nicht strukturiert und sortiert war im Land. Wie hast du das da damals erlebt?
Christian Kipper: Lass mich gerne mal noch einen Schritt weiter zurückgehen. Ich war zu Zeiten der Teilung, also Bundesrepublik Deutschland, DDR eigentlich relativ wenig in Berlin. Es gab für mich keinen Grund, keinen Anlass nach Berlin zu fahren und ich hatte 1987 einen Freund, der das regelmäßig gemacht hat, also für den war Berlin immer so ein festes Reiseziel und der hatte mich dann mal mitgenommen. Und wir standen abends mal auf einer der Plattformen, die es rund um das Brandenburger Tor im Westteil der Stadt gab. Und ja, man war da schon bewegt und war ja so an der Trennungslinie von zwei Mächten und von zwei Gesellschaftssystemen. Aber ich habe den dann angeguckt und habe gesagt, da gehen wir mal gemeinsam durch. Also das war 1987 und dass das zwei Jahre später der Fall oder drei Jahre später dann der Fall war, Das konnte man damals ja gar nicht erahnen. Insofern kriege ich heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Und wenn wir heute darüber sprechen, dann sind wir wahnsinnig emotionalisiert, das erlebt zu haben. Und für mich, ja, das auslösende Moment, nach Dresden zu gehen oder auch nach Dresden gehen zu können, kann ich vielleicht zwei Punkte anführen. Zum einen ist die Familie meines Vaters aus dem Osten, also ich habe immer eine Affinität auf den osteuropäischen Raum gehabt. Der hat mich immer fasziniert. Ich war in den 80er Jahren, Anfang der 80er Jahre, da habe ich meine erste Reise in die damalige Sowjetunion unternommen. Das war während meiner Bundeswehrzeit, da musste ich dann zum MAD und musste mich rechtfertigen, was ich denn in der Sowjetunion wollte und so weiter. Und war dann damals, heute St. Petersburg, damals Leningrad und habe das mit einer ganz großen Begeisterung erlebt. Sowohl die menschlichen Zusammentreffen, vieles organisiert, aber vieles eben auch ganz spontan auf der Straße. Also da eine große Affinität zum Osten. Und infolgedessen war für mich eigentlich auch immer ein Thema an der Wiedervereinigung festzuhalten, obwohl als Schüler und Jugendlicher und Student, Und politisch war das ja gar nicht absehbar, aber das war für mich immer Thema und hat mich auch immer interessiert. Und meine Familie im Schwarzwald, die war oder ist der Kirchengemeinde vor Ort sehr verbunden gewesen. Es gab Partnergemeinden dann in der DDR, die wir auch mal besucht haben. Also meine ersten Reisen dahin waren auf die Wartburg oder nach Eisenach und auf die Wartburg und so weiter. Ich hatte also auch zur DDR immer einen Bezug. Und mein Vater hatte 1945 die Bombardierung als Schüler, die Bombardierung in Dresden mitgemacht. Da war er mit seiner Schulklasse in einem Schülerheim einquartiert und hat die Bombardierung dann mitgemacht, hat überlebt. Der war zeitlebens von dieser Stadt fasziniert, war aber nie dort und ich hatte dann die Chance beruflich dort einzusteigen und das war für die Familie irgendwie ein ganz emotionaler Bogen oder Kreis, der da wieder geschlossen werden konnte. Also es gibt ganz viele Punkte, wo ich sagen kann, warum Dresden oder warum Ostdeutschland und in den letzten 30 Jahren haben wir wahnsinnig viel erkundet. Das ist ja, also als Wessi, als sogenannter Wessi ist man in Frankreich, in Österreich, in Spanien, man ist in der Weltgeschichte rumgekommen. Aber die DDR kannte man eigentlich nicht. Und Dresden kennenzulernen, Potsdam kennenzulernen, Quedlinburg kennenzulernen, Görlitz kennenzulernen. Halle kennenzulernen, also die mecklenburgische Ostseeküste kennenzulernen, das empfinde ich als wahnsinnige Bereicherung und ein Glücksgefühl, dass es möglich ist. Und ja, ich erkenne und erlebe die Schönheit, die Vielfalt dieses ostdeutschen Teils unseres Landes und freue mich da riesig drüber. Ich freue mich seit 30 Jahren und das ist in meinem Leben, glaube ich, die größte historische Entwicklung und Veränderung, die ich miterlebt habe. Und sie freut mich bei allen Schwierigkeiten, die wir haben. Sie ist ja einzigartig, deshalb ohne Schwierigkeiten konnte es gar nicht gehen. Aber ich bin da wahnsinnig glücklich drüber und muss das und will das gerne auch so beschreiben.
Thomas Mühlnickel: Ich bin ein paar Tage jünger als du, aber ich kann das total nachvollziehen. Ich war acht, als die Mauer gefallen ist, also sieben, als die Mauer gefallen ist. Aber wir hatten da auch Verwandtschaft. Meine Oma und mein Opa kamen aus der Nähe von Oranienburg und sind noch geflogen, bevor die Mauer gebaut wurde. Und ich fand es selber, weil es auch diesen Bezug gibt, für mich fand ich es auch selbst total spannend und großartig für mich, dass ich zum Beispiel für Manuela Schwesig und Dietmar Woidke auch in den letzten Jahren arbeiten durfte und da eben auch bei Landtagswahlen mithelfen durfte und das Land eben dadurch auch nochmal anders kennengelernt habe, weil da ist ja einfach so viel Schönes und da gibt es auch so viel Knarzigkeit, hinter der sich die Leute immer verstecken, die aber in Wahrheit, wenn man hinterguckt, das ist doch meistens eine sehr, sehr, sehr warme, nette Art, wo man aber erstmal versucht, so eine kurze Hürde aufzubauen, aber da kommt man schon dahinter, dass ich das wirklich auch sehr spannend finde, immer noch, obwohl wir schon so lange wieder vereint sind, immer noch mehr von Deutschland zu erkunden. Das geht mir aber ehrlicherweise in Bayern genauso.
