Wie gelingt Gemeinnützigkeit mit unternehmerischem Anspruch? Carolin Stüdemann, Geschäftsführerin von Viva con Agua, zeigt in dieser Folge von „Damit die Guten gewinnen“, wie soziales Engagement, Optimismus und wirtschaftliches Denken zusammenwirken können. Mit nur 28 Jahren übernahm sie die Geschäftsführung der bekannten NGO und bringt seitdem frischen Wind in die Welt der sozialen Innovation.
Die DNA von Viva con Agua: Warum Engagement Spaß machen darf – und muss.
Thomas Mühlnickel: Caro, schön, dass du da bist. Freut mich sehr, dass du der Einladung gefolgt Willkommen zum Gespräch mit Caro bist und uns heute bei Damit die Guten gewinnen besuchst.
Carolin Stüdemann: Ich bin auch sehr froh, hier das erste Mal in so einem Kinosaal einen Podcast aufzuzeichnen.
Thomas Mühlnickel: Ja, das Studio ist schon sehr besonders hier als kleines Mini-Kino. Es fehlt nur noch das Publikum. Planen wir nächstes Mal ein. Der Podcast heißt ja Damit die Guten gewinnen. Wer sind denn für dich die Guten?
Carolin Stüdemann: Ich musste schon so schmunzeln, auch bei dem Titel. Das kann man gar nicht sagen. Für mich ist die Welt gar nicht schwarz-weiß. Ich finde es einfach faszinierend, wie viele Facetten Menschen haben, die Welt hat. Und deswegen würde ich sagen, gibt es da keine Antwort drauf.
Verantwortung als Motivation: Wie frühe Führung prägt.
Thomas Mühlnickel: Bevor wir auf Viva Con Agua zu sprechen kommen, würde ich gerne kurz ein bisschen über deinen Lebenslauf, deinen Werdegang reden, weil das ist schon sehr beeindruckend. Du bist ja mit 28, wenn ich es richtig weiß, schon Geschäftsführerin von Viva Con Agua geworden, wo andere gerade so vielleicht gerade den Bachelor beenden. Wie ist das dazu gekommen, dass du so früh Geschäftsführerin geworden bist?
Carolin Stüdemann: Das war tatsächlich einfach eine Ausschreibung, die ich gesehen habe und die ich spannend und irgendwie inspirierend fand. Ich kenne Viva con Agua schon sehr lange und die Ausschreibung war dann wie so ein Calling. Ich habe Viva con Agua kennengelernt, als ich 17 war. Da war ich in meiner Schule auch sehr aktiv als Schülersprecherin und generell sehr engagiert, eigentlich immer für die Schülerschaft. Und dann wurde Viva con Agua bei uns an der Schule vorgestellt von dem Initiator, Benni. Der war bei uns vor Ort und hat das ganze Projekt vorgestellt und ich war total fasziniert. Und wir haben dann auch mit unserer Klasse eine eigene Aktion gemacht. Und dann hat mich Viva con Agua eigentlich immer mal wieder so begleitet. Die sind ja auch total aktiv auf Festivals, sind so jedes Jahr auf sehr, sehr vielen Festivals, machen da Pfandbecher-Aktionen. Hab ich immer mal in Pfandbecher gespendet und dachte, ach, coole Bewegung. Und dann bin ich aber viele weitere Wege gegangen. Also ich habe dann Sozialmanagement studiert in Hildesheim, mich eigentlich immer viel mit der Frage beschäftigt, was ist eigentlich in dieser Schnittmenge zwischen auf der einen Seite Betriebswirtschaft und auf der anderen Seite sozialem, so irgendwie auch gemeinwohlorientiertem. Das hat mich irgendwie immer sehr, sehr interessiert. Und dann habe ich nach meinem Studium meine erste Führungsposition angefangen mit 24 als Leitung einer stationären Jugendhilfeeinrichtung. Also ich war insgesamt schon sehr früh in Führung. Da war ich dann drei Jahre und habe mich einfach wirklich so auch mit den Kernfragen aus so beschäftigt. Was braucht einfach generell eine Organisation in einem sehr auch kritischen Feld, weil die Kinder und Jugendlichen natürlich auch viele Traumata erlebt haben in ihrer Kindheit und Jugend und da als junge Führungskraft dann auch die Verantwortung für all die Kinder, die da gelebt haben, aber auch für das pädagogische Team, was regelmäßig eine Unterstützung brauchte, die Strategie der Organisation, das Konzept Gespräche mit Jugendämtern. Das heißt, irgendwie ist schon früh das Gefühl von sehr viel Verantwortung zu übernehmen und dann aber auch in dem kalten Wasser irgendwie schwimmen lernen zu können.
Carolin Stüdemann: Also das erste Jahr war natürlich auch sehr fordernd, überfordernd, aber über die Zeit dann auch mehr da reingewachsen und auch einfach Freude darin gefunden, viel Verantwortung zu übernehmen. Und nach einem kurzen Ausflug dann nach meiner stationären Jugendhilfe in die Unternehmensberatung habe ich festgestellt, nee, das ist es nicht und ich möchte doch wieder wirklich in der Gemeinnützigkeit auch verortet sein und da war dann die Ausschreibung einfach genau der Treffer.
Thomas Mühlnickel: Du hast es ja gerade schon so beschrieben, es steckt ja auch immer eine Menge Verantwortung da mit drin in solchen Aufgaben, wenn man die übernimmt, weil da hängen Leute dran, da hängen auch Schicksale ein Stück weit mit dran. Hat dich das am Anfang belastet?
Carolin Stüdemann: Also in der Jugendhilfe war das definitiv sehr häufig ein Thema für mich, dass ich einfach Sorge hatte, auf etwas Falsches zu machen, falsche Entscheidungen zu treffen, weil ich wusste, das betrifft einfach die Menschen persönlich, das betrifft die Familien, das betrifft deren Zukunft. Und dann habe ich aber irgendwann so für mich auch gemerkt, dass wirklich in diese Verantwortung zu gehen und jeden Tag auch immer wieder mein Bestes zu geben, kann auch ganz viel positiven Einfluss nehmen und sehr, sehr viel bewirken. Und das ist eigentlich etwas, woraus ich jetzt total viel Kraft schöpfe, weil ich jetzt mit jedem Tag merke, wenn mein Team und ich uns richtig engagieren, dann verändern wir einfach grundlegend. Zum Beispiel durch den Zugang zu sauberem Trinkwasser, das ist ja der Kern von Viva con Agua, sich wirklich weltweit in Wasserprojekten einzusetzen. Das verändert das Leben der Menschen grundsätzlich. Kinder gehen dauerhaft zur Schule, die Frauen haben die Möglichkeit, auch mehr beruflichen Tätigkeiten nachzugehen. Das sind einfach so viele langfristige, tiefgreifende Wirkungen, dass die Verantwortung für mich eigentlich eher mir eine Inspiration gibt oder mich auch motiviert, jeden Tag wieder mein Bestes zu geben.
