Wird die Zivilgesellschaft unterschätzt, Katarina Peranić?

24.10.2025
Folge
20
Zu Gast
Katarina Peranić
beschreibung

Katarina Peranić ist Vorständin der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt (DSEE) – einer bundesweiten Anlaufstelle zur Förderung von bürgerschaftlichem Engagement. Im Podcast spricht sie über Optimismus. Über ihr Kinder-Sporttraining in Stuttgart, das für sie ein Gegengift war nach dem erlebten Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Und über ihren Glauben an unsere Zivilgesellschaft

Transkript (KI-generiert)

Thomas Mühlnickel: Katharina, herzlich willkommen. Schön, dass du da bist.

Katarina Peranić: Ich freue mich auch, hier zu sein.

Thomas Mühlnickel: Unser Podcast heißt ja, damit die Guten gewinnen. Wer sind denn für dich die Guten?

Katarina Peranić: Für mich sind die Guten die Menschen, die ihre Freizeit für andere einsetzen. Ehrenamtliche Menschen, Menschen, die sich freiwillig engagieren, Menschen, die machen.

Thomas Mühlnickel: Die Leute, die Gemeinschaft und Gesellschaft zusammenhalten.

Katarina Peranić: Ja, und gestalten, ganz genau.

Thomas Mühlnickel: Katharina, du bist jetzt seit 2020 Co-Vorständin der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt und du warst vorher schon bei der Stiftung Bürgermut. Wie hat dich dieses Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt, Gemeinschaft, Ehrenamt, wie hat dich das schon immer gekriegt, dass du da angefangen hast, dass du reingekommen bist?

Katarina Peranić: Tatsächlich in der Jugend, wie so häufig. Ich war selbst in einem Sportverein aktiv, Kunstturnerin. Das war total toll. Da wurde ich natürlich trainiert von einer ehrenamtlichen Trainerin, hat sich dann später abgefärbt, eben auch Kindern was beibringen zu wollen und einfach so zu fühlen, was heißt denn das eigentlich, wenn jemand dir was gibt? Also wirklich Empfängerin zu sein, wir sprechen ja ganz häufig von denjenigen, die ehrenamtlich aktiv sind, aber was heißt eigentlich für diejenigen, die das empfangen?

Superschön. Und das ist toll, motivierend, absolut motivierend, vor allem als junger Mensch, wenn man so acht Jahre alt ist und denkt, was kann ich denn eigentlich? Oh wow, ich kann Radschlag, ich kann Rad ohne Hände, ich kann Salto. Und wenn dir das jemand beibringt, das ist schon ziemlich cool. Und darüber hinaus hat mich beschäftigt und mich zu diesem Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt gebracht, das, was in den 90er Jahren auf dem Gebiet von Ex-Jugoslawien passiert ist. Manche nennen es Bürgerkrieg, also wirklich ein schrecklicher Krieg, der damals viele Jahre lang angedauert hat, der auch viele Menschen nach Deutschland gebracht hat auf der Flucht, unter anderem auch in unsere Familie. Meine Familie kommt aus Ex-Jugoslawien und da hat mich natürlich immer die eine wichtige Frage beschäftigt, wie kann es sein, dass in einem friedlichen Land, wo vermeintlich alles gut läuft, Nachbarn friedlich nebeneinander leben, wie kann es dazu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen? Und das hat mich dann dazu geführt, ein Studium aufzunehmen, wo ich das herausfinden wollte. Es gibt viele, viele, viele, viele Antworten auf diese Fragestellungen. Aber ein zentraler Teil davon war eine starke Zivilgesellschaft. Und eine starke Zivilgesellschaft sorgt auch für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und das war eigentlich das Thema, worauf ich nicht nur im Ehrenamt Bock hatte, sondern tatsächlich dann auch in meinem Hauptberuf. Und so kam ich da rein. Also so ein bisschen politisiert, fragend, suchend nach Antworten.

Katarina Peranić: Und dann aber eigentlich gerne ins Machen kommen.

Thomas Mühlnickel: Was hast du studiert?

Katarina Peranić: Politikwissenschaft.

Thomas Mühlnickel: Politikwissenschaft. Bist du ja über zwei Wege reingekommen. Das eine ist Turnen und das andere ist Krieg. Das sind ja schon zwei extreme Pole, die dich am Ende beide eigentlich zum gleichen Punkt geführt haben, zu sagen, wir brauchen Zusammenhalt, wir müssen füreinander was tun und miteinander arbeiten. Lass uns doch gerne beide Wege mal abgehen. Ich finde das beides nämlich hochgradig spannend. Lass uns mal beim Turnen anfangen, ist gerade ein bisschen einfacher. Hast du es wirklich als Kind so wahrgenommen, dass da jemand etwas für dich tut und dir weiterhilft?

Katarina Peranić: Absolut, absolut. Turnen ist ganz schön kompliziert. Ich habe ja gerade die Beispiele gemacht vom Radschlag und dann ohne Hände und dann Salto.

Thomas Mühlnickel: Ich konnte das alles nicht.

Katarina Peranić: Es ist ein wunderbares Körpergefühl, kann ich nur dazu sagen, wenn man das dann schafft. Und klar, so eine Trainerin, die macht das ehrenamtlich. Das ist eine wahnsinnige Verantwortung, was da alles passieren kann. Ich habe auch viele Verletzungen gesehen. Aber das wirklich, diese Verantwortung zu übernehmen für Kinder und sowas hochkomplexes, jemandem beizubringen und du lernst ja auch neben den Kunststücken, die du da lernst, lernst du ja auch sonst noch ganz, ganz viel. Du lernst zu verlieren. Du lernst, was es heißt, hart zu trainieren. Du lernst, mit anderen zusammen auf ein Ziel hinzuarbeiten. Du lernst, dass du Dinge machen musst, auf die du überhaupt keine Lust hast. Bei mir war es immer Krafttraining, fürchterlich. Ich habe andere Sachen lieber gemocht. Und das alles fand statt im Rahmen eines Sportvereins.

Thomas Mühlnickel: Und du hast da eine Trainerin, die dich an die Hand nimmt, die dich begleitet und einfach nur aus Spaß an der Freude dich immer besser macht und auch dafür sorgt, dass du Freude dran hast und das einfach gerne machst. Das ist ja beeindruckend, dass jemand das tut, oder?

Katarina Peranić: Ja, absolut. Und davon haben wir Millionen in Deutschland. Wir haben ja 88.000 Sportvereine in Deutschland. Es gibt ja nicht nur Turnen. Also jeder kennt die ehrenamtlichen Schiedsrichter, Trainerinnen, Trainer im Fußballverein, Hockey, Volleyball, alles was es da gibt. Und das Tolle am Sportverein ist, da ist total egal, wo du herkommst. Und bei mir selbst ist es ja so, ich habe ja eine Migrationsgeschichte und es war ein toller Ort, auch um mit ganz anderen Menschen zusammenzukommen. Und gemeinsam, also wir haben ja alle auf derselben Stufe angefangen sozusagen. Und dann irgendwie so diese Entwicklungen zu sehen und zu merken, ist eigentlich total egal, wo du herkommst. Und es ist wichtig, dass du gute Rahmenbedingungen hast. Das fand ich ein total schönes Gefühl.

Thomas Mühlnickel: Man bekommt ja noch eine weitere Gemeinschaft. Neben der Familie und der Schule in dem Fall, hast du ja dann mit dem Verein noch eine andere Gemeinschaft. Das wird oft auch verpönt, so als Vereinsmeierei. Und die sind so alle unter sich. Die wollen auch eigentlich gar keine neuen Leute. Was ich immer wahrgenommen habe, egal welcher Verein, das stimmt überhaupt nicht, die freuen sich über jeden Neuen, der dazukommt und irgendwie Spaß hat, beizutragen und du lernst ja nochmal eine ganz andere Gemeinschaft die nicht Zwangsgemeinschaft ist, weil Familie da werden wir halt reingeboren, kann man sich erst im Alter irgendwann mal aussuchen, ob man dabei sein will oder nicht aber im Kern, wenn man erstmal reingeboren, in der Schule ist es ja auch so, da wirst du in der Klasse zugeteilt und dann bist du da drin, die Lehrer werden dir auch zugeteilt und beim Verein hast du ein Stück weit eher eine aussuchende Funktion, ist das Ist für die, die da teilnehmen und die, die da auch ehrenamtlich unterwegs sind, vielleicht auch das Spannende an dieser Gemeinschaft?