Christian Kipper: Ja, also ich sag mal, als Schwarzwälder hat mich und hat uns als Familie auch nichts an die Nordsee getrieben. Also das ist einfach so und ich glaube in den ostdeutschen Ländern zu DDR Zeiten war das möglicherweise vergleichbar. Also die Menschen in Sachsen und Thüringen sind ja anders als der Brandenburger und der Mecklenburger. Also da gibt es diese Unterschiede, die kennen wir ja auch aus dem Westen. Was mich auch bis heute sehr, sehr freut, ich bin damals nach Dresden gekommen, war natürlich ein Stück weit ein Exot als Wessi. Die Frage, was hast du von der Welt gesehen, was hast du schon alles gemacht, wo warst du alles? Diese Fragen haben mich erreicht und ich habe ganz wunderbare Gespräche geführt. Für mich war das ja ebenso. Was hast du als Ossi gesehen? Wie hat euer Leben stattgefunden? Was konntet ihr tun, was konntet ihr nicht tun? Wir hatten als Wessis ja irgendwie einfach auch so Bilder, die so vorgeformt waren. Und da hatte ich jetzt die Möglichkeit zu gucken und kennenzulernen und zu erleben, war das wirklich so? Und ich habe viel gelernt und konnte, glaube ich, auch viel Neugierde vielleicht ein Stück weit befriedigen. Aber das Allerschönste ist, neben dem Erleben von Dresden und den schönen Landschaften und den vielen schönen Städten und so weiter, ist die Begegnung mit den Menschen. Und aus dieser Zeit, aus den Anfängen der 90er Jahre, sind Freundschaften entstanden, die es seither gehalten haben. Ich bin ja dann nach ein paar Jahren tatsächlich nach Hamburg gegangen zum Norddeutschen Rundfunk. Die Kontakte gibt es heute noch. Und das ist das, was ich auch so erfüllend finde. Also wenn du mich spontan fragen würdest, ich habe nicht eine Ossi-Wessi Auseinandersetzung persönlich erlebt. Und diese ganzen Problematiken, die immer aufgeworfen werden, kurz vor dem 3. Oktober, für mich ist das so vieles inszeniert. Es ist halt der 3. Oktober und dann muss man auf die Probleme hinweisen. Wo sind die Probleme denn? Wer kümmert sich denn drum vor oder nach dem 3. Oktober? Deshalb wichtig ist die Begegnung der Menschen. 40 Jahre, das haben wir auf beiden Seiten festgestellt, ist eine lange Zeit. Es gab unterschiedliche Entwicklungen, unterschiedliche Prägungen. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Dazu gehört auch viel Respekt dann im Umgang miteinander. Aber ich sage mal, als Schwarzwälder oder als Badener bin ich dem Schleswig-Holsteiner genauso fremd wie dem Sachsen oder dem Mecklenburger. Und dann trifft man aber die Menschen, man lernt sich kennen und man mag sich oder man mag sich nicht. Man hat sich was zu erzählen oder nicht. In der Regel hat man sich ja was zu erzählen, weil wenn Menschen sich begegnen, ist ja ein Stück Neugierde da. Und das ist eigentlich das Schöne, das Wunderbare.
Die Faszination Ostdeutschland
Thomas Mühlnickel: Nimm uns doch nochmal ganz kurz mit in diese Phase Anfang der 90er. Wie war das da damals in Dresden? Wir kennen ja das heutige Dresden, eine wunderschöne, gefühlt komplett restaurierte, renovierte Stadt. Die Frauenkirche steht wieder da, wo sie früher stand. Das ist wirklich wunderschön. Ich liebe Dresden. Wie war das da damals direkt nach der Wende?
Christian Kipper: Naja, da will ich schon sagen, das war schon gewöhnungsbedürftig als Wessi. Ich war ja Berufsanfänger, kam aus München, habe dort zwar als Student immer sehr bescheiden gelebt. Ich will gerne auch sagen, meine Eltern haben mich damals in München studieren lassen. Mein Vater sagte mir, du hast 300 Mark. Mein erstes Zimmer hat aber schon 350 Mark gekostet. Also ich musste immer parallel jobben. Bafög habe ich keines gekriegt. Also ich habe immer bescheiden gelebt, spartanisch gelebt, aber war immer zufrieden. Und dann kam ich nach Dresden, aber eben aus München, also in eine ganz andere Welt. Und ja, es waren die Einkaufsmöglichkeiten, die man als Wessi eben anders kannte. Es waren, ja auch zu sagen, man verabredet sich mal mit Kollegen abends in der Kneipe auf ein Bier, das war auch nicht so ganz einfach. Also da sind schon völlig andere Lebensumstände aufeinander getroffen Und selbst für mich damals quasi als Berufseinsteiger ja noch beruflich nicht etabliert, finanziell nicht etabliert, hat man da schon gewaltige Unterschiede erlebt. Aber einer meiner Arbeitskollegen, der kommt aus dem Erzgebirge, ein Freund, mit dem ich bis heute Kontakt habe, der hat gesagt, Mensch, komm doch mal mit uns oder komm doch mal mit mir übers Wochenende nach Hause, also zu seiner Familie ins Erzgebirge. Wir fuhren mit dem Trapi nach Zwönitz, also da kam er her und das war meine erste Trapi-Fahrt. Und ja, aus heutiger Sicht ein völlig bescheidenes Auto. Es gab keine Tankuhr für mich als Wessi. Ich hatte ja nie ein Auto, aber ein Auto ohne Tankuhr war für mich also völlig, das konnte doch gar nicht gehen. Wie weißt du, wie weit du fahren kannst? Und das sind so Erlebnisse, so Eindrücke, die mich wirklich fasziniert haben. Und dann natürlich auch die Fahrt in das damals noch graue Zwönitz. Das ist ja heute eine wirklich schöne, schöne Kleinstadt, rausgeputzt, sehr attraktiv. Das waren für mich ganz tolle Erlebnisse.
Christian Kipper: Ich würde gerne wieder direkt in Zukunft kommen. Ich glaube, es ging nur um die Messe nach rechts.
Thomas Mühlnickel: Du siehst mich auch oben drüber.
Christian Kipper: Danke, danke, danke.
Thomas Mühlnickel: Stört dich das Klopfen?
Christian Kipper: Nee, das war gar nicht.
Thomas Mühlnickel: Okay, gut. Weil wir hatten schon mal einen Gast, der sich immer echauffiert hat.
Christian Kipper: Hab ich das gemacht?
Thomas Mühlnickel: Immer so ein bisschen nebenbei. Das ist scheinbar nicht schlimm. Wenn Lisa sagt, alles gut, dann ist es auch gut. Aber wir hatten schon mal einen Gast, Andrea Nahles, die sich echauffiert hat und immer hier so rumballerte. Danach bekam sie ein Kissen von oben.
Christian Kipper: Ah, okay.
Dankbarkeit in der Stiftungsarbeit
Thomas Mühlnickel: Dankbarkeit und Demut sind wichtige Begleiter für mich. Das ist ein Satz, den ich von dir gefunden habe. Das ist nicht das, was ich erwarte von einem Mann, der eine Lotterie führt und eine riesengroße Stiftung, die sehr viel Geld jedes Jahr verwaltet. Wie passt das zusammen, dieser Satz, Dankbarkeit und Demut sind Begleiter für mich und gleichzeitig eine so große und auch viel Geld transportierende Organisation zu führen?