Thomas Mühlnickel: Ich arbeite selbst auch schon seit 15 Jahren mittlerweile im ideologisch-politischen Bereich. Und da ist das oft so, dass Leute etwas kriesgrämig rumlaufen, weil sie auch unter der Last des Lebens und der Schwierigkeiten der Veränderung immer so ein bisschen leiden und auch manchmal das Gefühl haben, es ausstrahlen zu müssen. Und dann kommt Caro Stüdemann und das Hamburger Abendblatt schreibt, wie ich mittlerweile nach 20 Minuten, die wir uns jetzt kennen, sehr zurecht schreibe, die fröhlichste Managerin Hamburgs. Wie schaffst du das, jeden Tag so fröhlich zu sein offensichtlich?
Carolin Stüdemann: Ich bin einfach ein sehr optimistischer Mensch und mir macht es auch Freude, genau auf die Chancen und Potenziale immer wieder zu gucken. Und ich stelle fest, am Ende gibt es ja gar nicht so die objektive Realität und eine Situation ist genau so. Die Frage, was ist gut, was ist schlecht. Viel ist auch einfach unser Filter, unsere Bewertung, die Art und Weise, wie wir auf die Dinge schauen, wie wir der Welt begegnen. Und ich merke irgendwie, je optimistischer und neugieriger ich auf die Welt blicke, desto positiver erlebe ich auch die Dinge.
Thomas Mühlnickel: Man muss es gar nicht zwingend Karma nennen, aber es strahlt auch aus auf alles, was oben da oben dann ist, oder?
Carolin Stüdemann: Ja, und ich glaube, es ist dann auch die eigene Bewertung, wie ich Dinge dann einordne danach und ich kann neugierig auf etwas blicken, auch auf Dinge, die nicht geklappt haben und eher neugierig schauen, warum gibt es da die Herausforderung oder warum fühle ich mich in dem Moment vielleicht auch nicht gut und das für mich reflektieren und eher erkennen.
Carolin Stüdemann: Ah, das erinnert mich an alte, vielleicht an alte Versagensängste, da komme ich gerade wieder mit in Kontakt. Das hat sehr, sehr viel mit mir selbst zu tun. Und ich glaube, diese Reflexionsfähigkeit, die habe ich natürlich auch sehr gelernt durch das Früh-in-Führung-Sein, weil ich zu der Zeit auch noch gar nicht mein berufliches Profil richtig ausgebildet hatte, auch eigentlich am Ende meine Persönlichkeit auch noch gar nicht fertig entwickelt hatte eigentlich und auf einmal so in diesem spannenden Umfeld war und dann aber durch wirklich ein enges Coaching und sehr viel Selbstreflexion und persönliches Wachstum einfach immer wieder zu erkennen, was ist auch die Brille, mit der ich durchs Leben laufe und wie kann ich aber auch durch Selbstreflexion und neugierig hinterfragen, auch immer nochmal wieder ganz andere Facetten erblicken und auch neugierig sein für mein Gegenüber. Und ich glaube, in dem Moment, in dem wir Verständnis füreinander haben und empathisch miteinander sind, dann entsteht vielleicht auch gar nicht so ein tiefer Frust, weil wir das nicht persönlich nehmen und denken, ach, die Person war jetzt mir gegenüber extra unfreundlich, sondern wir eher empathisch Mitgefühl haben, vielleicht geht es der Person gerade nicht so gut oder vielleicht ist es gerade ein schwieriger Kontext oder vielleicht habe ich auch gerade etwas einfach missachtet und dann entsteht eine ganz neue Art von Kontakt und Beziehung.
Thomas Mühlnickel: Spannender Ansatz. Du sagst in deinen Vorträgen, du hättest auch viele Vorträge, sagst du auch Making Joy the Priority to Work. Es ist wirklich ein genereller Grundsatz von dir und den trägst du auch komplett bei euch in die Organisation rein?
Carolin Stüdemann: Ja, irgendwie die Keynote, die Idee kam mir irgendwann und es war so spannend, weil ich habe die Keynote einmal gehalten und das ist so gut angekommen, dass danach extrem viele Unternehmen angefragt haben und genau diese Keynote gerne wollten und genau dieses Thema auch in ihren Berufsalltag gerne ziehen wollten und das als Mitarbeitenden Inspiration auch mit reinziehen wollten. Und ja, ich glaube, das ist etwas, was ich schon auch authentisch lebe und mit reinbringe und das heißt aber, also Joy ist ja auch etwas anderes, das ist ja Freude, und Freude ist auch etwas anderes als Spaß und diese Unterscheidung finde ich so spannend, weil Joy entsteht eigentlich dann, wenn ich auch einen tiefer gehenden Sinn mit etwas verbinde und auch vielleicht in der Tätigkeit, wie ich sie ausübe, total aufgehe und total in dem Moment bin, sehr präsent bin das hat auch viel mit Präsenz zu tun Genau im Moment zu sein, im Hier und Jetzt zu sein.
Carolin Stüdemann: Und Joy ist aber auch etwas, was auch in der DNA von Viva con Agua schon seit Tag 1 liegt. Für die, die Viva con Agua auch so ein bisschen beobachtet haben und vielleicht die Anfänge kennen. Das ist ja auch gestartet, wirklich als Graswurzelbewegung 2005, die erste Idee auf St. Pauli, wo einfach Menschen zusammengekommen sind und viele bunte, kleine Aktionen gestartet haben, weil sie gesagt haben, wir wollen uns für sauberes Trinkwasser einsetzen.
Carolin Stüdemann: Und das saubere Trinkwasser war das eine, aber viel stärker war noch diese Idee von der Gemeinschaft, die positiv etwas bewirken will. Und die auch das Gefühl hatte, ehrlicherweise nur aus sozusagen einem schlechten Gefühl heraus oder aus einem Mitleidsgefühl heraus, das ist eigentlich gar nicht der langfristige Treiber für Veränderungen und auch für Engagement. Sondern wie wäre es denn, wenn Engagement uns auch selber richtig viel Freude bringt und einfach so cool ist, dass man es gerne immer wieder macht und so richtig ausdauernd dabei bleibt. Und so war das auch im Kern von Viva con Agua. Und Viva con Agua ist einerseits eine Organisation mit auch festangestellten Mitarbeitenden. Klar, da gebe ich als Geschäftsführung schon auch eine Kultur mit rein.
Carolin Stüdemann: Wie wir insgesamt auch optimistisch Potenziale sehen oder auch mit Freude die Sachen anpacken. Und gleichzeitig ist die Freude aber auch sehr stark in der DNA des gesamten ehrenamtlichen Engagements. Also deutschlandweit gibt es ungefähr, ich glaube, 45 Städte, wo sich eigene Ehrenamtsgruppen gegründet haben. In Köln, Stuttgart, Kiel, Hamburg. Und die machen ihre, hier in Berlin auch, die machen ihre eigenen Aktionen und haben immer eigene Ideen. Je nachdem, was auch vor Ort ist. Gibt es da eine große Arena oder gibt es da so einen coolen Club, wo immer eine Party ist. Oder eben auch die Kneipen-Bingo-Kneipen-Quiz. Also irgendwie immer eigene coole Ideen. Und das ist auch immer verknüpft damit, Engagement macht Freude für die Ehrenamtsgruppen selbst, aber auch für alle, die noch mitmachen. Und das begeistert dann natürlich auch wieder viele weitere, sich auch anzuschließen.