Engagement in Ostdeutschland, auf dem Land und in der Fläche

Katarina Peranić: Ja, mit Sicherheit. Das ist so ein Grundprinzip von bürgerschaftlichem Engagement. A, dass es freiwillig ist, also ich wähle selber aus. Und B, und das finde ich am allerwichtigsten, dass es eigensinnig ist. Ist jetzt vielleicht im Sportverein nicht ganz so ausgeprägt, wenn wir wirklich beim Erlernen einer Sportart, wenn wir darüber sprechen. Aber wenn es darum geht, beispielsweise auch im Sportverein, was ja ganz stark in Deutschland stattfindet, eben auch Antirassismusprojekte auf die Beine zu stellen oder auch als Sportverein irgendwie nachhaltige Wege zu gehen, hat schon was mit Eigensinn zu tun und das ist cool, das kann man eben im Engagement machen.

Thomas Mühlnickel: Lass uns nochmal kurz den anderen Weg abgehen. Du sagtest, gesellschaftlicher Zusammenhalt ist wichtig, um nicht in einen Krieg zu verfallen, damit sich nicht Leute, die in einem gemeinsamen Staat leben, jetzt kann man über Volksstämme reden und so weiter, aber trotzdem Leute, die in einem gemeinsamen Staat leben, sich nicht am Ende übereinander herfallen und sich gegenseitig bekriegen und massakrieren. Was kann das Ehrenamt dafür tun, dass das nicht passiert?

Katarina Peranić: Ich glaube das Ehrenamt ist so die kleinste gemeinschaftliche, ich weiß nicht, Zelle, ob man das so sagen kann, wo eben unterschiedliche Menschen zusammenkommen, wo auch unterschiedliche Themen zusammenkommen, die man dann, weil man ja doch irgendwo verbunden ist. Das Schöne ist ja, man ist ja durch die Sache, die man gemeinschaftlich tut, verbunden, hat da also irgendwie eine gute Basis zusammen, aber man kann durchaus anderer Meinung sein in spezifischen Themenfeldern und das kann man dann eben in dieser Vertrautheit, denke ich, auch gut aushandeln und diskutieren. Und deswegen gibt es immer so diesen Begriff, den ich auch gerne nutze, dass quasi das Engagement und Ehrenamt so die kleine Schule der Demokratie ist, weil wir da eben lernen, mit unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen umzugehen. Und ich glaube, das ist total essentiell und auch nochmal das, was ich eben gesagt habe, dieser Eigensinn. Eine vitale Zivilgesellschaft, ein Krieg bricht ja nicht einfach nur so aus, da gibt es ja auch durchaus politische Punkte, die dazu geführt haben. Und wenn wir keine freie Zivilgesellschaft haben, die auch den Finger in die Wunde legen kann, was eine ganz wichtige Funktion ist, einer aktiven Demokratie, die eben durch Ehrenamtliche auch erfüllt wird, wenn wir das nicht haben, dann erodieren Systeme und dann entstehen auch Gefahren und Bruchlinien.

Thomas Mühlnickel: Haben wir das ein Stück weit verlernt, dass Gesellschaft, Gemeinschaft kein Lieferdienst ist, der irgendwie vom Staat bereitgestellt wird, sondern etwas ist, woran wir alle auch unseren persönlichen Beitrag leisten müssen?

Katarina Peranić: Fragst du die Falsche, dass ich mich schon seit so vielen Jahren mit engagierten Menschen umgebe und einfach tagtäglich sehe, wie viele Millionen es tun? Es sind ja fast 30 Millionen in Deutschland, die ehrenamtlich unterwegs sind. Also kann ich sagen, nein, es ist nicht verlernt worden, aber ich glaube, es ist nicht so sichtbar.

Thomas Mühlnickel: Das heißt, wir müssen es auch in dieser polarisierten Zeit wieder klarer machen, dass Ehrenamt da ist und Ehrenamt für uns alle etwas tut und hilft?

Katarina Peranić: Ja, das würde ich auf jeden Fall unterschreiben und vor allem denjenigen, die Lust hätten, das auch mal auszuprobieren, quasi den Raum geben und auch die Rahmenbedingungen schaffen, dass sie es tun können, weil das Tolle am Engagement ist, so diese Selbstwirksamkeit wieder zu spüren. Und wenn du selbstwirksam bist, dann weißt du, du kannst was gestalten. Es ist dann eben nicht so, dass dir alles vorgesetzt wird, dass du das Gefühl hast, keiner sieht mich, ich bin unsichtbar, sondern dass du ein Teil dieser Gesellschaft bist, die mitgestaltet.

Thomas Mühlnickel: Ist das nicht eigentlich ein ganz geiler Job, den du hast? Ja.

Katarina Peranić: Logo.

Thomas Mühlnickel: Du bist so, Motorfördererin dessen, dass Leute sich engagieren können, dass Leute zusammenkommen. Du hast natürlich Stiftung, das ist halt so, da hat man auch Gelder, die man dann dafür einsetzen kann und Projekte auf den Weg bringen kann. Und das sind ja, durchweg, durch die Bank weg, positive, coole Sachen, die du auf den Weg bringen kannst.

Katarina Peranić: So kann man es sehen. Du willst jetzt was Negatives hören.

Thomas Mühlnickel: Dann das will ich jetzt gar nicht verleihen.

Katarina Peranić: Dort, wo Licht ist, ist auch Schatten. Aber wo ist der Schatten?

Thomas Mühlnickel: Du kannst auch nur von der Lichtseite erzählen, wie spaßig der Job ist, weil ich habe es mir tatsächlich in der Vorbereitung, habe ich gedacht, das ist ein echt toller Job, den sie hat, weil, du hast da die Möglichkeit, viel zu gestalten und siehst am Ende immer, wie Dinge, klar wird auch ein Projekt mal nicht gut funktionieren, aber trotzdem im Kern sind es ja positive Dinge, die er auslöst.

Katarina Peranić: Ja, es ist super. Wir haben eine absolut tolle Hebelwirkung. Die Stiftung gibt es ja noch nicht so lange. Und es ist ja auch so, dass die Förderung von Engagement und Ehrenamt von staatlicher Seite, unsere Stiftung ist ja eine Bundesstiftung, auch früher erfolgt ist. Also es gibt es ja nicht erst seit fünf Jahren, aber nicht so zentral wie jetzt durch die Gründung der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Und das ist schon toll gewesen, diese Stiftung auch aufzubauen, die vergangenen fünf Jahre. Und auch so mit der Erfahrung, die ich mitbringe aus meinen vorherigen Engagements und Hauptämtern, hier auch Programme zu entwickeln, die wirklich wirken. Weil darum geht es am Ende des Tages. Also es geht nicht darum, wie mit der Gießkanne einfach das Geld zu verteilen, sondern es geht darum zu überlegen, wo braucht es jetzt die Unterstützung? In welchem Reifegrad ist denn gerade ein Projekt? So nenne ich das immer so gerne. Wie können wir jemanden unterstützen, der erstmal nur eine Idee hat, den man hinführen kann in längerfristiges Engagement? Wie kann man die unterstützen, die seit vielen Jahren aktiv sind, die auch Hauptamt haben, die wirklich innovative Dinge auf den Weg bringen. Das sind total spannende Fragestellungen und es hat sehr viel mit Produktentwicklung zu tun tatsächlich.

Thomas Mühlnickel: Lass uns da nochmal direkt einsteigen. Es gibt jetzt seit fünf Jahren die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt. Seit fünf Jahren bist du auch Vorständin, ihr seid zu zweit im Vorstand. Was genau ist eure Aufgabe, die euch der Bund gegeben hat, als er die Stiftung gegründet hat?

Katarina Peranić: Im Gesetz steht, es gibt ein Errichtungsgesetz, die Deutsche Stiftung für Engagement und Ehrenamt fördert das wirtschaftliche Engagement und Ehrenamt, insbesondere in strukturschwachen und ländlichen Räumen. So, das war jetzt der Gesetzestext. Tatsächlich ist es so, dass die Stiftung das Ergebnis der Kommission gleichwertige Lebensverhältnisse ist, die damals maßgeblich von drei Ministerien vorangetrieben wurde. Das war das Landwirtschaftsministerium, das Innenministerium und das Familienministerium. Und wir waren letztendlich das Ergebnis einer Arbeitsgruppe, die sich angeschaut hat, was braucht es eigentlich in strukturschwachen und ländlichen Räumen, damit sich die Lebensverhältnisse angleichen können. Und aus der Wissenschaft weiß man schon lange, dort wo das Engagement stark ist, das Ehrenamt stark ist, da geht es den Leuten eben auch besser. Und deswegen haben wir quasi so eine Privilegierung von ländlichen und strukturschwachen Räumen mit auf den Weg bekommen und können das umsetzen, indem wir beraten, indem wir qualifizieren, indem wir Innovationen fördern, indem wir vor allem auch auf Digitalisierung schauen. Das finde ich total smart. Das ist vor fünf Jahren.