Christian Kipper: Ja, also das eine geht nicht ohne das andere. Ich bin dankbar für die vielen, vielen Mitspielerinnen und Mitspieler, denn es ist ja nicht mein Geld, sondern ich werbe um das Mitspielen bei uns. Und Demut, glaube ich, ist ein wesentliches Element oder sollte ein wesentliches Element im Leben eines Menschen sein. Die Bodenhaftung nicht zu verlieren, immer zu wissen, woher man kommt, immer auch nach links und rechts zu gucken, immer auch festzustellen, da ist jemand, dem geht es gut, aber es gibt auch jemand, dem es nicht so gut geht und um den muss man sich kümmern. Also Dankbarkeit und Demut, das ist bei uns in der Familie natürlich, klar kriegt man sowas über seine Erziehung ein Stück weit mit, aber es ist für mich auch ein Stück weit oder ein Teil des roten Fadens in meinem Leben. Ich bin zwischenzeitlich Anfang 60, habe mich beruflich etabliert, mir geht es gut, das kann ich gar nicht anders sagen, aber ich bin mir sehr, sehr bewusst, dass es mir besser geht als vielen anderen in diesem Land oder weltweit. Ich möchte auf das, was ich erreicht habe, nicht verzichten. Aber gleichzeitig ist es, glaube ich, ganz wichtig, nicht außer Acht zu lassen, dass es eben Menschen gibt, denen es nicht so gut geht. Und Gemeinschaften, ob das in der Familie ist oder ob das Gesellschaften sind, ob das Kommunen sind, ob das Länder sind, ob das Gesellschaften sind, die können nur funktionieren, haben nur Bestand, wenn man aufeinander achtet, auf unterschiedlichen Ebenen, zu unterschiedlichen Anlässen. Aber all das verbinde ich sozusagen mit Dankbarkeit und Demut.
Thomas Mühlnickel: Was war für dich der prägendste Moment in der Stiftungsarbeit?
Christian Kipper: Das kann ich gar nicht an einem Moment festmachen, sondern gerade bei der Stiftungsarbeit sind es ganz, ganz viele Momente. Wir haben eben schon mal über das Ehrenamt gesprochen. Das ist natürlich toll, dass sich viele, viele Menschen in Einrichtungen engagieren, beruflich, aber eben auch ehrenamtlich bewegt, haben mich darüber hinaus und deshalb ganz, ganz besonders eben die Menschen, denen in diesen Einrichtungen geholfen wird. Menschen, die dort leben müssen, aus unterschiedlichsten Gründen. Wir fördern ja über unsere Stiftungen auch beispielsweise Einrichtungen für Kinder mit verkürzter Lebenserwartung, also schwer erkrankte Kinder. Mit solchen Menschen, Entschuldigung, wenn ich das so beschreibe, aber mit Menschen, die von solchen Krankheiten betroffen sind, die zu erleben und man merkt, man kann ihnen eine Freude machen. Sie freuen sich einfach, dich auch als Gast zu erleben. Mal ein anderes Gesicht und du beschäftigst dich mit ihnen. Das ist ganz toll. Wir haben vor Jahren mal das erste Kinderheim in Mitteldeutschland gegründet, ja mit geholfen auf den Weg zu gehen, gegründet haben wir es natürlich nicht, aber mit gefördert in Tambach-Dietharz. Dort können Familien, die schwerstkranke Kinder haben, Urlaub machen und zwar auch mit den Geschwisterkindern. Also man hat nicht nur eine Einrichtung, um das betroffene Kind mal irgendwo hinzuschicken für zwei, drei Wochen oder vielleicht auch länger, sondern die ganze Familie kann dort Urlaub machen. Das ist Entspannung für die Eltern, weil die sich guten Gewissens mal Nachmittag freinehmen können. Das betroffene Kind ist aber von seinen Geschwistern nicht getrennt, weil die dort auch Urlaub machen können. Und als wir unsere erste Förderung dort leisten konnten, waren wir dort. Ich mache sowas ja häufig gerne dann auch mal mit der symbolischen Scheckübergabe im Namen unserer Mitspielerinnen und Mitspieler. Und da traf ich eben auf diese Kinder und erlebte deren Freude und man weiß, dass die Uhr läuft, dass deren Leben absehbar zu Ende sein wird und trotzdem trifft man auf einen jungen Menschen, der voller Freude den Nachmittag, die Begegnung erlebt, das gemeinsame Essen erlebt, wie auch immer. Und das ist nur ein Beispiel von ganz, ganz vielen bewegenden Momenten, die ich in der Stiftungsarbeit bei uns erlebt habe und die mich wirklich erfüllen. Das erlebe ich nach wie vor mit großer, großer Dankbarkeit.
Thomas Mühlnickel: Das sind aber auch Dinge, die man nicht an sich vorbeigehen lassen kann.
Christian Kipper: Nein, aber es ist das Leben. Es ist das Leben. Natürlich, es berührt mich. Und das fängt schon damit an. Ich habe mein Büro in Hamburg. Tambach-Dietharz ist jetzt nicht eben mal in einer halben Stunde zu erreichen. Da fährt man mit dem Zug nach Erfurt oder nach Gotha und setzt sich dann nochmal in eine Regionalbahn oder man fährt da diese 350, 400 Kilometer mit dem Auto. Das ist schon aufwendig. Und manchmal ist man auch im Vorfeld dann in so einer Situation, wo ich sage, mein Terminkalender ist so voll, muss ich da jetzt tatsächlich hin? Und Thomas, es ist so, wenn ich dann abends nach Hause fahre, auf dem Rückweg bin, dann bin ich immer dankbar, das erlebt zu haben. Also das ist eine solche, ich will mal sagen, tatsächlich Erfüllung, weil man sieht, auch das gehört zum Leben dazu. Das Leben ist so vielfältig, es ist so reich an vielen unterschiedlichen Erlebnissen, und es können eben nicht nur gute Erlebnisse sein, Sommerurlaube, schöne Essen mit Freunden, sondern auch das gehört zum Leben dazu. Und sich das immer klarzumachen, das, sage ich mal, macht am Ende des Tages ein erfülltes Leben aus.
Thomas Mühlnickel: Und dein erfülltes Leben ist es nicht einfach nur viele Lose zu verkaufen, der Losverkäufer, von dem du immer selber sprichst, sondern viele Lose zu verkaufen, um viel helfen zu können.