Thomas Mühlnickel: Also mit der Begeisterung passt du dahin, wo du bist. Ich finde es ein bisschen wie Arsch auf Gold Eimer. Für die Insider. Also ich merke das gerade, diese Energie, die von dir darüber kommt. Und diese Begeisterung und Freude, das beeindruckt mich. Jetzt nach zehn Minuten, die wir gerade sprechen, schon wirklich ganz enorm. Ich glaube, wir müssen einmal kurz für alle, die uns hier zuschauen oder zuhören, einmal kurz nochmal in die Geschichte von Viva con Agua zurückgehen. Ich glaube, mittlerweile hat jeder mal eine Flasche von euch in der Hand gehabt. Mindestens sie die ins Motel Bonn regelmäßig gehen, also so geht es mir immer. Benni Adrion, Spieler vom FC St. Pauli, war auf einer Reise nach Kuba, stellte fest, da ist die Trinkwassersituation, die Versorgung nahezu katastrophal, das kann doch so nicht bleiben und gründet in Hamburg eine Initiative. Und daraus entsteht Viva con Agua als erst kleiner Verein, so wie du es eben auch kurz beschrieben hast, so mehrere Initiativen. Und es wird daraus immer mehr am Ende auch eine Unternehmung. Mittlerweile gibt es ja auch Klopapier, Hostels. Es wird immer größer, was ihr da treibt. Wie kann das sein, dass aus so einem kleinen Ding sowas Großes wird in knapp 20 Jahren?
Carolin Stüdemann: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, die Begeisterung ist schon auch das, was immer der Treiber auch war. Also viele Menschen, die sich beteiligen, Gemeinschaft, also so Erfolgsrezept, Gemeinschaft, eben nicht eine Person, die den Masterplan entwickelt und eine ganz langjährige Strategie aufsetzt, sondern unfassbar viele Menschen, die Ideen einbringen, Netzwerke einbringen. Und deswegen auch, du hast gerade so ein paar Beispiele genannt, was sozusagen alles zu diesem Netzwerk bei Viva con Agua mit dazugekommen ist. Deswegen könnte man auch denken, passt das überhaupt zusammen? Folgt das überhaupt sozusagen einem logischen Plan? Nee, folgt es nicht. Es folgt der Begeisterung und es folgt der Vision. Wasser für alle und der Kern, und das ist das Aller, Allerwichtigste.
Carolin Stüdemann: Auch die Geschäftsmodelle, die sozialen Geschäftsmodelle, die wir über die Zeit gegründet haben, die sind immer mehrheitlich gemeinnützig. Und das unterscheidet es auch von vielleicht dem Business, was sozusagen pro Müsli-Riegel 10 Cent spendet oder die, die sozusagen sagen, am Ende des Jahres spenden wir eine große Summe für ein soziales Projekt. Das sind auch alles wichtige Ansätze und finde ich sehr, sehr notwendig, auch sich sozusagen über CSR-Aktivitäten zu beteiligen. Aber der Unterschied ist natürlich schon, wenn es im Geschäftsmodell tief verankert ist, dann kann das auch nicht verändert werden. Dann kann ich nicht in einem Jahr sagen, dieses Jahr spenden wir nicht oder dieses Jahr ist der soziale Zweck nicht so wichtig, sondern der soziale Zweck ist in der DNA, weil es im gesamten Geschäftsmodell ist. Und das beeinflusst dann natürlich auch alle Entscheidungen der Organisation. Und bei Viva con Agua steht wirklich die Vision Wasser für alle, alle für Wasser im Kern der Aktivitäten. Und 2010 wurde ein Mineralwasser gegründet und bis heute fragen mich Menschen oft ach Caro, du arbeitest also für das Flaschenwasser sag ich immer, nein nein, eigentlich nicht und dann sage ich, bitte trink Leitungswasser, ist die ökologischste Alternative, und das ist auch meine Empfehlung.
Warum Flaschenwasser als „flüssiger Flyer“ wirken kann – und trotzdem Leitungswasser empfohlen wird.
Carolin Stüdemann: Denn die Idee war eigentlich so, dass wir, ja die Idee entstand aus der Frage, wie wäre es, wenn wir einen flüssigen Flyer hätten, wo Menschen überall mit Viva con Agua in Kontakt kommen, denn eigentlich ist Flaschenwasser keine gute Option, weil es gerade, wenn man es global betrachtet, eigentlich könnte man sogar sagen, es verhindert die Fortschritte in Bezug auf Zugang zu Wasser, weil teilweise die Wasserversorgung in einigen Ländern schlecht ist und die Menschen dann für teuer Geld Flaschenwasser kaufen müssen. Das heißt, da eigentlich insgesamt wollen wir den gesamten globalen Trend wenden, aber dort in Deutschland, wo Wasser auch verkauft wird und teilweise riesige Gewinnmargen abgezapft werden, wie gut wäre es, wenn man diese Gewinne umlenken könnte in gemeinnützige Zwecke? Und deswegen ist das Viva con Agua Mineralwasser entstanden, was auch mehrheitlich gemeinnützig ist in der Gesellschafterform, wo wir mit mehreren Abfüllstandorten auch zusammenarbeiten, also selber gar nicht Abfüller sind, sondern als Lizenzprodukt das so umwandeln und einen flüssigen Flyer haben. Und überall, sei es im Deutschen Bundestag, auf großen Konferenzen, steht dann ein Viva con Agua Wasser und man guckt direkt, ah, Menschen haben keinen Zugang zu Wasser. Ich kann mich engagieren, ich kann den QR-Code abscannen und so auch schon habe ich so einen Erstkontakt dazu.
Thomas Mühlnickel: Erklär mir das doch bitte einmal kurz für normale Menschen wie mich. Ich kaufe eine Flasche Wasser oder eine Kiste Wasser von Viva con Agua. Ich kaufe das Klopapier. Und ich kaufe es schon, weil ich denke, das tut was Gutes. Was genau passiert da eigentlich, wenn ich das kaufe? Was hat das am Ende für einen Impact an Geld, das da vielleicht raus in Projekte geht oder eben auch an anderen Eindrücken, die es noch machen kann?
Der Impact von Spenden, Produktkauf und Fördermitgliedschaften (Aguanistas).
Carolin Stüdemann: Genau, der größte Impact ist wirklich die Sichtbarkeit einmal. Es ist auch für viele Veranstaltungsorte auch so ein Statement. Wir haben ein soziales Wasser. Wir entscheiden uns bewusst, nicht auf große Konzerne zu setzen, die teilweise auch anderweitig vielleicht Wasser privatisieren oder herausfordernde Geschäftsmodelle haben, sondern wir entscheiden uns für das soziale Geschäftsmodell.
Carolin Stüdemann: Und das Mineralwasser schüttet regelmäßig Gewinne aus. Also einmal im Jahr gibt es für die gemeinnützige Arbeit eine Gewinnausschüttung. Und diese Gewinne werden dann wiederum verwendet für Community-Projekte, für Wasserprojekte und gemeinnützige Projekte insgesamt. Und dadurch hat man sozusagen dann auch einen zusätzlichen Hebel über den einfachen Produktkauf. Und wenn man mich fragt, womit ist mein Hebel größer? Der Hebel ist mit Mineralwasser mit der einen Flasche natürlich sehr niedrigschwellig. Da kann man einen kleinen Beitrag leisten. Aber der Beitrag ist natürlich größer, wenn ich sage, Mensch, ich werde Fördermitglied bei Viva con Agua und ich habe Lust, 10 Euro im Monat habe ich über, Mensch, die zwei Cappuccino, die verkneife ich mir vielleicht. Und stattdessen kann ich mit den 10 Euro dazu beitragen, einer Familie Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen. Also so gemeinsam auch mit der, natürlich unser gemeinsamer Community. Dann ist das nochmal deutlich wirksamer, weil die Spende ist immer direkt und sozusagen in dem gesamten Volumen. Weil bei einem Wasser haben wir natürlich auch, wir sind Lizenzpartner, das heißt wir haben gar nicht die gesamte Summe, die man für das Produkt bezahlen muss. Da sind viele andere Kosten auch mit involviert. Die Logistik, dann der Verkäufer direkt, der Kiosk oder der Einzelhandel oder die Gastronomie, die haben dann auch ihren Aufschlag, ihre Preisstruktur. Das heißt, da ist der Effekt nicht so direkt wie bei einer Spende.