Katarina Peranić: Also das Gesetz ist vor der Corona-Pandemie entstanden und das war echt ein Glück damals, da kommen wir wahrscheinlich noch drauf zu sprechen, als wir gegründet wurden in diesem ersten halben Jahr, dass wir das tun dürfen. Und es geht vor allem auch darum, nichts doppelt aufzubauen, sondern zu gucken, wo die Lücken sind und ganz eng mit Bund, Land, Kommune, aber auch Zivilgesellschaft und Wirtschaft zusammenzuarbeiten, um die bestmöglichsten Angebote zu machen, die engagierten Menschen und ihren Organisationen helfen.

Thomas Mühlnickel: Ich würde gerne mal ein theoretisches Beispiel machen, um es zu verstehen. Kommen aus dem Dorf irgendwo in Schleswig-Holstein, könnte man auch als ländlich bezeichnen. Wir kommen da auf die Idee, wir wollen ein ehrenamtliches Programm machen zur Unterstützung von Rentnern, die alleine leben und einsam sind. Wäre das so eine Idee von Projekt, die ich meinem Kreis oder über den Kreis euch oder insgesamt euch direkt pitchen könnte und sagen könnte, ich habe eine Idee, ich würde das gerne aufziehen, ich suche 100 Ehrenamtliche, die sich um alleinstehende Rentner kümmern. Wäre ihr da so ein Partner für mich, um das auf den Weg zu bringen?

Katarina Peranić: Also du kannst auf jeden Fall erstmal bei uns anrufen oder uns eine Mail schreiben, da sind wir auf jeden Fall ansprechbar und es kommt so ein bisschen darauf an, bist du schon in einem Verein organisiert? Wenn ja, dann hätte ich direkt ein Förderangebot für dich. Wir haben ein ganz tolles Mikroförderprogramm aufgesetzt, wo wir pro Jahr so rund dreieinhalbtausend solcher Ideen unterstützen. Uns geht es vor allem bei diesem Programm darum, Vereine dabei zu unterstützen, mehr Ehrenamtliche zu gewinnen, mehr Freiwillige, gute und wirksame Projekte umzusetzen oder auch mal so eine Dankesveranstaltung umzusetzen. Manchmal sind es einfach nur mini kleine Beträge, die helfen, dass was Wirklichkeit wird, was sich dann eben mit Leben füllt und total gut ist für die Gemeinschaft vor Ort.

Engagement in Ostdeutschland, auf dem Land und in der Fläche

Katarina Peranić: Wenn du noch kein Verein hast, aber darüber nachdenkst, einen zu gründen, damit du auch noch andere Fördermittel beantragen kannst, kannst du dich auch an uns wenden. Wir haben auch eine juristische Beratung, also eine kostenlose. Wir haben also schon vielen geholfen, auch eine Rechtsform aufzubauen, beispielsweise bei der Satzungsgestaltung geholfen. Und was wir auch machen, wenn wir nicht unterstützen können, haben wir eine Datenbank, wo andere Förderprogramme drin sind und wir haben auch tatsächlich so eine Fundraising-Beratung, damit die, die bei uns nicht fündig werden oder die wir aus Gründen nicht unterstützen können, auf andere Programme zugreifen können, weil wir wissen, dass nicht immer überall alle Mittel abgerufen werden.

Thomas Mühlnickel: Das finde ich total spannend, dass es diesen Ort gibt, wo es das Wissen gibt und die Steuerung gibt und man einfach sich, Daran wenden kann und dann eben weiß, wie kann ich jetzt das hinkriegen, wenn ich diesen Verein gründen will, in diese Richtung gehen will. Andere Frage, es gibt ja den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Der hat sich ja auf die Fahnen geschrieben für seine Bundespräsidentschaft. Er schaut besonders und fördert besonders das Ehrenamt und Kommunalpolitik. Das sind ja so zwei Bereiche, auf die er sehr, sehr Wert legt. Ist das für euch dienlich, dass der oberste Mann des Staates sich so auf diesem Thema verschrieben hat?

Katarina Peranić: Ja, absolut. Und wir haben ja auch ein gemeinsames Projekt seit Mai diesen Jahres. Wir werden im nächsten Jahr den Ehrentag ausrufen und zwar am Geburtstag des Grundgesetzes. Das ist der 23. Mai im nächsten Jahr. Und da geht es genau um diese beiden Dinge. Es geht zum einen darum, aufzuzeigen, dass unsere Demokratie und unsere Verfassung eben nicht nur auf einem Papier steht, sondern dass sie tagtäglich von Menschen gefüllt wird, die sich eben für andere einsetzen, die einfach nochmal ein bisschen mehr geben. Und der Tag soll vor allem ganz stark in der Kommune aufgehangen sein. Also nicht eine zentrale Veranstaltung im Schloss, so wie sie jetzt letztes Wochenende im September, jetzt gerade im September, stattgefunden hat. Ich muss kurz sagen.

Thomas Mühlnickel: Wir zeichnen am 16. September auf, deshalb war es letztes Wochenende.

Katarina Peranić: Letztes Wochenende, total toll. 4.000 Ehrenamtliche in Schloss Bellevue am Freitagabend. Wir waren auch da mit einem Stand. Der Bundespräsident hat den Ehrentag auch nochmal ganz stark gemacht. Und unsere Idee ist, aufzuzeigen, dass Mitmachen einfach ist, dass es jeder machen kann. Man sieht, was es vor Ort für Möglichkeiten eigentlich gibt und die Vereine dabei zu unterstützen, auch neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu finden. Und dazu haben wir mittlerweile, ich meine, schon 170 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gewonnen, die quasi so wie so kleine Bundespräsidenten bei sich vor Ort den Ehrentag mit unterstützen. Und das kann ein Erfolgsgarant sein, weil es hilft nichts, wenn man von Bundesebene etwas, ja eine Idee hat oder sogar verordnet und das macht er auf gar keinen Fall, sondern man muss sich direkt die Partnerinnen und Partner vor Ort in der Fläche suchen und das sind die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister und so viele von ihnen sind ja auch ehrenamtlich tätig. Das darf man ja auch nicht vergessen. Ohne ehrenamtliche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister würde hier im Land einiges nicht laufen.

Thomas Mühlnickel: Kommunalpolitik wäre geradezu unmöglich ohne das Ehrenamt.

Katarina Peranić: Absolut.

Thomas Mühlnickel: Und ohne Kommunalpolitik funktioniert dieser Staat gar nicht.

Katarina Peranić: Ganz genau. Das ist ja auch eine Stärke unseres Staates, dass wir hier die kommunale Selbstverwaltung haben, wenn es kompliziert ist.

Thomas Mühlnickel: Da gehen viele Leute rein und lassen sich trotzdem auf dem Marktplatz oder auf Social Media beschimpfen und müssen sich eine Menge anhören und engagieren sich trotzdem, indem sie regelmäßig in die Gemeinde- oder Stadtratsversammlung gehen und sich darum kümmern, dass das Gemeinwesen funktioniert. Auch das ist ja eine Form von Ehrenamt, die extrem wichtig ist.

Katarina Peranić: Absolut, total wichtig. Und hier arbeiten wir auch ganz eng zusammen, auch mit jungen Bürgermeistern. Da gibt es ein ganz tolles Netzwerk, das sich gegründet hat, aber eben auch mit anderen Organisationen, die in dem Themenfeld schon seit vielen Jahren arbeiten. Das sehen wir auch. Aber die Fokusrichtung der Stiftung sind tatsächlich eher die klassischen Vereine, aber nichtsdestotrotz, es muss zusammengehen. Also wir müssen zusammenwirken und ein Auftrag der Stiftung ist ja eben auch die Vernetzung von, das ist schon gesagt, Bund, Land, Kommune, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Weil nur wenn wir gemeinsam wirken, können wir was bewegen.

Thomas Mühlnickel: Da ist ja aber auch noch eine Menge zu tun. Also gerade wenn man darauf schaut, dass ihr auch gerade für den ländlichen Raum einen Auftrag habt. Jetzt habe ich auch verstanden, worum man Neutrelitz sitzt.

Katarina Peranić: Yes.

Thomas Mühlnickel: Ich hatte mich jetzt gefragt, die sitzen doch alle in Berlin. Warum sitzen die nicht in Berlin? Jetzt habe ich es verstanden, die sitzen in Neustrelitz.

Katarina Peranić: Aber ist das doch gut.

Thomas Mühlnickel: Weil das muss ja auch schon ein Signal sein. Das gehört natürlich auch dazu, dass ihr nicht die 88.000. Stiftung in Berlin am Ende seid oder in Bonn oder Frankfurt, wo sie alle sitzen, sondern dass ihr dann auch, wenn ihr schon den Zweck habt, auch den ländlichen Raum zu fördern, dass ihr dann eben auch in Neustrelitz sitzt.