Christian Kipper: Ja, aber auch Lose verkaufe ich mit großem Engagement und großer Leidenschaft. Denn es ist ja nicht Christian Kipper, der die Einrichtungen unterstützt, sondern es sind die Menschen in diesem Land. Es ist die Solidarität von Menschen, die eben sagen, ich backe keinen Kuchen, sondern ich kaufe einen Los. Und mit diesem Los wissen sie, dass sie anderen Menschen helfen, möglicherweise in ihrem ganz engen Umfeld bei irgendeiner Einrichtung. Aber ja, wir sind ja über den Glücksspielstaatsvertrag limitiert mit den Gewinnen, die wir ausschütten dürfen. Und wenn man sich jetzt die Glücksspielangebote in Deutschland anguckt, dann sind wir eher im bescheidenen Gewinngrößenordnungen unterwegs. Und insofern ist es eigentlich auch ein Dankeschön, also ein Gewinn bei uns in der Lotterie ist eigentlich ein Dankeschön an die, die bereit sind, sich auch für den guten Zweck zu engagieren.
Funktionsweise von Lotterie und Stiftung
Thomas Mühlnickel: Ihr könnt mit eurem Geld und eurer Unterstützung nicht garantieren, dass jedes Projekt funktioniert. Es wird ja auch Projekte geben, die scheitern. Wie gehst du damit um, wenn ihr euch so engagiert und auch so selber mit einbringt, wenn dann Projekte doch am Ende nicht funktionieren?
Christian Kipper: Es ist glücklicherweise so, dass die Projekte, die bei uns Anträge stellen, schon funktionieren. Ich will mal aus aktuellem Anlass sagen, wir erleben im Moment schon auch das Thema der Insolvenzen von Einrichtungen, die wir gefördert haben. Das trifft uns natürlich auch, also das sehen wir und merken wir auch. Aber es gibt natürlich keine Garantie dafür, dass Projekte gelingen. Aber dass sie scheitern, das ist relativ selten. Und das hat im Vorfeld natürlich auch was mit der Planung, mit der Organisation zu tun. Des Antragstellers, letztlich auch des Verbandes, der hinter einem Antragsteller steht. Es ist ja die freie Wohlfahrtspflege, die auch ein Großteil unserer Fördermittel nutzen kann für ihre jeweilige Arbeit und ihre Einrichtungen. Also das sind schon Organisationen und dann die Unterverbände, die auf eine gute Substanz, auch Organisationsstruktur und gutes Know-how zurückgreifen können, dass es glücklicherweise nicht der Fall ist, dass viele der Projekte scheitern.
Thomas Mühlnickel: Lass uns einmal kurz für alle klar erklären, wie das genau bei euch funktioniert zwischen der Fernsehlotterie und der Stiftung Deutsches Hilfswerk. Ich hatte vor ein paar Jahren ja mal das Glück, dich in deinem Büro zu besuchen und hast mir euer Glücksrat gezeigt. Es gibt bei euch ja wirklich ein Glücksrat, an dem gedreht wird. Wie hängen jetzt die Fernsehlotterie und die Gewinne dahinter und die Gelder, die da eingenommen werden und die Stiftung Deutsches Hilfswerk, von der wir gerade über die Projekte schon sprachen, genau zusammen?
Christian Kipper: Also das Glücksrad gibt es tatsächlich noch. Es ist allerdings ein Auslaufmodell, also wir werden das absehbar auch digitalisieren. Wir ermitteln die Gewinner per Glücksrad. Ansonsten sind wir natürlich auch mit der ganzen Verwaltung EDV gestützt. Ich will das mal beschreiben, dass hier nicht der Eindruck entsteht, wir säßen noch am Lagerfeuer. Also so ist das nicht. Aber wir sind tatsächlich in Deutschland, das sagt zumindest die Lotterie auf sich, die einzige Lotterie, die noch am Rad dreht, an dem berühmten Glücksrad. Ja, die Lotterie verkauft Lose unterschiedlichster Art. Da werden Losbeiträge erhoben, also das Einzellos für 5 Euro kommt aus der Tradition, dass der 5 Mark, mit 5 Mark sind sie dabei, ein Platz an der Sonne, das sind ja unsere Ursprünge. Ich erinnere mich, ja. Und zwischenzeitlich oder über die Jahrzehnte gab es natürlich viele zusätzliche Lose, aber wir nehmen unser Geld über den Verkauf dieser Lose ein und unterliegen ja in der Veranstaltung einem doch relativ engen Korsett, sprich Glücksspielstaatsvertrag. Der Staatsvertrag schreibt uns vor, 30 Prozent von unseren Einnahmen dem guten Zweck zuzuschreiben oder für den guten Zweck vorzuhalten. 30 Prozent gehen in die Gewinnausschüttung. Auch das ist eine staatsvertragliche Vorgabe. Wir haben knapp 17 Prozent Lotteriesteuer. Das sind feste Größen für unser Tagesgeschäft und die sind für uns sozusagen Orientierung dessen, was wir dann mit dem Geld machen. Die 30 Prozent, die dem guten Zweck zufließen, die gehören abzüglich dem Wirtschaftsplan für die Fernsehlotterie. Ich habe ja einen Mitarbeiter für die Presse, Mitarbeiter für die Buchhaltung etc. Also die Verwaltung, die wir relativ klein halten. Also wir sind Lotterie und Stiftung insgesamt knapp 40 Leute. Das ist ein sehr überschaubarer Betrieb. Wir haben keine Doppelstrukturen, Stiftung und Fernsehlotterie. Aber die Fernsehlotterie als gemeinnützige GmbH ist eine sogenannte Mittelbeschaffungsgesellschaft. Also wir verkaufen die Lose, um sie dann der Stiftung zur Verfügung zu stellen. Also unsere Stiftung hat kein Stiftungsvermögen, von dem sie partizipiert, sondern wir füllen das Stiftungsvermögen kontinuierlich auf über die Loseinnahmen, den Teil der Loseinnahmen, der dann für den guten Zweck vorgehalten wird. Und die Organisationen stellen dann die Anträge bei uns. Ich habe ein kleines Team, die die Anträge prüfen. Wir haben ja Anträge unterschiedlichster Art. Wir prüfen die nach Förderrichtlinien, Förderkriterien. Die sind abgestimmt mit unseren Gremien, sozusagen, dass wir ein Regelwerk haben, nachdem wir auch die Gelder dann ausschütten können, bereiten diese Anträge dann zur Gremienentscheidung vor. Also wir haben ein Kuratorium, das ist ein beratendes Gremium, ein Vorstand, der dann über die eingegangenen Anträge entscheidet und wenn der Vorstand als Ganzes sagt, wir folgen dem Votum des Stiftungsbüro, also unseres Teams im Haus. Entweder der Ablehnung oder der Zustimmung oder des Vorbehaltes. Das ist glücklicherweise so, dass wir da ein großes Einvernehmen auch mit unseren Gremien erzielen können und die Gremien dann unserer Arbeit dann auch folgen. Dann kriegt der Antragsteller eine Benachrichtigung, Vorstand hat zugestimmt und dann geht es los mit dem Ausschütten der Mittel.