Thomas Mühlnickel: Aber der Unterschied wäre ja schon, nehmen wir mal das lustige, übliche Beispiel Nestle. Die würden, nehmen wir mal 15 Prozent Marge einstecken.
Carolin Stüdemann: Es sind 30 Prozent im Schnitt.
Thomas Mühlnickel: 30 Prozent Marge nehmen, damit die Konzerngewinne zu steigern. Was vollkommen okay ist. Es ist ein legitimer kapitalistischer Ansatz, wirtschaftlicher Ansatz, alles in Ordnung. Diese 30 Prozent würdet ihr wiederum für Projekte eher nehmen, weil ihr gar nicht gewinnorientiert seid.
Carolin Stüdemann: Genau, richtig. Und an sich sind wir gewinnorientiert, aber für Wasserprojekte. Also wir wollen schon möglichst viele Gewinne haben. Unsere Strategie ist, unseren Marktanteil wirklich zu vergrößern und den Marktanteil von Flaschenwasser insgesamt aber zu verkleinern. Deswegen klären wir auch über Flaschenwasser auf und über die Zusammenhänge, warum eigentlich auch Leitungswasser die ökologischere Alternative ist.
Thomas Mühlnickel: Und dann gibt es bestimmt Leute, die es immer noch spezieller sehen und sagen, die machen auch schon sehr viel Markenarbeit und am Ende wollen sie ja doch irgendwo noch Geld verdienen. Es gab doch mal so ein Beitrag auch bei Böhmermann bei Magazine Royale, wo es irgendwie hieß, oh, dieses Riesengeflecht dahinter, das ist ja alles. Ist das eigentlich noch so genau gemeinnützig? Also wahrscheinlich rennt euch auch ständig jemand hinterher und sagt, ist das mittlerweile mehr Markenarbeit oder ist es in Wahrheit noch Gemeinnützigkeit? Ihr habt da wahrscheinlich echt viel zu kommunizieren, oder?
Carolin Stüdemann: Es ist so spannend, es kommt tatsächlich sogar sehr selten vor. Bei Böhmermann war das jetzt so ein Fall, wo es auf einmal sehr präsent war. Aber ansonsten ist es eigentlich eher so, dass Menschen beeindruckt sind, weil die Transparenz so extrem hoch ist.
Carolin Stüdemann: Und wir stehen auch dazu, dass es nicht einfach ist, dass man sagt, okay, das ist diese eine Organisation, sondern es ist schon ein Geflecht aus verschiedenen Organisationen, aber es ist sehr transparent. Die Anteile sind mehrheitlich gemeinnützig. Man kann auch wirklich in den Jahresberichten sogar ganz genau sehen, wo geht jeder einzelne Euro hin. Also wenn man an Viva con Agua e. V. spendet, 10 Euro gehen an den Verein, dann kann ich mir im Jahresbericht immer angucken, was passiert denn eigentlich damit. Wie viel gibt es auch an Verwaltungsgebühren zum Beispiel für IT, Finanzabwicklung, Marketing, Flyerproduktion, Kommunikationsmaßnahmen und was geht dann wirklich direkt in die Wasserprojekte und das schätzen Menschen eigentlich sehr und ich glaube, was auch so ein vielleicht Vertrauen schafft, ist natürlich, dass sich so viele Menschen auch zeitlich ehrenamtlich engagieren und ihre Zeit spenden für Viva con Agua, sodass die Menschen auch das Gefühl haben, Mensch, da steckt wirklich viel Transparenz hinter. Und vielleicht noch ein Aspekt, finde ich auch immer so einen spannenden Fakt, den viele gar nicht wissen. Ich als Geschäftsführerin zum Beispiel bin letztendlich gesetzt auf meinen Posten durch einen Aufsichtsrat und der Aufsichtsrat wird gewählt von allen Mitgliedern von Viva con Agua. Das heißt, die Mitglieder haben eigentlich einen direkten Einfluss auch auf die Governance der Gesamtorganisation. Und als Vereinsvorständin bin ich wiederum in den sozialen Business. Wir können ja auch gleich nochmal über die Villa Viva sprechen oder die Villa Viven. Es gibt ja zwei. Das soziale Gasthaus von Viva con Agua. Da bin ich als Vereinsvorständin in meiner Rolle oder wir als Verein sind dort Shareholder. Das heißt, wir beeinflussen natürlich die Geschäftsführung darin, immer wieder sicherzustellen, dass unsere Vision und unsere Kernwerte verfolgt werden und berücksichtigt sind in allen Aktivitäten.
Thomas Mühlnickel: Es ist ja auch am Ende bei allen gemeinnützigen Organisationen, die ein bisschen größer geworden sind, die müssen Gehälter bezahlen, die müssen Mieten bezahlen, die haben Marketingkosten. Es gibt einfach Kosten, die man hat. Das ist immer dieser Vorwurf, ich spende da 10 Euro hin, es gehen gar nicht 10 Euro in das gemeinnützige Projekt, wie ich es mir vorgestellt habe. Das funktioniert einfach rein faktisch gar nicht, aber ihr veröffentlicht es ja eben genauso, dass es vollkommen klar ist, was geht in Projekte rein, was wird eben auch aufgewendet, weil ihr Aufwendungen haben müsst, damit der Laden überhaupt läuft, weil sonst läuft es ja nicht.
Carolin Stüdemann: Genau und es gibt ja zum Beispiel auch Personalkosten von Personen, die den gesamten Projektplan, das Projektdesign eines Wasserprojekts machen. Zum Beispiel mein Kollege Ronald, der lebt in Uganda und der hat die Wasserprojekte, die wir dort umsetzen, wirklich im Design federführend verantwortet, spricht mit den gesamten lokalen Partnern, macht das Monitoring, stellt sicher, dass die Projekte auch sehr langfristig und nachhaltig sind, weil wir natürlich auch den Spenderinnen und Spendern zusichern wollen, dass sie nicht spenden. Und zwei Jahre später ist das irgendwie entweder die Infrastruktur kaputt oder die Gemeinschaften vor Ort haben gar kein Wissen, wie lassen sich die Sachen reparieren oder es gibt kein Geld vor Ort, um diese Reparaturen auch durchzuführen. Weil eigentlich wollen wir ja, dass es wirklich dann auch irgendwann unabhängig von Viva con Agua ist und wirklich in sich ein funktionierendes System ist. Und diese Personalkosten sind ja völlig notwendig und ohne diese Person gäbe es einfach gar kein Wasserprojekt.