Katarina Peranić: Genau. Und das war auch sehr spannend, aus Neustrelitz heraus diese Stiftung aufzubauen. Wir sind ja mittlerweile 100 Köpfe. und es ist viel Überzeugungsarbeit auch erstmal aufzuzeigen okay, Kann ich da, will ich da hinziehen? Will ich dort mitmachen? Warum nicht in Berlin? Aber mittlerweile ist es so, dass wir fast 60 Prozent der Menschen, die bei uns arbeiten, kommen aus dem Landkreis. Im Übrigen, der Landkreis ist zweimal so groß wie das Saarland, wenn man das sagen darf. Also auch wahnsinnige Distanzen. Und der Rest kommt aus der ganzen Republik, weil am weitesten weg ein Kollege aus dem Allgäu, einige Berliner im Münsterland, also wirklich, wir haben da ganz unterschiedliche Menschen und das funktioniert auch gut, einfach dadurch, dass wir auch sehr gut digital arbeiten können, uns aber auch vor Ort sehen und die Wahl des Sitzes ist auch von daher sehr gut, weil wir persönlich spüren, was es eigentlich bedeutet, im ländlichen Raum zu arbeiten, Dinge aufzubauen und umzusetzen. Es ist nicht so einfach wie in Berlin im Innenstadtring. Das sind schon Unterschiede.

Thomas Mühlnickel: Aber gleichzeitig ist es ja gut. Es schafft Arbeitsplätze, es schafft Verdrahtung in der Region, es schafft Steuereinnahmen am Ende auch. Insofern zeigt es dann ja eben auch, wenn dann eine Stiftung mit einem Ende 100 Köpfen dahin geht, dass auch im ländlichen Raum etwas passiert und vorangeht. Und was ja genau eins der Probleme, die wir in Deutschland zurzeit haben, ist, dass sich die Leute auf dem Land oder im Nicht-Ballungsgebiet sehr oft abgehängt fühlen, weil viele Ressourcen an Geldern, an Arbeitsplätzen, an Köpfen immer in die Ballungsräume gehen und das Land immer so ein bisschen vergessen wirkt dabei.

Katarina Peranić: Ja, absolut. Aber ich habe jetzt in den letzten fünf Jahren wirklich feststellen dürfen, was da eigentlich auch alles geht. Und das ist echt unglaublich. Da werden Bahnhöfe, die nicht mehr in Betrieb sind, zu Maker- und Hackerspaces umgewandelt. Da werden Dorfkerne wiederbelebt, auch wirklich aus reiner ehrenamtlicher Kraft. Da finden dann auch Sprachcafés statt, dein Projekt für die Einsamkeit im Alter, solche Dinge. Oder in Neustrelitz, ganz cool, da gibt es den Ping-Pong-Salon. Das ist quasi so ein ...

Thomas Mühlnickel: Ping-Pong-Salon.

Katarina Peranić: Ping-Pong-Salon. Es ist ein Ladenbüro, das lange nicht genutzt wurde. Da hat sich ein Verein angemietet, alles so ein bisschen fancy gemacht, so ein bisschen wie in der Großstadt, eine Tischtennisplatte reingestellt. Und dieser Ort ist einfach offen für alle, um ins Gespräch zu kommen. Und das ist toll, weil da gehen ganz unterschiedliche Leute rein. Und da kommt wieder das, was wir vorhin auch schon besprochen haben. Ist, unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kommen zusammen, weil sie eine Gemeinsamkeit haben, sie haben Lust, Pingpong zu spielen und kommen darüber ins Gespräch, über die Stadt, über die Möglichkeiten in der Stadt, über die Herausforderungen und im Idealfall vielleicht dann auch ins Gemeinsame tun.

Thomas Mühlnickel: Das ist ja das, Wenn ich mich selber ehrlicherweise auch zu wenig engagiere, was ich so liebe an den Fußballvereinen, an den Feuerwehren, an den Tennisvereinen, was es nicht alles immer gibt, die ja auch auf dem Land immer noch sehr gut vertreten sind, weil da kommen einfach alle zusammen. Und da hat man auch ein gemeinsames Interesse und ein gemeinsames Thema. Das muss ja nicht immer nur die große Politik sein, über die alle reden und sich gegenseitig die Köpfe einhauen, warum das eine gut oder schlecht ist, sondern dass man einfach mal mit einem gemeinsamen Thema zusammenkommt.

Katarina Peranić: Ja, absolut. Und das sind auch Meinungsführer, die auch für viele andere interessant sind mittlerweile.

Wie Vereine mit Digitalisierung und Bürokratie umgehen

Thomas Mühlnickel: So ist das. Wir kennen diese Strategien. Du hattest eben noch in so einem Nebensatz erwähnt, dass ihr auch Digitalisierung als wichtigen Teil eurer Arbeit habt. Wie muss man sich das vorstellen beim Thema Engagement und Ehrenamt?

Katarina Peranić: Genauso wie in jedem anderen Sektor auch, in der Wirtschaft, in der öffentlichen Verwaltung, in der Wissenschaft, in den Medien, ist Digitalisierung natürlich auch ein großes Thema im Engagementbereich. Insbesondere, wenn wir uns anschauen, wie viel Zeit auch gerade ehrenamtliche Vorstände und Vorständinnen mit Prozessen und auch ein bisschen Bürokratie verbringen, müssen da helfen natürlich digitale Prozesse. Also es gibt so zwei Zielrichtungen, die wir bedienen. Zum einen Digitalisierung nach innen. Da haben wir ein wunderbares Programm aufgebaut, nennt sich 100 Mal Digital.

Da kannst du dich mit deiner Idee bewerben oder beziehungsweise deiner Herausforderung. Du sagst jetzt irgendwie, ja ich habe jetzt hier einen, welchen Verein hast du nochmal? Der Verein, der sich um die Einsamkeit bei älteren Menschen in Schleswig-Holstein kümmert. Ich habe jetzt die Adressdaten von meinen 100 Seniorinnen und Senioren einfach nur irgendwo auf so ein Post-it draufgeschrieben. Ich brauche da jetzt irgendwie so ein besseres Tool, um auch Terminierung zu machen. Dann kannst du dich mit dieser Herausforderung bei uns bewerben. Das machen 600 Organisationen pro Durchlauf bei uns. 100 werden ausgewählt und die erhalten von uns Coaching, also wirklich auch Digitalexperten an die Seite. Die bekommen 20.000 Euro und die bekommen vor allem etwas, was total wichtig ist, ein Netzwerk von 99 anderen Organisationen, die an ähnlichen oder auch anderen digitalen Herausforderungen arbeiten und daraus entstehen dann wiederum Gruppen. Und das ist eigentlich das Schönste. Zum Ersten bekommen sie wirklich eine konkrete Lösung am Ende des Programms und zum Zweiten haben sie ein neues Netzwerk. Und dadurch entstehen dann neue Gruppen, die, keine Ahnung, so Open Source Projekte umsetzen oder die sich auch so um digitale Kommunikation kümmern. Also auch so ein bisschen die Hilfe zur Selbsthilfe, das sich gegenseitige Stärken über den Engagementbereich hinweg, also Sportverein mit Einsamkeitsinitiative. Und das ist ziemlich cool.

Thomas Mühlnickel: Spielt KI dafür ja auch schon ein großes Thema?

Katarina Peranić: Ja.

Was Politik und Verwaltung von der Zivilgesellschaft lernen können

Katarina Peranić: Wir haben auch viele Veranstaltungsformate. Wir haben auch ein Programm, ich hatte ja vorhin von dieser Kette berichtet, das nennt sich TransformD. Da unterstützen wir auch ganz konkret so gemeinwohlorientierte Digitalisierungsprojekte. Da spielt KI eine sehr große Rolle. Ein Projekt, was ich auch gerne erwähne, was wir unterstützt haben, hat ein Tool gebaut mittels KI, um Vereinen, die das Erstellen von Förderanträgen zu erleichtern. Und du kannst da quasi deine Idee reinpitchen in das Tool. Das grast dann ab, welche Förderprogramme wären passend und hilft dir auch, dann einen Förderantrag zu erstellen.

Das ist natürlich eine tolle Sache, wenn das gut funktioniert. Ist jetzt noch ganz neu, muss wahrscheinlich noch ein bisschen trainiert werden, aber da sind coole, gute Ideen da. Wir machen aber auch nicht nur die konkrete Unterstützung, wir öffnen auch den Raum, um über ethische Fragestellungen und gesellschaftspolitische Fragestellungen im Kontext von Digitalisierung und KI zu sprechen. Dazu haben wir einen großen Summit mit rund 1000 Gästen, den wir schon zweimal veranstaltet haben oder auch den Digital Social Summit, wo wir schon vor drei Jahren zum Thema KI auch viele Menschen aus der Zivilgesellschaft zusammengeholt haben, weil aus unserer Perspektive diese Stimme aus der Zivilgesellschaft in der Politik eine ganz große Rolle spielen sollte. Also wenn du an die Caritas denkst, wenn du an die Wohlfahrt denkst, wenn du an die Sportvereine, also den DOSB denkst mit all seinen Strukturen oder die Umweltverbände, die haben so viele Mitglieder, die haben mit so vielen Menschen zu tun in unterschiedlichen sozialen Lagen.