Thomas Mühlnickel: Das ist also nicht deine private Entscheidung, wen du gerne fördern möchtest oder wen nicht?
Christian Kipper: Nein, nein, das würde ich auch gar nicht tun wollen. Sobald man sowas privat im Kämmerlein macht, wäre ja der Grund oder die Möglichkeit da, das auch zu hinterfragen. Also wir sind soweit es geht transparent, das will ich ganz klar sagen. Und was für uns auch immer ganz wichtig ist, auch für das Team bei mir im Haus, wir wissen, dass wir die Mittel der Mitspielerinnen und Mitspieler ja nur treuhänderisch verwalten. Also wenn ich bei einer Einrichtung bin und den symbolischen Scheck übergebe, dann ist es mir ganz wichtig, den Mitspielerinnen und Mitspielern zu danken, denn in deren Auftrag übergebe ich den Scheck. Ich übergebe den Scheck nicht im Namen Christian Kipper oder im Auftrag unseres Vorstands. Wir sind sozusagen alle nur Mittel zum Zweck. Um dieser Einrichtung, die das Geld braucht und den Antrag bei uns gestellt hat, dann diesen Antrag zu unterstützen, die Einrichtung zu unterstützen.
Thomas Mühlnickel: Ihr habt roundabout 70 Millionen im Jahr, die ihr in soziale Projekte geben könnt. Das ist ja nicht wenig Geld. Kann man das sagen, um ein wievielfaches eigentlich die Anträge, die ihr bekommt, das übersteigen, was ihr alles nicht bedienen könnt, weil einfach zu viele Anträge kommen?
Christian Kipper: Also es ist in der Tat so, dass wir dankenswerterweise ausreichend Geld haben. Also wir schieben keine Bugwelle an Anträgen vor uns her, die wir nicht bedienen könnten, mangels Geld. Es ist natürlich so, dass Anträge, die bei uns eingehen, auch abgelehnt werden, aus formalen Gründen, aus inhaltlichen Gründen etc. Etc. Das ist nicht so, dass man einen Antrag stellt, selbst wenn man antragsberechtigt ist und davon ausgehen kann, dass der Antrag bedient wird. Ich glaube, das ist auch ganz wichtig, dass wir da sorgfältig prüfen. Wie gesagt, das Geld verwalten wir treuhänderisch für die Mitspielerinnen und Mitspieler, aber wir sind glücklicherweise in der Situation, dass wir ausreichend Geld haben für die Anzahl der Anträge, die uns erreichen und dann auch positiv entschieden werden vom Vorstand.
Thomas Mühlnickel: Wenn ich es richtig verstanden habe, habt ihr mal 30 Millionen an die deutschen Tafeln gegeben. Das ist ja, wenn man so die jährliche Summe ansieht, schon ein sehr, sehr großer Betrag. Warum ist es so wichtig, den Tafeln auch eurerseits noch Unterstützung zu geben?
Unterstützung für die Tafeln
Christian Kipper: Ja, zu den 30 Millionen muss man sagen, wir haben 30 Millionen insgesamt zur Verfügung gestellt, 23 Millionen hat Tafel Deutschland e.V. Gekriegt, 7 Millionen haben wir dann den Einrichtungen zur Verfügung gestellt, die gleiches tun, gleiche Arbeit leisten, aber nicht unter dem Dach der Tafel organisiert sind, weil wir gesagt haben, die wollen wir nicht außen vor lassen, die wollen wir nicht benachteiligen. Diese 30 Millionen sind zustande gekommen, auch das will ich gerne beschreiben, weil wir über die Abgabenordnung ja mit den Mitteln nicht arbeiten, also in der Regel nicht arbeiten dürfen, sondern wir müssen diese uns zur Verfügung gestellten Mittel kurzmittelfristig ausgeben. Und so hatten wir diesen Puffer von 30 Millionen, ich will es mal als Puffer beschreiben, den wir dann verausgaben mussten. Und dann haben wir beraten, auch natürlich mit unseren Gremien, die Entscheidung ist dann im Vorstand gefallen, wen wir unterstützen wollen und dann ist die Wahl auf die Tafeln gefallen. Und die Tafel leistet ja von jeher eine großartige Arbeit. Sie ist ja hier in Berlin auch gegründet worden und ist glücklicherweise, ich weiß gar nicht, ob man glücklicherweise sagen kann, denn dass es die Organisation überhaupt geben muss, ist ja nicht unproblematisch, aber es gibt sie. Und insofern doch vielleicht glücklicherweise, weil sie dann Menschenhilfe, die diese Hilfe brauchen. Wir haben uns für die Tafel entschieden, weil der Bedarf bei den Tafeln einfach wahnsinnig gewachsen ist über diese vielen Menschen, die in den letzten Jahren in unser Land gekommen sind und berechtigt waren, Bezugsscheine dann für die Tafel zu bekommen. Und die Tafel haben ja Mühe, heute die Lebensmittel zu besorgen, die sie verteilen wollen. Man will ja keine Lebensmittel kaufen, sondern man ist auf Spenden angewiesen von Supermärkten, von Restaurants etc. etc., Und das ist auch deshalb schwieriger geworden, weil Supermärkte ja heute sozusagen zu vergünstigten Preisen ihre Ware auch anbieten, deren Haltbarkeitsdatum möglicherweise kurz vorm Ablauftermin steht. Also insofern ist an der Stelle der Bedarf. Aber wir haben die Tafel nicht unterstützt, um Lebensmittel zu organisieren oder zu kaufen, sondern uns war wichtig, die Infrastruktur, die Arbeit der Tafel zu unterstützen über Kühlfahrzeuge, über Kühlschränke, über eine vernünftige Infrastruktur. Auf die viele gar nicht zurückgreifen konnten. Und da haben, glaube ich, die 23 Millionen deutschlandweit schon ganz, ganz viel bewirkt. Und ich war vor wenigen Wochen beim Bundesjahrestreffen der Tafel Deutschland und habe von Tafeln, die wir gefördert haben, aber vom Verband insgesamt ganz, ganz große Dankbarkeit erfahren, weil das kam, glaube ich, kann man so sagen, zum richtigen Zeitpunkt. Also wenn die Infrastruktur kaputt ist, dann hilft mir nichts, wenn ich viel Käse kriege, den aber nicht kühlen kann und insofern sind wir dankbar, dass es zu dieser Kooperation gekommen ist und ich habe bei einer Tafel in Cottbus erlebt, wie das Tafelgeschäft eben aussieht, also dass man tatsächlich sagt, heute sind Senioren dran, morgen sind Studenten dran, übermorgen sind Alleinerziehende dran, das ist auch ein Umstand gewesen, der mir gar nicht bewusst war. Ich dachte, da kriegt man den Bezugsschein, dann geht man da hin und dann kriegt man seine Tasche oder wie auch immer. Der Bedarf ist zwischenzeitlich so groß, dass ein solches Regelwerk geschaffen werden muss, um keine Verteilungskämpfe aufkommen zu lassen. Und wenn du sowas erlebst vor Ort in der Praxis, dann weißt du nicht nur, dass wir das Geld richtig investiert haben, sondern du erlebst einfach auch so eine Bedürftigkeit in unserem Land, die traurig ist auf der einen Seite, aber es ist eben schön, dass es die Tafel gibt und über die Tafel dann den Menschen geholfen werden kann.