Thomas Mühlnickel: Und ihr könnt das auch hochrechnen, berechnen, statistisch sehen, abzählen, wie vielen Leuten ihr im Jahr weitergeholfen habt, indem ihr diese Projekte umgesetzt habt?
Carolin Stüdemann: Genau, und das ist auch so interessant. Ganz am Anfang dachte ich, okay, unser Ziel muss immer sein, so viele Menschen wie möglich. Und das hat aber natürlich schon direkt eine strategische Implikation, weil das würde bedeuten, wir sind nur im urbanen Raum, weil da erreichen wir auf einer engen Fläche viel mehr Menschen. Aber gleichzeitig gibt es auch Regionen wie zum Beispiel im Norden von Uganda an der Grenze zum Sudan, wo wir tätig sind, wo jetzt gerade die Herausforderung ist, dass unfassbar viele soziale Organisationen sich da zurückgezogen haben, schon in den letzten zwei Jahren eigentlich.
Carolin Stüdemann: Weil es ist manchmal auch ein bisschen, wofür spenden die Menschen generell, Herausforderungen und Strategien im Wasserbereich, für welche Projektregion. Und große Organisationen ziehen sich dann manchmal auch von Orten zurück, weil sie vielleicht dann mehr Spenden für eine andere Region erhalten haben, für eine Krisenregion. Krisenregionen bekommen dann natürlich auch manchmal so eine hohe mediale Aufmerksamkeit, ein höheres Spendenvolumen. Und da sind wir dann tätig im ländlichen Raum, weil da sehr viele Menschen migrieren mussten, auf der Flucht waren aus dem Sudan, aus dem Bürgerkrieg, in den Norden von Uganda. Und das ist da komplett trocken, teilweise auch das Grundwasser eher tiefer, sehr steinig, die Wälder, die es da mal gab und die Pflanzen, vieles ist abgeholzt. Das heißt, die Menschen da haben vor Ort wirklich große Herausforderungen und es sind auch gemischte Communities, teilweise Geflüchtete, teilweise Einheimische, die da so zusammenleben und da ist Wasser eine extrem, friedensbildende Maßnahme, dass die da gut zusammen leben können und da sind wir zum Beispiel sehr aktiv und wenn man dann die reine Personenanzahl sehen würde, wäre das eigentlich dann von der Personenanzahl natürlich weniger als jetzt in der Großstadt und aber von der Notwendigkeit und Wichtigkeit dieses Projektes, ja, kaum zu übertreffen und von daher muss man auch immer strategisch so ein bisschen gucken, wann gehen wir auf die Anzahl an Personen, wann gehen wir.
Carolin Stüdemann: Also mit welchen Partnern können wir zusammenarbeiten, wo gibt es auch Hebelwirkungen, weil gerade da ist Kooperation so wichtig. Es ist so elementar. Manchmal sieht man so, jede Organisation arbeitet so für sich und wir arbeiten eigentlich immer in Kooperation, weil dann ist der Hebel auch nochmal höher. Man bekommt vielleicht nochmal eine Drittmittelförderung, auch Bundesmittel. Und dann ist der eine Euro, den mir ein Spender gibt, ist auf einmal gehebelt. Daraus werden vielleicht sogar dann quasi 2,50 Euro. Wenn ich durch meinen Beitrag als Viva con Agua eine zusätzliche Förderung noch vom Bund bekommen kann, dann ist auf einmal das Geld, was im Projekt ankommt, sogar deutlich höher. Und dann lässt sich natürlich wieder mehr Wirkung erzielen. Deswegen, ihr merkt schon, es ist ein bisschen komplexer.
Thomas Mühlnickel: In der Tat nicht einfach. Aber ich finde den Ansatz, auch in den nicht-urbanen Raum zu gehen, in den ländlichen Raum zu gehen, der ist ja sehr, sehr klug. Weil Mittelallokation läuft ja meistens ins Urbane rein. Sowohl von der Wirtschaft, als auch von der Politik, als auch kulturelle Dinge gehen sehr oft dahin, wo eben viele Leute sind. Dadurch kommen auch diese Stadt-Land Gefälle zusammen. Und insofern sehr klug, dass ihr nicht nur auf die Masse zählt, damit ihr irgendwie in der Statistik sagen könnt, wir haben noch einer Million Menschen mehr geholfen, sondern dass es sinnvoll verteiltes Geld ist, weil jeder Mensch ist gleich viel wert. Das ist toll.
Die Villa Viva in Kapstadt und Hamburg: Wie man Immobilienvermögen in Gemeinnützigkeit überführt.
Carolin Stüdemann: Ich möchte auch ein Lieblingsprojekt kurz erzählen. Dauert auch nur eine Minute. Weil das ist wirklich einfach, finde ich, total faszinierend. Und das ist in Äthiopien. Da haben wir so ein großes Brunnenbohrgerät. Und das fährt durch den gesamten Norden von Äthiopien und bohrt an verschiedenen Stellen Bohrlöcher. Und da werden dann Brunnen gebaut. Und da sammeln sich dann wirklich richtig die Communities. Und da sieht man richtig, wie eigentlich auch Gemeinschaft und Wasser immer zusammenhängt. Und das richtig so lokal auch die Wirtschaft stärkt. Das ist gerade gesagt mit der Mittelallokation. Das sorgt eigentlich dafür, dass die gesamte Region auch so ein Wachstum erfährt. Attraktiver wird, Menschen nicht wegziehen, Migration eher reduziert wird. Und man richtig einfach sieht, dass sich auch generell die Gesundheit deutlich erhöht, Menschen weniger krank sind, die Kindersterblichkeitsrate deutlich zurückgeht. Das heißt, die gesamte Region erfährt so einen Abliff dann.
Thomas Mühlnickel: Thorsten Schäfer-Gümbel von der GIZ war vor einigen Folgen hier zu Gast. Und Thorsten hatte das auch erzählt, dass es so absurd ist, dass gerade die Leute, die sich über Migration aufregen, die Maßnahmen, die Fluchtursachen bekämpfen, an der Wurzel, verbannen wollen. Denen das Geld abschöpfen wollen, denen das Geld kappen wollen, die das alles für Blödsinn halten. Aber in Wahrheit ist ja auch das, was ihr tut, auch eine Bekämpfung von Fluchtursachen.
Carolin Stüdemann: Und extrem friedensbildend, humanitär, essentiell. Und ich sage eigentlich immer, was das ist, die Grundlage von allem, was das Leben und deswegen setzen wir uns dafür ein.
Thomas Mühlnickel: Ja. Nochmal, Villa Viva. So, jetzt aber. Jetzt aber.
Carolin Stüdemann: Jetzt kriegen wir die Kurve. Villa Viva. Die allererste Villa Viva steht in Kapstadt.
Thomas Mühlnickel: Warum?