Meine Frage ist, sieht Politik immer wieder, welche Gefahren, welche Herausforderungen gibt es eigentlich für die Menschen? Und ich fände es toll, wenn quasi dieser Seismograph, der die Zivilgesellschaft ist, gehört wird, um wirklich schlaue gesetzliche Vorhaben auch auf den Weg zu bringen und dieses Wissen auch mit einzubeziehen.

Thomas Mühlnickel: Wenn ich richtig informiert bin, habt ihr around about 30 Millionen im Jahr zur Verfügung zur Förderung von Projekten.

Die Arbeit der DSEE: Wer gefördert wird – und warum

Thomas Mühlnickel: Habt ihr ein Problem, das Geld loszuwählen?

Katarina Peranić: Nein.

Thomas Mühlnickel: Ihr könntet mehr Geld loswerden.

Katarina Peranić: Ich gebe dir ein Beispiel. Als wir im Jahr 2020 im Juli gestartet sind, hatte die Stiftung rund 20 Millionen Euro zur Verfügung. Es war mitten in der Corona-Pandemie, also 2020. Wir waren mit dem Aufbau beschäftigt. Aber es gab den Wunsch, dass wir doch jetzt ein Programm aufsetzen, was ich und meinen Co-Vorstand, der Jan Holze, auch als dringlichst angesehen haben. Also haben wir das Programm gemeinsam wirken in Zeiten von Corona aufgesetzt. Politik sagte damals zu uns, wenn ihr es schafft, drei Millionen zu verteilen, seid ihr richtig gut. Ihr seid ja erst zwei Monate alt. Und haben gesagt, nee, es kann eigentlich nicht sein, es ist Corona. Die Vereine sind überhaupt nicht so aufgestellt, dass sie quasi ihre Angebote auf digital umstellen können. Wir wollen da schon ein bisschen mehr schaffen. Am Ende des Tages hatten wir ein Antragsvolumen von 200 Millionen Euro, 12.500 Anträge. Wir waren in dieser Stiftung damals erst zu zweit, dann zu siebt, dann zu neunt. Haben dann noch Unterstützung von anderen Behörden bekommen bei der Antragsprüfung.

Und mit diesem Mal war die Stiftung auf einmal total krass in der Fläche, weil wir so getrommelt haben, weil wir einfach wollten, dass jeder von diesem Programm erfährt. Und das nur als ein Beispiel. Also jedes Programm der Stiftung ist überbucht. Wir haben, du sagst 30 Millionen, ich sage immer, wir haben fast 30 Millionen Engagierte. Das ist ein Euro pro engagierter Person. Ich meine, das dürfte mehr sein. Das wäre nicht richtig gut. Ja, der Bedarf ist immens und wir wissen, dass wir nicht decken können und deswegen haben wir so viele andere Angebote geschaffen, um auch nochmal andere Wege zu anderen Förderpartnern zu erschließen, die Vernetzung, auch das Wissen, auch gerne pro bono Kooperationen mit der Wirtschaft auf den Weg zu bringen. Also wir versuchen da wirklich alle Ressourcen anzuzapfen, um den Organisationen Hilfe zu geben.

Thomas Mühlnickel: Dann haben wir jetzt doch eine ganz kleine Schattenseite deines Jobs gefunden.

Katarina Peranić: Ja, das ist ganz schön schlimm, abzusagen.

Thomas Mühlnickel: Ja, ihr könnt nicht alles machen, was ihr gerne machen würdet.

Katarina Peranić: Genau. Und da sind so viele tolle Ideen dabei. Und da muss man natürlich auch aufpassen, dass die Balance nicht zu krass wird, weil natürlich ein Verein, wenn er sich zum ersten Mal aufmacht, überhaupt öffentliche Mittel zu beantragen und eine Absage bekommt, das ist eine große Enttäuschung. Und das ist uns sehr, sehr bewusst. Deswegen machen wir Folgendes seit Anfang an. Also bevor wir ein Programm ausschreiben, haben wir ganz viele Webinare. Man kann bei uns anrufen. Wir sind sehr nahbar und ansprechbar. Wir wollen einfach auch, dass es ein Vertrauen zu einer staatlichen Institution gibt. Und das ist uns ganz, ganz wichtig. Und dann auch in der Umsetzung, das ist ja so mit öffentlichen Mitteln, kann es ja nicht einfach so ausgeben, da gibt es ja auch Regularien, da begleiten wir auch ganz eng. Und ein Erfolg für uns ist, dass rund 60 Prozent gerade in der Mikroförderung der beantragten Projekte von Organisationen kommen, die noch nie vorher Förderung erhalten haben, staatliche. Und das ist toll, weil wir es schaffen, etwas, was häufiger eher nur den Profis zur Verfügung steht, wirklich den rein Ehrenamtlichen auch zur Verfügung zu stellen.

Was Politik und Verwaltung von der Zivilgesellschaft lernen können

Thomas Mühlnickel: Vielleicht hilft euch ja auch in der Art, wie ihr arbeitet, weil ihr seid ja sehr offen. Ihr wirkt so richtig durchlässig, indem ihr mit den Leuten arbeitet, nicht wie so eine Bundesbehörde, eine klassische. Liegt das daran, dass ihr so frisch von der grünen Wiese noch kommt?

Katarina Peranić: Also mein Co-Vorstand und ich kommen eben beide auch aus der Zivilgesellschaft. Ich glaube, das ist schon ein wichtiger Punkt, um zu verstehen, wie funktioniert das da, was sind auch so die Hindernisse und die Befürchtungen, wenn es auch um den Staat als Akteur in der Zivilgesellschaft geht. Das ist echt auch ein heiß diskutiertes Thema. Und was total wichtig ist, unser Stiftungsrat, quasi unser höchstes Gremium, hat auch zehn Mitglieder aus der Zivilgesellschaft. Also da ist zum Beispiel der Caritasverband dabei, der Deutsche Feuerwehrverband, aber auch die Bundeskonferenz der Migrantinnenorganisationen oder der DOSB. Und das heißt, wir sind ganz eng mit vielen, vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen permanent im Austausch, also auf Bundesebene. Aber wir gehen auch einfach in die kleinen Orte. Das ist uns wichtig. Wir haben zum Beispiel ganz deutschlandweit Fahrsicherheitstrainings organisiert oder machen jetzt Fördermittelwerkstätten in sehr kleinen Orten, in den Rathäusern, in Kooperation mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern vor Ort, um auch aufzuzeigen, dass es keine Stiftung, die eben nur Hochglanzprojekte macht, sondern wir sind wirklich für die Leute da. Und das ist schon, finde ich, eine Form der Anerkennung.

Thomas Mühlnickel: Absolut. Jetzt hört man uns hier zu, man sieht uns hier zu und findet das total spannend, was du erzählst. Wie kann man denn als einzelne Person euch unterstützen?

Katarina Peranić: Wie kann man uns unterstützen? Wir sind doch dazu da, um uns zu unterstützen.

Thomas Mühlnickel: Frag nicht, wie ihr uns helft, wir helfen euch.

Katarina Peranić: Nein, tatsächlich ist so, das ist der Job. Nein, also worüber wir immer dankbar sind, sind natürlich nochmal Hinweise, wie wir uns besser weiterentwickeln können, was natürlich auch hilfreich für uns ist. Und Abgeordnete sind ganz wichtige Stakeholder für uns. Also wenn ihr zufrieden seid mit der Arbeit der Stiftung, dann lasst das doch gerne auch eure MdBs wissen, also eure Abgeordneten. Wenn ihr Hilfe braucht und wir haben hier noch keine Angebote, dann lasst uns das bitte auch wissen. Also wir sind da total offen. Und eigentlich geht es gar nicht darum, uns zu unterstützen, sondern es geht darum, uns auch zu sagen, was hindert euch zum Beispiel in eurem Engagement? Wo könnte die Stiftung vielleicht auch kommunizieren Richtung Politik und sagen, hey, schaut mal, hier sind wirklich, hier haben wir schon von 100 Leuten gehört, dass eine Sache nicht gut funktioniert, da müsste man mal was machen. Also das ist, finde ich, eine gute Unterstützung, also eigentlich so das Feedback, damit die Angebote besser werden und wir die besser weiterentwickeln können.

Thomas Mühlnickel: Ihr seid unter der Führung des BMI, oder?