Thomas Mühlnickel: Ich finde, das ist eine ganz tolle Aufgabe, die er da macht und wie er das auch umsetzt und dass ihr da wirklich auch mit sehr viel Weitblick und auch Abwägung reingeht und nicht einfach das Geld nach dem Gießkannenprinzip verteilt, sondern wirklich schaut, wo hilft es, wo macht es Sinn und wo es auch Mitmenschlichkeit gebraucht. Respekt. Jetzt habe ich diesen Podcast bis hierhin gehört oder gesehen und denke, der Kipper ist ja ganz cool und das, was sein Hilfswerk macht sowieso. Wie kann ich die denn unterstützen? Ich ahne jetzt, was die Antwort ist, aber sag doch mal, wie kann ich euch denn unterstützen?
Christian Kipper: Also ich führe ungern die Henne-Ei-Diskussion. Aber unsere Stiftung funktioniert nicht, wenn sie kein Geld hat. Also uns kann man helfen, wenn man ein Los bei uns kauft. Wenn ich ein Los kaufe, habe ich immer eine Gewinnerwartung. Das ist ganz selbstverständlich. Das ist auch gerechtfertigt, das ist auch völlig legitim. Aber es ist ein Glücksspiel. Es bleibt ein Glücksspiel. Deshalb, ich kann den Gewinn nicht garantieren, sondern der wird ermittelt und entweder gehört man zu den Glücklichen oder man hat halt Pech gehabt. Ich sage eben immer, man hat nie Pech bei uns mitzuspielen, weil man weiß, man hilft einem bedürftigen Menschen, einer bedürftigen Einrichtung und das ist der eigentliche Gewinn. Ich habe vorhin mal vom Dankeschön gesprochen, der eigentlich der Gewinn sein soll. Also das lose kaufen, für uns das lose verkaufen ist das A und O und ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr wenn die Lotterie dann 70 Jahre in Deutschland engagiert Menschen hilft und sich ja engagiert und 70 Jahre sozusagen immer ein gutes auch für dieses Land oder zum Guten für dieses Land beitragen wollte, dass wir nächstes Jahr einen besonders hohen Pick beim Losverkauf dann auch erzielen können.
Thomas Mühlnickel: Das heißt, ich, mache in meinen eigenen Augen eine Spende und mit ein bisschen Glück vom Glücksrad bekomme ich noch etwas wieder von meiner Spende.
Christian Kipper: Ja, es ist eben klassischerweise keine Spende, weil du ja was erwirbst. Du erwirbst das Los. Insofern Spende ist ja sozusagen, ich gebe was, ohne was zurückzukriegen. Du erwirbst das Recht mitzuspielen bei unterschiedlich vielen Veranstaltungen, je nachdem abhängig, welches Los du kaufst. Aber ja, es ist so das Mitspielen, das wir dir ermöglichen. und die Freude am Sonntagabend bei der Gewinnbekanntgabe vielleicht auch drauf zu warten, dass deine Nummer dabei ist.
Thomas Mühlnickel: Und bald fangen ja schon wieder alle an drüber nachzudenken, was man zu Weihnachten verschenken kann. Ich finde ja, eure Lose kann man auch ganz wunderbar verschenken.
Christian Kipper: Das sind großartige Geschenke, ja. Das sind großartige Geschenke und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Also das ist für uns natürlich auch wie für viele andere ganz, ganz wichtig. Die Weihnachtszeit, die Vorweihnachtszeit und das ist auch schön, ich will auch das sagen, schön in diesem Land immer wieder zu erleben. Welche Gedanken sich die Menschen gerade zum Jahresende hin machen und sie dann doch auch immer sagen, Mensch, eigentlich der Beschenkte, der hat schon alles, ich will dem gleichwohl eine Freude machen. Und dann ein Los der Fernsehlotterie, das kommt immer gut an und das ist für uns ganz, ganz wichtig.
Krisen und deren Auswirkungen
Thomas Mühlnickel: Christian, magst du mir kurz fünf Sätze vervollständigen?
Christian Kipper: Ich versuche es.
Thomas Mühlnickel: In der Öffentlichkeit beeindruckt mich derzeit.
Christian Kipper: Ja, ich glaube, bei der auch aktuellen, zumindest aktuell empfundenen Stimmungslage, das Engagement der vielen, vielen Menschen im Ehrenamt, über die ich eben schon gesprochen habe, ich glaube, wenn alle Ehrenamtlichen mal 24 Stunden, 48 Stunden ihre Arbeit niederlegen würden, dann hätten wir ein Problem, das wir gar nicht erahnen können, wie groß das wäre. Deshalb, also das Ehrenamt ist für mich wirklich das Wichtigste oder mit das Wichtigste.
Thomas Mühlnickel: Über Deutschland denke ich.
Christian Kipper: Und positiv bei allen Schwierigkeiten, bei allen Herausforderungen leben wir in einem Land, haben wir Glück in einem Land zu leben, das so viel Stabilität, so viel Sicherheit, so viel Großzügigkeit ermöglicht nach wie vor. An vielen Stellen, zu vielen Anlässen wird von Zeitenwende gesprochen. Ich glaube schon, dass wir uns auf Veränderungen einstellen müssen. Und dennoch mit der Kraft dieses Landes, der Organisation, mit der Kraft dieser Menschen, mit der Zuversicht dieser Menschen, ist es möglich, auch diese Veränderung zu bewältigen. Und dazu kann ich eigentlich nur aufrufen, also nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern zu würdigen, was dieses Land bei allen Schwierigkeiten, bei allen Herausforderungen zu leisten in der Lage ist.
Thomas Mühlnickel: Wir sollten mehr Wert legen auf.
Christian Kipper: Auch da würde ich aus aktuellem Bezug nehmen auf Respekt, auf Offenheit, auf Toleranz anderen Menschen gegenüber. Ich erwarte gleichwohl natürlich auch das Berücksichtigen von Spielregeln, von dem Miteinander, in dem wir in diesem Land leben. Die individuelle Freiheit, die ist wichtig, aber sie wird manchmal, glaube ich, auch etwas überstrapaziert in der Anspruchshaltung von allen Menschen in diesem Land, egal ob sie hier geboren sind oder ob sie zu uns gekommen sind. Und ich glaube, eine Gesellschaft, die sich nicht auf Spielregeln verständigt oder mit Spielregeln umgehen kann, die hat am Ende ein großes Problem.