Carolin Stüdemann: Zehn Minuten von der Waterfront entfernt. Also die Idee gibt es schon sehr lange. Schon seit sieben Jahren ist dieses Konzept auch da gewesen. Er hat natürlich auch viel Arbeit erfordert. Und Villa Viva ist ein Ort, ein Community-Ort, ein soziales Gasthaus, ein Hotel, wo Menschen übernachten können, wo wir aber auch die Community Spaces haben. Und die erste Villa Viva Idee ist für Hamburg entstanden, aber der gesamte Prozess war auch sehr langwierig. Hamburg kann ich gleich mal darauf eingehen. Und in diesem Prozess hatten wir so eine Chance, das älteste Backpacking Hostel in Kapstadt zu übernehmen. Und dann war so die Inspiration, wie schön wäre das, wenn die erste Villa Viva nicht in Hamburg stehen würde, sondern in Kapstadt. Und dann, wie es dann immer so ist, wir können natürlich, ich meine, Quizfrage an dich, was denkst du, wie viele Spendengelder können wir denn nehmen, um so eine Villa Viva zu ermöglichen? Was wäre gerade noch so vielleicht okay?
Thomas Mühlnickel: Einzelspenden?
Carolin Stüdemann: Oder Spendensumme, so prozentual vielleicht von dem Gesamtprojekt, was man umsetzt. Wie viel Prozent spenden? 50 Prozent? 20? 10?
Thomas Mühlnickel: 15?
Carolin Stüdemann: 15? Wäre gerade noch okay? Finde ich nicht. Null. Also wenn wir sagen, wir sind eine gemeinnützige Organisation und wir nehmen Spenden für Wasserprojekte, dann können Spenden nicht verwendet werden für zusätzliche Investprojekte, zusätzliche Ideen. Deswegen war von Anfang an klar, rote Linie. Wir brauchen anderweitiges Kapital, um diese Ideen zu verwirklichen. Aber mit Viva con Agua macht man auch spezielle Geschäfte. Denn es war für uns auch klar, wir wollen natürlich mehrheitlich die Anteile halten. Das heißt, wir brauchten Investoren, die sagen, ich gebe alles Geld und ich schenke euch aber mehrheitlich die Anteile.
Thomas Mühlnickel: Auch ein gutes Geschäftsmodell.
Carolin Stüdemann: Klappt, glaube ich, nicht so oft. Klappt aber mit einer klaren Vision dahinter. Und wir konnten da tatsächlich für Kapstadt einige Investoren gewinnen, die uns das Eigenkapital gegeben haben, die das Projekt ermöglicht haben. Die Villa Viva gibt es jetzt schon auch mehrere Jahre. Jedes Jahr, ich glaube das zweite Jahr in Folge, jetzt werden Gewinne ausgeschüttet für das Wasserprojekt in Südafrika, was wir im Eastern Cape umsetzen. Das heißt, da gibt es auch dann den lokalen Bezug, der Community Hub direkt in Kapstadt und dann die Projektwirkung auch nicht so weit entfernt. Und in Hamburg ist ja ursprünglich die Idee entstanden und da gab es einfach die Möglichkeit, dass Micha Fritz, ein Aktivist, auch seit dem ersten Tag mit dabei, Viva con Agua maßgeblich geprägt hat, ähm, der auch bis heute, Hans Dampf in allen Gassen, überall sehr, sehr aktiv ist. Und der hat einen Bauunternehmer getroffen und einfach gesagt, irgendwann hätte Viva con Agua einfach auch gerne mal ein Haus. Das war erstmal nur so eine Idee.
Thomas Mühlnickel: Und der sagte, okay.
Carolin Stüdemann: Und dann, wie es so manchmal so ist, wurde irgendwie so der erste Stein ins Wasser geworfen und hat so seine Wellen gezogen. Long story short, es gab auf einmal ein Grundstück, was wir zu reduziertem Preis bekommen haben, am Hamburger Hauptbahnhof, also direkt da nah dran. Es gab dann Investoren, es gab wichtige Partner wie eine Bank, die uns besondere Konditionen gegeben hat, die Umweltbank, wichtige Partner, die in der Projektentwicklung dabei waren und auch zu sehr besonderen Konditionen am Anfang kostenfrei und es nur in Rechnung gestellt haben. Und dann, als klar war, das Projekt kommt zustande. Also es waren sehr, sehr, sehr viele Faktoren.
Carolin Stüdemann: Es gibt da auch einen ausführlichen Podcast nochmal zu, für alle, die da tiefer reingucken wollen. Und dann ist das Projekt dadurch möglich geworden. Und auch dort war klar, mehrheitlich gemeinnützig. Die Anteile gehen dann mehrheitlich zu Viva con Agua, vom Haus und auch vom Gasthaus. Das ist sozusagen nochmal der Gasthausbetrieb, ist davon nochmal losgelöst. Und jetzt gibt es die Villa Viva, eineinhalb Jahre. Und es kommen sehr, sehr viele Besucher und Besucherinnen, jeden Tag. Wir haben jetzt kürzlich ein großes Water Festival organisiert, oben auf dem Rooftop, also wirklich mit Blick über Hamburg, haben wir das Wasser gefeiert und Spenden gesammelt. Es gab eine ausführliche Podiumsdiskussion zu Wasser, es gab Water is a Human Rights Shootings, es gab Comedians, es gab Live-Musik, DJ-Sets und das ist jetzt so ein Ort, wo wir einfach Menschen zusammenbringen und immer wieder an den Kern unserer Vision erinnern und es sind natürlich auch sehr langfristige Projekte in der Wertentwicklung, die jetzt in Hamburg können jetzt nicht sofort Gewinne ausschütten weil es einfach dauert, bis das Geschäftsmodell wirklich greift und hatte ja auch diese großen Erst-Invests. Aber es ist eine sehr langfristige Wertentwicklung für die Gemeinnützigkeit und da gehört dann einfach... Irgendwann, wenn es ganz abbezahlt ist, gehört einfach ein Haus der Gemeinnützigkeit als langfristige Wertanlage. Und die Gemeinnützigkeit ist ja fest gesichert, dass da niemanden gehört wie Viva con Agua. Also selbst Initiator Benni Adrion oder Micha Fritz, der von Anfang an dabei ist, dem gehören 0%.
Carolin Stüdemann: Die Gehälter sind auch eher, sage ich mal, geringer im Marktvergleich. Das heißt, da können sich die Menschen einfach sicher sein, ja, es geht eben nicht um irgendwen persönlich, sondern es geht um die übergeordnete Vision.
Thomas Mühlnickel: Aber ihr müsst schon smart wirtschaften können mit sozialen Gedanken, damit es funktioniert. Also wenn ihr das eine nicht könnt, funktioniert das andere ja nicht wirklich.
Carolin Stüdemann: Ja, das hängt sehr, sehr stark zusammen. Und wir haben auch wirklich die letzten Jahre große Schritte gemacht, was Professionalisierung angeht. Also wir funktionieren dann natürlich schon auch wie ein Startup, was wachsen möchte oder wie ein professionelles Unternehmen, was schlanke Prozesse einführt, was insgesamt natürlich ein richtig gutes Controlling-System hat, ein sehr klares Projektmanagement, getaktete Meetings, OKRs, regelmäßige Zielcafés, wo die Objective and Key Results abgestimmt werden, Reporting, was unsere Wertströme angeht und so einfach, um mal so ein paar Buzzwords rauszuhauen, weil das und das war sozusagen für mich auch so ein Anliegen, wenn, also um wirklich auch glaubwürdig den Spenderinnen und Spendern gegenüber zu sein, ist der größte Anspruch, nach innen maximal professionell zu sein. Da kann man sich das gar nicht leisten, zu sagen, ach, wenn man Schlendrian an Prozess so und ach, komm ich heute nicht, komm ich morgen, ach, machen wir mal zwei Stunden Meeting und entscheiden danach im Konsens, dann kommt nicht so viel Geld am Ende bei den Projekten an und deswegen war klar, nach innen, muss wirklich die Professionalität eigentlich immer mit hohem Anspruch immer weitergetrieben werden.