Katarina Peranić: Nö, wir haben drei Bundesministerien, die uns tragen und der Stiftungsratsvorsitz wechselt jährlich. In diesem Jahr ist es Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer, den ich letzte Woche kennenlernen durfte. Und zuvor war es das Bundesfamilienministerium. Und jetzt werden wir höchstwahrscheinlich auch noch neuen Akteuren, eine neue Akteurin in den Stiftungsrat bekommen, nämlich die neue Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, die es ja jetzt seit dieser Legislatur gibt. Das wird jetzt auch nochmal spannend.

Thomas Mühlnickel: Es ist ja auch spannend, dass ihr mehrere Partner habt und auch diese wechselnde Beziehungen habt und nicht immer ans gleiche Haus angedockt seid.

Katarina Peranić: Ja, das ist eine Stärke aus meiner Sicht, weil das Thema Engagement so vielfältig ist. Also wir haben, wie gesagt, den Sportbereich, der klassischerweise früher im Ministerium angesiedelt war, jetzt ins Kanzleramt gekommen ist zur neuen Staatsministerin. Wir haben das ganze Thema ländliche Räume, was im Landwirtschaftsministerium ganz stark unterstützt wird, dann quasi die klassische Zivilgesellschaftsförderung im Bundesfamilienministerium und mit diesen drei Häusern haben wir natürlich eine tolle breite Basis, aber das reicht uns nicht. Wir arbeiten mit dem Bundespräsidenten zusammen, mit der Ostbeauftragten der Bundesregierung. Wir letzte Woche einen Preis verdienen an 100 Engagierte aus Ostdeutschland, aus wirklich kleinen Städten, die tolle Engagementideen haben. Die haben alle ein Preisgeld bekommen auf Initiative von Elisabeth Kaiser. Wir arbeiten zusammen mit dem BMZ, wo wir Initiativen fördern, die sich quasi für Belange im globalen Süden einsetzen wollen. Und es ist halt auch wirklich neu, Initiativen zu fördern. Also du musst kein Verein sein, sondern du kannst einfach mit zwei Leuten sagen, ich habe Lust, ein Bildungsangebot auf die Beine zu stellen. Und da unterstützen wir eben auch und wir suchen Partnerschaften. Und das eben nicht nur im politischen Raum, sondern auch zur Wirtschaft, auch zu anderen Akteuren der Zivilgesellschaft, weil nur so kann es funktionieren.

Thomas Mühlnickel: Ich durfte in den letzten Jahren Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg betreuen und ich merke da auch immer, wenn man da im ländlichen Raum unterwegs ist, da ist so ein richtiger Durst und eine echte Dankbarkeit dafür, wenn Dinge bereitgestellt werden und wenn Dinge ermöglicht werden, weil das gibt es halt oft aus Eigeninitiative gibt es das oft nicht mehr und da ist man froh über alles, was von den Seiten kommt und was machbar gemacht wird, insofern, Gut, dass es Zeug gibt.

Katarina Peranić: Ja, wunderbar. Und zu Mecklenburg-Vorpommern möchte ich noch sagen, es gibt auch eine Landesstiftung und das ist auch total toll. Also es gibt auch Landesengagementstiftungen, die das noch granularer und noch stärker in der Kommune verankern können. Und das gibt es in einigen Bundesländern, aber nicht in allen. Und ich fände es total gut, wenn jedes Bundesland so eine Engagementsstiftung hätte, weil ich habe die Zahlen gesagt, 28, 30 Millionen Menschen, die sich engagieren, über 600.000 gemeinnützige Organisationen, da hilft eine zentrale Bundesstiftung alleine nicht.

Thomas Mühlnickel: Da sollten wir gleich nach dem Gespräch nochmal die Länder miteinander abschreiten. Ich habe da ein paar Ideen. Katharina, magst du mir fünf Sätze vervollständigen?

Katarina Peranić: Na klar.

Thomas Mühlnickel: In der Öffentlichkeit beeindruckt mich der Zeit.

Katarina Peranić: Ja, tatsächlich bin ich noch unter dem Eindruck dieses Bürgerfestes in Schloss Bellevue vom Wochenende, weil Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine starke Rede gehalten hat, wo er auch sehr klar benannt hat, dass Menschen, die sich engagieren, die sich für die Demokratie einsetzen, gerade massiv unter Druck sind und dass wir uns dagegen stellen müssen gemeinschaftlich. Es gab eine Minute Applaus. Es war so ein erhellender Moment, muss ich sagen. Genau sowas müssen wir hören. Auch wirklich Mut machen, den Menschen Mut machen, die jeden Tag auch mutig voranschreiten. Das hat mich beeindruckt.

Thomas Mühlnickel: Wie bei Deutschland, denke ich?

Katarina Peranić: Jeden Tag ein bisschen anders nach. Nicht nur nach Nachrichtenlage, sondern ich bin sehr viel unterwegs in Deutschland und ich entdecke immer wieder Neues. Ich schmeiße immer wieder Vorurteile, die sich so in meinem Kopf gebildet haben, über Bord, weil ich vor Ort Dinge sehe, die ich ganz anders eingeschätzt habe. Von daher finde ich, es ist ein ganz schön vielfältiges Land mit sehr vielen bunten und spannenden Menschen.

Thomas Mühlnickel: Wir sollten mehr Wert legen auf.

Katarina Peranić: Spaß, der nachfolgenden Generation rate ich.

Thomas Mühlnickel: Morgen wird besser als heute.

Katarina Peranić: Weil es nicht mehr so windig sein wird.

Thomas Mühlnickel: Heute war der erste Herbststurm.

Katarina Peranić: Oh ja.

Thomas Mühlnickel: Jetzt wurde bei den Frisur ein wenig zerzaust auf dem Weg hierher, aber wir haben es wieder hinbekommen.

Katarina Peranić: So ist es.

Thomas Mühlnickel: Wir sollten mehr Wert legen auf Spaß. Das gefällt mir sehr gut. Spaß im Sinne von mehr Unterhaltung miteinander.

Warum es nicht an Motivation fehlt – sondern an Strukturen

Katarina Peranić: Ja, und auch Freude. Also, dass wir wieder lernen, die Dinge, die auch wirklich positiv an dem Tag laufen, sich auch mal wieder hochzuholen, darüber nachzudenken, sich zu freuen und das eben, diese Freude zu teilen, dabei Spaß zu haben. Und mit Spaß meine ich auch, also was mir unglaublich Spaß macht, ist, wenn ich merke, dass ich wirksam werde, wenn ich merke, ich darf irgendwas Neues ausprobieren, ich darf kreativ werden, ich darf innovativ werden. Das verstehe ich ganz stark unter Spaß und natürlich auch das gemeinsame Lachen ist auch wichtig. Also, dass wir uns nicht so bedrücken lassen von der Wut, die einige Menschen in unserer Gesellschaft haben.

Thomas Mühlnickel: Wirksamkeit und Spaß sind ja auch Teile des Ehrenamts, zumindest im weiten Teil des Ehrenamts. Wir haben knapp 29 Millionen Leute in Deutschland, die sich ehrenamtlich engagieren. Das sind 29 von 83. Das sind ganz schön viele. Trotzdem gibt es einen riesigen Nachwuchsmangel. Wie kommt das?

Katarina Peranić: Es gibt einen Mangel an, also nicht an Menschen erstmal, sondern es gibt einen Mangel an Menschen, die sich längerfristig engagieren möchten. Also es gibt eine sogenannte Engagementforschung, es gibt einen Freiwilligensurvey, der alle fünf Jahre erhoben wird. Der neueste wird jetzt bald vorgestellt, deswegen kann ich jetzt auch nur Zahlen zitieren, die von 2019 sind. Aber wir wissen, dass die Stundenanzahl, in der sich Menschen engagieren pro Woche, sinkt. Das ist ein Problem für Bereiche, wo du längerfristig was brauchst. Also wenn du im Hospizdienst unterwegs bist, wenn du ein Mentor oder eine Mentorin bist und mit Kindern arbeitest, da kannst du nicht sagen, okay, ich mache einmal die Woche zwei Stunden und dann setze ich zwei Wochen aus, sondern da braucht es einfach so eine Langfristigkeit. Das ist tatsächlich eine Schwierigkeit und vor allem gibt es eine Schwierigkeit darin, ehrenamtliche Leitungspositionen zu besetzen. Also es gibt immer weniger Menschen, die bereit sind, sich für vier Jahre zu committen, einfach Schatzmeisterin zu sein, Vorstand zu sein. Da wirklich auch viel Verantwortung zu tragen. Und das sind Punkte, die wir sehen. Und wir sehen auch, dass es, je nachdem, wie man sich die Bevölkerung anschaut, einzelne Gruppen gibt, die nicht so stark repräsentiert sind im Engagement. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer. Fünf Millionen Menschen haben Lust, sich zu engagieren, sind es aber noch nicht, weil sie nicht genau wissen, wo und wie und was sie machen sollen. Und ich finde, dass so eine Gruppe, die sollten wir auch nochmal ganz stark in den Blick nehmen.