Thomas Mühlnickel: Der nachfolgenden Generation rate ich.
Christian Kipper: Auf keinen Fall den Kopf in den Sand zu stecken. Das Leben ist wunderbar und ich, wie gesagt, bin Anfang 60, gucke also schon auf einen Großteil meines Lebens zurück und das Leben ist wunderbar. Es hat viele, viele Facetten und ist eigentlich nur erlebbar, spürbar, empfindbar, wenn man Höhen und Tiefen erlebt. Also nicht resignieren, nicht Angst haben, sondern voller Mut und Zuversicht in die eigene Zukunft zu gucken.
Thomas Mühlnickel: Morgen wird besser als heute, weil.
Christian Kipper: Das würde ich so per se nicht unterschreiben wollen. Ja, auch da sage ich mal, es ist sicher Wunsch, dass immer alles besser wird, aber es gehört zum Leben auch dazu, mal innezuhalten und sagen, um sich zu fragen, muss ich an jeder Stellschraube immer so weiter drehen, für noch mehr, für noch größer, für noch weiter. Wir sprechen von Nachhaltigkeit, wir sprechen von Umweltschutz, wir sprechen von Bevölkerungsexplosionen weltweit und, und, und. Ich glaube, da gehört es dazu, dass man auch mal innehält und sagt, das Morgen muss nicht immer größer, besser, weiter werden, sondern wir leben nur von dieser Erde und aus diesem Erdball heraus und insofern müsste man sich vielleicht auch mal ein bisschen bescheiden.
Thomas Mühlnickel: Das finde ich einen sehr spannenden Punkt. Nicht immer zu erwarten, dass alles nächstes Jahr 8% oder 10% besser ist und schöner ist und drei Tage mehr Urlaub und 300 Euro mehr Gehalt und so weiter, sondern auch zu sagen, lass uns doch einen realistischen Blick auf die Dinge haben. Und wenn es sich geradeaus entwickelt, kann das auch sehr gut sein.
Christian Kipper: Ja, also ich will gar niemanden die Erwartungshaltung absprechen, aber ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft leben, die gerne Erwartungshaltungen beschreibt, aber dann immer erstmal zum Nachbarn guckt. Also ein ganz simples Beispiel, wenn ich morgens ins Büro komme, dann, dieser Ruf eilt mir schon voraus, dann gehe ich erstmal durch die Räume und gucke, wo unnötigerweise Licht brennt. Und den Strom bezahle ich gar nicht selbst, sondern es bezahlt das Unternehmen. Und trotzdem finde ich das so überflüssig. Und diese Achtsamkeit auch auf solche Kleinigkeiten, das mag man lächerlich finden, ist vielleicht auch kleinkariert. Aber das ist für mich so ein empfundenen Stück kleiner Beitrag auch zur Nachhaltigkeit, zum Umweltschutz und, und, und, und, und. Und ja, sowas treibt mich dann um. Und ebenso wie ich mich wahnsinnig störe, wenn ich durch unsere Städte gehe und sehe, wie verschmutzt sie sind. Überall stehen Papierkörbe. Ich weiß ja, als ich kleiner Junge war und achtlos mal ein Bonbonpapier habe fallen lassen, da hat mich meine Mutter am Ohr gezogen und gesagt, aufheben, dort ist der Papierkorb. Ich sitze hier frohen Mutes, also das Ohrziehen hat nicht geschadet. Aber ich glaube, an solchen Dingen fehlt es ein bisschen und nicht immer die Erwartungshaltung, da ist schon jemand, der sich drum kümmert. Nee, dieser jemand ist eben nicht immer da und diese Erwartungshaltung ist auch nicht gerechtfertigt, in meinen Augen.
Thomas Mühlnickel: Es erledigt niemand anderes für uns. Jeder muss seinen Beitrag leisten und versuchen, ein Vorbild zu sein. Wenn jeder versucht, ein guter Mensch und ein Vorbild zu sein, dann haben wir schon wirklich viel geschafft.
Christian Kipper: Ja, ja.
Thomas Mühlnickel: Christian, wir hatten jetzt in den letzten Jahren viele Krisen. Nehmen wir Corona, nehmen wir den Ukraine-Krieg, die Inflation, die daran angeschlossen war, die Klimakrise, die uns noch sehr, sehr, sehr lange beschäftigen wird, wahrscheinlich noch weit über unsere Lebenszeiten hinaus. Merkt ihr das bei euch auch in der Arbeit, dass diese vielen Krisen mitbekommen.
Christian Kipper: Ja, ja. Wir merken das eben auch bei der Gesellschaft. Dem Punkt, der für uns ganz wichtig ist beim Losverkauf, sobald eine Verunsicherung in der Gesellschaft da ist, sind die Leute zurückhaltender, man verzichtet eher auf das Los und das Mitspielen bei uns, wenn man nicht weiß, wie das Morgen oder das Übermorgen aussieht und wir merken dann eben auch, dass die Prioritäten anders gesetzt werden. Also wir merken das in unserem Tagesgeschäft schon im wirtschaftlichen Bereich. Wir merken es aber auch, muss ich sagen, so in der Kommunikation mit den Mitspielerinnen und Mitspielern, also mit den Anliegen. Der Ton ist ein anderer. Man merkt schon, dass Leute auch gereizter sind und wenig Verständnis haben, dass häufig eine Erwartungshaltung beschrieben ist, ohne dass ich die Chance hatte, auf ein Anliegen überhaupt zu reagieren. Also wir merken schon auch schwierige Phasen, die die Gesellschaft umtreibt.
Thomas Mühlnickel: Hast du eine Idee, wie man diesen ruppigen Ton wieder zurückkriegen kann? Also ich habe auch diesen Eindruck, als wäre er aus den sozialen Medien, wo man machen kann, was man will, weil es so ein Eldorado ist, so ein wilder Westen, ist das irgendwie rübergeschwappt mittlerweile ins echte Leben und die Anspannung und die Unzufriedenheit der Leute, die wird mittlerweile sehr viel lauter auch transportiert. Und ich stelle mir selber auch oft die Frage, was können wir eigentlich dagegen tun? Und jetzt hoffe ich auf dich als weisen Mann, dass du mir eine Idee geben kannst.
Christian Kipper: Du spielst jetzt nicht auf meine Haare an.
Thomas Mühlnickel: Nein.