Thomas Mühlnickel: Ihr wollt die Kohle nur nicht behalten.
Carolin Stüdemann: Ja.
Thomas Mühlnickel: Du hast mich eben mit dem Quiz ein bisschen aufs Glatteis geführt und es kamen schlimme Erinnerungen in mir hoch, weil ich weiß seit Günther ja auch, wenn Kameras laufen, kann ich kein Quiz.
Carolin Stüdemann: Aber die Antwort, die du gegeben hast, ist die Antwort, die alle geben. Und das finde ich so spannend. 15 Prozent sagen alle immer noch so, ja, das wäre noch okay.
Thomas Mühlnickel: Kann man machen.
Carolin Stüdemann: Und das ist natürlich so ein Denkfehler in dem Moment, weil man einmal kurz sozusagen das nicht ganz zu Ende denkt. Aber es macht nochmal so deutlich so, nein, auf gar keinen Fall. Die Spenden gehören in den Satzungszweck.
Globale Wasserkrise & Grundwasserschwund: Was wir in Deutschland damit zu tun haben.
Thomas Mühlnickel: Dann gibt es jetzt die Revanche.
Carolin Stüdemann: Oh, jetzt bekomme ich ein Quiz. Ich bin auch nicht so gut im Quiz.
Thomas Mühlnickel: Aber du kannst diesem Quiz nichts falsch machen. Das ist das Gute. Jede Antwort ist richtig. Kannst du mir bitte ein paar Sätze vervollständigen.
Carolin Stüdemann: Okay.
Thomas Mühlnickel: In der Öffentlichkeit beeindruckt mich derzeit.
Carolin Stüdemann: Keine einzelne Person, sondern mich beeindruckt gerade eher in der Zivilgesellschaft, wie viele Menschen gerade sehr, sehr optimistisch und zuversichtlich sind und das auch nach außen geben und einfach zeigen, es gibt total viele Potenziale, Dinge können sich verändern. Ich habe ja auch ein ausführliches Wasserbuch geschrieben und mir da auch diese Potenziale angeguckt und ich habe so viele Beispiele gefunden, wo Menschen dazu beigetragen haben, dass sich Dinge grundlegend verändern. Gesetzesänderungen eingeführt wurden, Wasser von der Privatisierung wieder zurückgegeben wurde an die Gemeinden, neue innovative Lösungen gefunden wurden und das ist etwas, was mich gerade total begeistert und wo ich denke, diesen Stimmen müssen wir noch mehr Reichweite geben.
Thomas Mühlnickel: Bestimmte Dinge sind total ätzend, wie dass Nazis auf dem Vormarsch sind, aber es ist nicht so, dass alles ins Rutschen kommt und alles schlechter wird in diesem Land, sondern wir müssen aufpassen, an welchen Stellen wir gegen anarbeiten. An vielen Stellen kommen wir auch sehr gut voran. Ich glaube, den Blick müssen wir immer wieder behalten.
Carolin Stüdemann: Ja.
Thomas Mühlnickel: Über Deutschland denke ich.
Carolin Stüdemann: Das ist eine spannende Frage. Über Deutschland denke ich, dass wir manchmal etwas zu vorsichtig sind und das Risiko vielleicht zu sehr meiden und manchmal nicht uns trauen, auch mutige unternehmerische Entscheidungen zu treffen. Und da wünsche ich mir gerade, glaube ich, im Start-up-Bereich noch mehr auch Zuversicht und Zutrauen in die Zukunft und dann auch große Schritte und noch mehr an die Möglichkeiten und Visionen zu glauben.
Thomas Mühlnickel: Wir sollten mehr Wert legen auf.
Carolin Stüdemann: Gemeinschaft.
Thomas Mühlnickel: Der nachfolgenden Generation rate ich. Das frage ich, eine Frau mit der 30, aber der nachfolgenden Generation rate ich.
Carolin Stüdemann: Auch eigentlich würde ich der nachfolgenden Generation das raten, was ich auch jedem jetzt in meinem Umfeld raten würde. Ich glaube, es ist so wichtig, den eigenen persönlichen Kompass zu kennen und viel immer wieder zu schauen, anderen Menschen die Hand zu reichen und zu schauen, wie können wir auch für das Gemeinwohl, für die Gesamtgesellschaft das im Blick behalten und nicht nur irgendwie unseren eigenen Vorteil im Blick behalten, sondern eigentlich eher, merken, durch das Teilen und durch die Gemeinschaft entsteht eigentlich für alle mehr und auch für uns persönlich mehr.
Thomas Mühlnickel: Morgen wird besser als heute, weil?
Carolin Stüdemann: Bin ich mir sogar sehr sicher, weil ich sehr häufig, auch wirklich in den letzten Jahren mit Viva con Agua, lustige Erlebnisse hatte, wo ich dachte, okay, das war jetzt wirklich das krasseste Erlebnis, bei Viva con Agua im Schlauchboot zu sitzen, Pfandbecher einzusammeln, die Menschen irgendwie werfen und die Künstlerinnen zu hören, die große Durchsage machen, denke ich, wow, besser geht nicht. Und dann sind wir irgendwie bei der UN Water Conference in New York und da gibt es auf dem Times Square eine Riesenanzeige unserer Kampagne Water is the Human Right und alle sehen es und Wasser ist auf einmal so im Mainstream und Menschen sind begeistert, die Tagesschau, alle anderen Medien teilen das weiter und ich denke, okay, wow, Wasser ist sozusagen von dem Konzert, wo wir begrenzt analog Menschen erreichen, jetzt auf einmal international, überall und ja, es wird immer, wichtiger, immer größer und das ist, glaube ich, so zentral, dass wir das, was uns so jeden Tag so selbstverständlich vorkommen, dass wir das einfach richtig zum Trend machen und in den Mainstream bringen und einfach Menschen dafür begeistern.
Thomas Mühlnickel: Das stimmt, ihr schafft das auf eine sehr sympathische, fröhliche Art und die Leute mögen euch einfach. Also ich habe jetzt, wo du es gerade sagst mit dem Konzert, ich erinnere mich gerade, ich war letztes Jahr auf dem Jan-Delay-Konzert in Hamburg und der hat natürlich auch nochmal irgendwie zwischen zwei Liedern Werbung für euch gemacht, eine kurze Runde und sagte, hier, gebt eure Sachen bitte ab, Viva con Agua und gute Organisation. Ich meine, was will man mehr als solche Werbung, einfach mal zwischendurch vor 40.000.
Carolin Stüdemann: Leuten zu bekommen.
Thomas Mühlnickel: Mega. Caro, du hast ein Buch geschrieben, Die Zukunft unseres Wassers.
Carolin Stüdemann: Ja, richtig.
Thomas Mühlnickel: Also, von deinem Beruf her verstehe ich es, dass du etwas über Wasser schreibst. Aber wie schreibt man ein ganzes Buch über die Zukunft des Wassers? Worum geht es da?