Thomas Mühlnickel: Es gibt ja auch immer diesen Satz, Leute wollen mittlerweile eher in Projekten arbeiten und nicht mehr so sehr genau ... Oh Gott, ich habe das Mikro umgehauen.

Katarina Peranić: Du machst den Satz nochmal von vorn.

Thomas Mühlnickel: Bäm, bamm. Was wollte ich sagen?

Katarina Peranić: Projektehaftes Engagement.

Thomas Mühlnickel: Danke. Es gibt ja immer mehr Menschen, die in Projekten arbeiten wollen und weniger auf der langen Linie, wie du es gerade beschrieben hast, sich engagieren können oder wollen. Kann man dem auch begegnen, dass man sagt, man baut Engagement und Ehrenamt mehr Projektweise auf, um mehr Leute wieder reinzukriegen mit dieser geringeren Stundenzahl?

Katarina Peranić: Ja, klar. Und das findet auch statt. Und ich will das auch gar nicht werten. Ich finde jedes Engagement wertvoll, um ehrlich zu sein, weil es ist was Besonderes. Und das Engagement in Projekten ist auch gut, wenn wir uns, Mal überlegen, wenn wir so ein bisschen in die Wirtschaft schauen, wenn wir so über agile Arbeitsweisen denken, da hat man ein ganz großes Ziel und man schneidet das ja auch in kleine Teile. Und genauso kann man es im Engagement eben auch machen. Man kann eine große Vision haben, großes Programm vor Augen haben. Man muss es nur gut und klug schneiden, damit möglichst viele Menschen sich engagieren können, damit es auch eben in ihr Lebensumfeld passt und ich glaube, da gibt es viel Potenzial und das hat auch was mit Organisationsentwicklung zu tun. Die trifft natürlich Vereine auch, ist natürlich noch eine Aufgabe on top, aber wir sind einfach in einer transformativen Welt und auch, das macht auch nicht Halt vor dem Ehrenamt oder dem Engagement oder dem Verein oder der Stiftung. Dem muss man sich stellen, gerade diejenigen, die da auch in Verantwortung sind und da eben auch Räume öffnen, dass man die Dinge vielleicht auch mal anders macht, als man es vor 20 Jahren gemacht hat.

Thomas Mühlnickel: Fallen eigentlich mehr Dinge, die früher im Ehrenamt waren, jetzt in staatliche Hand oder fallen Dinge, die der Staat früher gemacht hat, jetzt ins Ehrenamt oder ist das einfach kontinuierlich?

Katarina Peranić: Das ist eine schwierige Aufgabe. Also es gibt ja kommunale Pflichtaufgaben und freiwillige Aufgaben in der Kommune. Also ich empfinde es nicht so, dass dem Ehrenamt was übergeholfen ist, aber de facto ist es so, dass gerade in den ländlichen Räumen ohne das Engagement und Ehrenamt ganz viele Freizeitangebote in die Stadt. Also wir haben halt nicht drei Opern in Neustrelitz. Aber wir haben Theater. Das ist schon mal ziemlich gut. Nein, aber du weißt, was ich meine. Also ohne die Lust und Kreativität der Menschen, auch gerade in ländlichen Räumen, würde viel wegfallen, wo man meinen könnte, es könnte eine staatliche Aufgabe sein. Aber ich habe die Haltung und das gilt auch für meine Stiftung, dass Engagement niemals Lückenfüllerin sein darf, sondern immer ein Zusatz, um quasi den Zusammenhalt, das Leben vor Ort, bestimmte Angebote für bestimmte Zielgruppen umzusetzen, noch besser zu machen. Im Idealfall ist es sogar so, ich bin nämlich ganz stark der Meinung, dass sehr viele Innovationen im Engagement entstehen, dass Dinge, die so aus der Zivilgesellschaft heraus pilotiert und entwickelt werden, irgendwann mal vom Staat übernommen werden.

Was Politik und Verwaltung von der Zivilgesellschaft lernen können

Katarina Peranić: Weil engagierte Menschen sind so nah dran an anderen Menschen und haben einfach so den Druck, okay, hier funktioniert was nicht gut, dann kommt so dieses Macherinnen Macher-Gen. Wir versuchen jetzt eine Lösung zu finden, die eigentlich auch ideal wäre, wenn sie doch ausgerollt werden würde über den Staat.

Thomas Mühlnickel: Ist denn die Vernetzung innerhalb des Ehrenamts, aber auch zur Wirtschaft und zur Politik ausreichend oder müsste da mehr Austausch stattfinden, wenn man überhaupt weiß, wer tut was?

Katarina Peranić: Das ist ein ganz, ganz wichtiges Thema, was mich eigentlich so seit ich in diesem Beruf tätig bin umtreibt. Also wie schaffen wir es wirklich stärker kollektiv zu wirken, weil die Themen einfach so riesengroß sind. Es gibt gute Ansätze. Ich würde mir wünschen, auch schon jemand bei euch im Podcast, also bei dir, beispielsweise Project Together, die hier ein gutes Modell entwickelt haben, aber auch wir als Stiftung versuchen, eben mit Wirtschaft und Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft Dinge umzusetzen. Wir haben zum Beispiel ein Programm entwickelt, das nennt sich Engagiertes Land. In Orten bis 10.000 Einwohnerinnen haben wir 93 Netzwerke, die eben aus diesen drei Akteuren bestehen, die Engagementstrukturen vor Ort schaffen. Und das ist ziemlich toll. Da ist dann ein Handwerksbetrieb mit dabei, der örtliche Bürgermeister und dann vielleicht der Verein, der sich mal gegründet hat, um die Dorfmitte zu beleben. Und daraus entstehen dann feste Beziehungen. Und wenn wir das schaffen, das im Kleinen zu stärken und es einüben, so miteinander zu arbeiten und es dann hochskalieren, ist ja natürlich fantastisch. Das brauchen wir auch.

Thomas Mühlnickel: Jetzt können wir einmal kurz Werbung machen für die Folge mit Philipp von der Wippel, die du gerade angesprochen hast.

Katarina Peranić: Gerne.

Thomas Mühlnickel: Großartige Folge aus dem Sommer. Und braucht es dann nicht, ich weiß nicht, was ist, ist es eine Datenbank, wo kriegen wir diesen Austausch her? Weil wenn ich jetzt mein Rentnerprojekt im südlichen Schleswig-Holstein mache, weiß ich ja im Zweifel nicht mal, dass es vielleicht etwas ähnliches im nördlichen Schleswig-Holstein gibt und ich ja von ganz vielen Erfahrungen lernen kann und dass vielleicht das Land Schleswig-Holstein das Ganze fördert und es möglicherweise sogar noch eine Initiative der IHK vor Ort gibt, das auch zu supporten. Und genau das müssten wir zusammenbringen, so wie es ja eigentlich jede große Organisation tut oder jedes Unternehmen tut, Dinge zusammenzubringen, um eben synergetisch zu arbeiten. Habe ich manchmal, gerade auf diesem Vereinswesen, ich kann gleich aus einem auch mal berichten, immer das Gefühl, jeder macht so sein Ding und hofft, dass er damit durchkommt.

Katarina Peranić: Ja, das ist ein Thema, was mich tatsächlich schon seit 15 Jahren umtreibt, als ich noch bei der Stiftung Bürgermut war, habe ich genau diese Problematik auch erkannt und habe dann angefangen, die Leute in so Umkonferenzen zusammenzubringen, so im Barcamp-Format, wo jeder einfach sein Thema mit einbringen konnte. Und ich glaube, am Ende des Tages habe ich so 120 Barcamps organisiert zu den unterschiedlichsten Themen. Und was ich jedes Mal feststellen durfte, war, egal ob es sich um das Thema digitale Flüchtlingshilfe drehte, Digitalisierung im Engagement, Nachhaltigkeit, Patenschaften. Es gibt einfach so viele, die Ähnliches tun und ...