Christian Kipper: Apropos weißer Mann. Nein, also, ich will mal sagen, es ist, Ich habe ja eben von meiner Mutter erzählt. Ich will sagen, ich habe das Glück, in behüteten Verhältnissen groß geworden zu sein. Meine Mutter war nie berufstätig. Die war berufstätig, hat dann mit der Familiengegründung aufgehört zu arbeiten.
Christian Kipper: Vieles lernt man ja, also vieles sind Dinge aus der Schule des Lebens, wie man so schön sagt und ich glaube diese Schulen, wo auch immer sie stattfinden können, ob im Elternhaus, im Kindergarten, in der Schule, diese Schulen kommen solchen Aufgaben nicht mehr ausreichend nach oder schaffen es nicht mehr diesen Aufgaben nachzukommen. Wer soll jemandem sagen, du hast einen anderen Ton im Umgang mit anderen Menschen anzuschlagen, wenn der es nie gelernt hat? Also ich will dafür gar kein Verständnis aufbringen, aber der Volksmund sagt, was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Also das mag auch ein antiquierter Ansatz sein, aber so ganz falsch, glaube ich, ist er nicht. Und ja, welches Rezept gibt es dafür? Eben das Besinnen auf wichtige Dinge und es muss nicht immer weiter und schneller und individueller sein, sondern so ein Gedanke aus den Anfängen unseres Gespräches, der Respekt vor dem Gegenüber.
Christian Kipper: Egal welchen Alters, egal welcher Hautfarbe, egal ob er geboren ist, egal welcher Religion und, und, und, und, und. Und das ist einfach so ein Stück weit vielleicht verloren gegangen oder zu wenig präsent in unserer Gesellschaft. Wer das leisten kann, wer das wieder auf ein anderes Niveau heben kann, da bin ich jetzt aus dem Stand heraus auch überfragt. Aber letztlich ist es eine Erziehungsfrage, eine Bereitschaftsfrage, sich den Spielregeln, von denen wir ja auch schon gesprochen haben, unterzuordnen, sie zu akzeptieren. Ja, daran müssen wir arbeiten.
Thomas Mühlnickel: Da gehört vielleicht nicht nur dazu, respektvoll mit anderen umzugehen, sondern auch Respekt einzufordern. Auch nochmal andere daran zu erinnern, dass es doch alles viel schöner ist, wenn wir respektvoll miteinander umgehen.
Christian Kipper: Ja, wir wissen ja, dass wir auch in weiten Teilen in einer Besserwissergesellschaft leben. Also das Einfordern ist es, ich werde dann mit der Belehrung von der anderen Seite konfrontiert. Also es ist ein schwieriger Prozess, es ist gar keine Frage, aber den Kopf eben nicht in den Sand stecken, sondern wir wissen, wir haben es als Problem erkannt und wir müssen was tun, wenn unsere Gesellschaft weiterhin funktionieren soll.
Thomas Mühlnickel: Christian, was macht dir Mut?
Christian Kipper: Das Leben.
Thomas Mühlnickel: Tolle Antwort.
Christian Kipper: Das Leben macht mir Mut. Es geht immer weiter und es ist nicht nur die Uhr, die weiterläuft oder das neue Jahr, in dem man dann älter wird, sondern das Leben gibt dir Empfindungen, gibt dir Erfahrungen, gibt dir Begegnungen. Das Leben ist ein ständiges Lernen, aus dem man dann einfach das Positive zieht und lernt, dass es noch besser geht. Man lernt, dass Resignation nichts bringt, lernt, dass man eine Lösung braucht, dass man Hilfe geben muss. Also das Leben macht mir Mut, weil es wunderbar ist.
Blick in die Zukunft Europas
Thomas Mühlnickel: Christian, was ich dir vorher nicht verraten habe, dieses Studio ist in Wahrheit eine Zeitkapsel. Wir fliegen jetzt hier von ASK rüber ans Brandenburger Tor und steigen im Jahr 2050 wieder aus. Was für ein Land sehen wir?
Christian Kipper: Ich hoffe, ein friedvolles, glückliches Land mit guten Rahmenbedingungen. Ich glaube aber, dass das bei allen Schwierigkeiten auch heute in unserem Land gegeben ist. Ich will den Bogen mal etwas größer schlagen. Wir haben eingangs vom Fall der Mauer 1989 gesprochen und ich glaube, 1990 oder 1991 hat Václav Havel damals gesagt, wir Westeuropäer müssten uns mal klar sein, dass Europa bis an den Ural reicht. Nun fällt es gerade heute in Zeiten des russisch-ukrainischen Krieges schwer, weiter in den Osten zu gucken, aber ich wünsche mir, dass dieser Kontinent eben sich als Ganzes versteht, in seiner Vielfalt, in seiner Tradition, in seinen Unterschieden. Und dass diese Vielfalt, diese Unterschiede ein solches Fund sind, auch im Miteinander mit anderen Weltregionen. Dieses Europa ist ganz wunderbar und ich bin im Schwarzwald groß geworden. Ich kenne noch die Schranke, wenn ich in Kehl über die Grenze nach Straßburg fuhr.
Christian Kipper: Irgendwann war die Schranke weg und man fuhr ganz selbstverständlich hin und her, hat drüben eingekauft, den Tag drüben verbracht und, und, und. Ich bin vor kurzem mal von Görlitz nach Breslau gefahren, Wrocław gefahren. Für mich ist es Breslau und ich finde es ganz großartig, durch diesen wunderbaren, wunderschönen Landstrich Schlesien durchfahren zu können, Breslau heute zu erleben als junge Stadt mit vielen Studenten, ein buntes, lebendiges Stadtbild. Ich kann da hin. Das konnte ich bis 89 nicht. Und das erfüllt mich mit Glück und das wünsche ich mir auch irgendwann mal wieder mit Moskau, mit Odessa, mit Leningrad und wie all die Städte heißen, die bis zum Ural liegen.
Thomas Mühlnickel: Als eine Kollegin vor ein paar Wochen zu mir sagte, Christian Kipper hat zugesagt, er wird demnächst in den Podcast kommen. Seit diesem Tag habe ich mich darauf gefreut, weil wir kennen uns ja schon ein paar Jahre, selten gesehen, aber wir haben uns vor ein paar Jahren schon mal für ein Projektlinger getroffen. Und ich habe gesagt, ich freue mich sehr, weil Christian Kipper ist so ein feiner, netter Mensch, der so gute Geschichten zu erzählen hat. Und du hast exakt das heute auch im Podcast gemacht. Ich habe mich sehr gefreut über das, was du mir erzählt hast. Vielen, vielen Dank, dass du gekommen bist und danke für dieses wunderbare Gespräch.
Christian Kipper: Ich danke dir, Thomas, deinem Team. Bin sehr gerne gekommen und hoffe, dass viele Menschen Spaß beim Zuhören haben. Dankeschön.