Nicht voneinander wissen. Die Frage ist, du hast mir gerade die Frage auf mehreren Ebenen gestellt. Ich weiß nicht, wer bei mir im Ort dieses und jenes macht, dann weiß ich aber auch nicht, wer im Bund so und so macht. Die Frage ist, sollte diese Vernetzung über die Ebenen hinweg stattfinden oder im Lokalen? Ich glaube, so ein Wissenstransfer, ein Inspirationstransfer, den braucht es. Also da ist zum Beispiel Project Together mit der Werkstatt der Mutigen, wo wir auch mit unterstützen, ein guter Anlaufpunkt. Aber es gibt auch ganz viele andere, die sowas machen. Also die Stiftung Bürgermut, bei der ich vorher war, die hat sich das auch auf die Fahnen geschrieben, gerade so im Bereich des gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Und ich glaube, alle Orte, die Menschen mit einer ähnlichen Vision zusammenbringen, sind hilfreich, um so einen Wissenstransfer anzukurbeln. Aber das ist die große Menschheitsfrage. Wie schaffen wir da ein bisschen mehr Transparenz? Also nicht nur die Erkenntnis zu haben, dass es das gibt, sondern dann das Wissen auch wirklich anwendbar zu machen.

Thomas Mühlnickel: Vielleicht müssten wir daran mal arbeiten. Ich habe es selber erlebt, ich saß mal im Familienministerium zum Vorsprechen, da ging es im Kern nicht darum, bei Demokratie leben, an Fördergelder auch zu kommen für ein Projekt. Ich saß im Vorstand eines Vereins zur Stärkung der Demokratie. Der sehr innerte Mensch, mit dem ich da sprach, holte dann eine Liste raus und sagte, aber das machen doch all diese Vereine auch. Was macht ihr da eigentlich gerade anders? Und all diese Vereine fördern wir schon. Warum sollten wir euch eigentlich jetzt auch noch fördern? Weil eigentlich seid ihr nur der 81., der das gleiche nochmal macht. Und das ist ja ein Punkt, warum noch einen Verein, wenn man nicht vielleicht woanders sogar gemeinsam mehr schaffen könnte. Aber wir wussten es einfach nicht. Wir dachten, wir machen da was Cooles, Neues und hatten keine Ahnung, 80 andere das schon tun.

Katarina Peranić: Ja, also es ist schon auch so, dass ich gerade so, In einigen Bereichen der Zivilgesellschaft, also es gibt wahnsinnig viel, es gibt einen großen Professionalisierungsschub, was auch wichtig und richtig ist. Und zum Design eines Projekts gehört tatsächlich auch eine Marktrecherche. Also ich finde, da muss man auch selbst ein bisschen anfangen. Also man kann auch nicht nur so die Haltung haben, das muss ja alles irgendwo stehen und das muss alles zu mir herfliegen, sondern man muss es auch selber machen. Man möchte ja auch wirksam sein mit dem, was man tut. Es ist ja sehr kostbar, seine Zeit zu investieren, dann auch irgendwie Mittel einzuwerben, um ein Projekt umzusetzen. Ich finde die Antwort, die ihr erhalten habt, nicht besonders wertschätzend, weil jedes Projekt wichtig ist, dass dieses Thema angreift. Die Fragestellung wäre doch eher gewesen, erfüllt ihr mit eurer Aktivität, entfaltet ihr eine Wirkung, die die anderen Projekte vielleicht nicht entfalten? Gibt es denn eine Möglichkeit zu kooperieren mit diesen 80 anderen Projekten? Das wäre doch mal die Brücke gewesen.

Warum es nicht an Motivation fehlt – sondern an Strukturen

Katarina Peranić: Anstatt zu sagen, nee, sowas ähnliches haben wir schon, auf Wiedersehen. Finde ich nicht gut.

Thomas Mühlnickel: So stirbt der Verein vor sich hin.

Katarina Peranić: Das geht nicht.

Thomas Mühlnickel: Wie kann man denn Leute motivieren, sich zu engagieren, die eher dem Ehrenamt skeptisch gegenüber sind?

Katarina Peranić: Ich glaube, durch ganz konkretes Ausprobieren. Also zum Beispiel beim Ehrentag mitzumachen im nächsten Jahr. Aber die Frage ist, wie schafft man diesen Schritt dann wirklich vom, nee, ich finde das doof, warum soll ich das machen? Warum soll ich kostenlos arbeiten? Das sagen ja auch Kritikerinnen und Kritiker. Das gibt es ja durchaus auch. Ich muss diese gute Erfahrungen machen und ich stelle, ich gebe manchmal so Workshops auch für Unternehmer und Unternehmerinnen und versuche dann irgendwie so einen Kontext zum Engagement herzustellen und stelle dann die Frage, was war der erste, also an welche Begegnung mit dem Thema Ehrenamt erinnert ihr euch in eurem Leben als allererstes? Wann gab es den ersten Berührungspunkt, was war es bei dir?

Thomas Mühlnickel: Jetzt wirst du lachen, das war das Kinderturn.

Katarina Peranić: Nein.

Thomas Mühlnickel: Da haben wir doch was geweint.

Katarina Peranić: Hatte ich aber nicht abgeschreckt vom Ehrenamt.

Thomas Mühlnickel: Das hat mich vom Ehrenamt nicht abgeschreckt, aber vom Turnen. Vom Turnen hat mich sehr abgeschreckt, vom Ehrenamt nicht. Aber ich glaube, es war bei mir wirklich Sport, Tennisverein war ich zehn Jahre drin als Kind und Jugendlicher. Und ich glaube, das war genau da, wo ich Verein, Ehrenamt das erste Mal näher kennengelernt habe.

Katarina Peranić: Und diese Frage ist so super. Weil es ganz viel über einen Menschen verrät. Zum Beispiel habe ich dann von solchen Führungskräften aus der Wirtschaft gehört, ja, meine Mutter, die in einem Krankenhaus als grüne Dame engagiert war. Also so, wow, so ganz unterschiedlich oder klassisch so das Dorffest. Und ich glaube, dass jeder Mensch irgendwo so eine Verbindung hat. Und ich glaube, diese Verbindung, die muss man erstmal aufbauen, um jemanden, der skeptisch ist, ja, ihn einzuladen.

Thomas Mühlnickel: Und wir haben da ja auch alle in der Regel Vorbilder kennengelernt.

Katarina Peranić: Ja.

Thomas Mühlnickel: Weil diese engagierten Leute, die strahlen anders und die haben eine andere Energie und die haben eine andere Lust und die tun einfach. Und das ist doch oft so, dass man sich genau an solchen Leuten ein Vorbild nimmt oder zumindest eine Leitplanke und sagt, das würde ich auch gerne machen oder so wäre ich auch gerne drauf. Und dann kann es ja auch sein, dass die Antwort ist, dann geh selber engagiert ins Ehrenamt. Das ist genau der Weg dahin.

Katarina Peranić: Genau. Und häufig ist es auch so, dass man in ein Engagement kommt, weil man es eben in seinem Freundeskreis, in seiner Familie sieht. Das ist auch ganz häufig der Faktor, wie man dann eben selbst aktiv wird.

Thomas Mühlnickel: Katharina, was macht dir Mut?

Katarina Peranić: Was macht mir Mut? Naja, zu sehen, dass es wirklich überall im Land Menschen gibt. Die super kreativ sind, auch echt harte Themen in ihrer Freizeit angehen. Ich finde auch tatsächlich, sich bei der Feuerwehr zu engagieren, finde ich mega mutig, muss ich ehrlicherweise sagen. Ich finde es mega mutig, ein Jugendhaus in Döbeln zu betreiben, wohl wissend, dass das ein Safe Space ist für bestimmte Gruppen und in der Stadt ansonsten nicht mehr so viele Orte für diese Menschen da sind. Also das finde ich schon immer sehr, sehr beeindruckend und das macht mir Mut. Und was mir auch Mut macht, ist, wenn ich sehe, dass neue Kooperationen, neue Konstellationen entstehen, weil man einfach sieht, dass wenn man gemeinschaftlich einer Vision folgt, dass man mehr erreichen kann. Also dass dieser Konkurrenzgedanke fällt. Das finde ich großartig und das macht mir auch Mut.

Thomas Mühlnickel: Ich habe dir eben nicht erzählt, dass dieses Studio in Wahrheit eine kleine Zeitmaschine ist. Wir fliegen jetzt ans Brandenburger Tor im Jahr 2050 und machen da hinten die Tür auf und gehen raus aus diesem Studio. Was sehen wir? Was für ein Land sehen wir?

Katarina Peranić: Weiterhin ein Land, in dem sich Leute selbstwirksam einbringen können in die Gesellschaft. Ein Land, das eine stabile Demokratie hat, die vielleicht ein paar Neuerungen erfahren hat. Und ein Land, das wertschätzt, dass Menschen anders sind und daraus eine Stärke sieht und zieht.

Thomas Mühlnickel: Katharina, ich fand, das war ein super spannendes Gespräch über Ehrenamt und Engagement und das hat mir sehr viel Mut gemacht und das hat mir auch neue Ideen gegeben. Ich hoffe, den Menschen, die uns zuhören und zusehen auch. Danke vielmals für deinen Besuch, Katarina Peranić und auf bald.

Katarina Peranić: Dankeschön.

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