Carolin Stüdemann: Es war wirklich richtig, richtig faszinierend und spannend. Ich habe selbst, ich dachte immer, ich weiß schon total viel über Wasser und ich habe trotzdem noch mal sehr viel Neues gelernt. Eigentlich wollte ich kein Buch schreiben. Mich hat ein Verlag angesprochen und gesagt, Mensch, willst du nicht ein Buch schreiben? Da habe ich gesagt, nein, da habe ich keine Zeit für. Ich muss mich um unsere Wasserprojekte kümmern und wir sind so aktiv mit unserem Engagement und es ist ja immer viel los.
Thomas Mühlnickel: Dann kam deren Spendenangebot und du hast Ja gesagt.
Carolin Stüdemann: Nee, aber dann habe ich mich einfach noch mal tiefer damit beschäftigt, weil es gab auf, wir haben so ein Netzwerktreffen, wo wir uns immer mit vielen Engagierten treffen. Das ist so einmal im Jahr. Und da sind sehr viele Ehrenamtliche zu mir gekommen. Ich hatte unsere Strategie vorgestellt damals.
Carolin Stüdemann: Und habe einfach so vorgestellt, in welche Projekte wollen wir stärker investieren, was ist für uns wichtig. Und dann kamen die ganzen Ehrenamtlichen zu mir danach und haben gesagt, Caro, wir sind in Lüneburg, da zapft Coca-Cola extrem viel Wasser ab. Wie gehen wir denn damit um? Oder andere, die kamen, die gesagt haben, ja, und wie, was passiert denn eigentlich, gerade jetzt mit den ganzen klimatischen Veränderungen, der Gletscherschmelze, aber auch den Veränderungen des Wasserkreislaufs, zunehmenden Dürren, Wie geht wie auch ein Aqua damit um? Und teilweise habe ich gemerkt, erste Antworten kann ich liefern, aber so wirklich ganzheitliche, tiefe, fundierte Antworten auch nicht, weil es unfassbar viele Daten gibt, aber die teilweise doch noch nicht so zusammengeführt sind und auch der Blick auf die Lösung teilweise fehlt. Dann ist die Problembeschreibung total da, total präsent. Aber die Lösungen finde ich dann oft nicht, sind da nicht so konstruktiv beschrieben. Und deswegen dachte ich, dieses Buch braucht es eigentlich. Es braucht eigentlich ein Buch, was einmal alle mitnimmt auf die Reise des Wassers, was sich genau so etwas anguckt, wie steht es ums Wasser. Gerade in Deutschland haben wir in Deutschland einen Grundwasserschwund. Leider ja. Leider haben wir auch in Deutschland ungefähr die Menge des Müritzsees an Grundwasser verloren. Das sind 10 Milliarden Tonnen. Aber eigentlich international haben wir große Herausforderungen, was Wasser angeht. Auch die Verschmutzung nimmt stärker zu.
Carolin Stüdemann: Der Wasserverbrauch hat sich versechsfacht insgesamt und auch durch unseren Konsum. Gerade importieren wir eigentlich Wasser. Das kann man sich ungefähr so vorstellen, als würden ganz viele Flugzeuge regelmäßig nach Deutschland kommen, die Wasser aus eher wasserarmen Gebieten wie Äthiopien, wie Spanien hierher importieren, weil das in unseren Produkten steckt. In der Schokolade, die wir essen, dem Kaffee, dem wir trinken, der Jeans, die wir tragen. Das heißt, dieses Grundverständnis einmal in die Breite zu bringen und dann aber auch zu sagen, so, es geht gar nicht so sehr darum, jetzt die ganze Verantwortung aufs Individuum zu legen, sondern es geht eigentlich darum, Mut zu machen, zu sehen, was können wir auch schaffen, gemeinschaftlich, natürlich Politik, Unternehmen, Einzelpersonen. Aber jede Einzelperson hat irgendwo ein Netzwerk, eine Entscheidung, eine Stimme auf dem Wahlzettel und so weiter. Und manchmal denken wir, unser eigener Handlungsspielraum ist gar nicht so groß, aber Zukunft ist nicht das, was zufällig passiert, sondern Zukunft ist eigentlich das, was erst entsteht mit vielen Entscheidungen, die täglich getroffen werden. Und dafür wollte ich inspirieren und das heißt, in dem Wasserbuch geht es auch sehr viel um spannende Lösungen, teilweise was Unternehmen auch schon innovativ umsetzen und anders machen.
Carolin Stüdemann: Im Bereich Kühlwasser lässt sich zum Beispiel unfassbar viel Wasser auch einsparen, was auch notwendig ist, was auch ein wirtschaftlicher wichtiger Standortfaktor zukünftig sein wird. Aber es gibt auch sehr viel indigenes Wissen, was über Jahrzehnte, Jahrhunderte eigentlich schon in den Gemeinschaften liegt, wie Wasser geschützt werden kann, wie eine Renaturierung aussehen kann, wie auch Wasser im Boden gehalten werden kann. Da schaue ich so ein bisschen rein. Und dann aber auch ganz, ganz viele Tipps. Was kann ich als Individuum tun und was hilft mir auch dabei, irgendwie zuversichtlich zu bleiben?
Thomas Mühlnickel: Und das schreibst du so nebenbei, du bist ja so ein Brummkreisel, habe ich jetzt verstanden, und das schreibst du dann noch nebenbei abends, wie hast du das gemacht?
Carolin Stüdemann: Ich habe es schon abends viel geschrieben und auch nachts. Und ich habe aber zusammengearbeitet und das ist wichtig. Ich meine, so ein Projekt kann man gar nicht alleine. Also es ist schon auch wirklich ein Gemeinschaftswerk. Ich hatte einmal einen Co-Autoren, der unfassbar viel wissenschaftliche Recherche gemacht hat und ich glaube, ohne den wäre ich auch ganz schön aufs Glatteis geraten, weil der ist auch Biologe, der kennt sich unfassbar gut aus.
Thomas Mühlnickel: Klar, da ist es auch Wasser.
Carolin Stüdemann: Wie bitte?
Thomas Mühlnickel: Klar, da ist es auch Wasser.
Carolin Stüdemann: Und da sind die Zusammenhänge teilweise schon eben teilweise nicht ganz so einfach zu erfassen. Und auch Studien haben sich, wurden über Bord geworfen oder nochmal aktualisiert zwei Jahre später und so. Da war er einfach sehr genau. Das heißt, man kann sich wirklich sicher sein, da ist sehr, sehr fundiert recherchiert worden. Und gleichzeitig habe ich natürlich so meine Perspektive sehr viel mit reingebracht. Was, glaube ich, ist wichtig? Mit welchen Menschen wollen wir sprechen? Es hat auch ein Dokument, so wie so eine Art Doku-Charakter. Wir haben zwölf Zurufe von bekannten Persönlichkeiten. Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, aber auch Dirk Steffens, Bela B., Sven Plöger. Dann Maud Barlow, eine total inspirierende Persönlichkeit aus Kanada, die damals mit dabei war, als 2010 Wasser als Menschenrecht anerkannt wurde. Als ich mit ihr telefoniert habe, sind mir wirklich die Tränen gelaufen, als sie von dieser Situation berichtet hat. Weil damals ging man nicht davon aus, dass man es schafft. Es haben sich ganz viele Menschen dafür eingesetzt, dass Wasser als Menschenrecht anerkannt wird.
Carolin Stüdemann: Und sie saßen trotzdem auf der UN-Versammlung und dachten, nee, der Widerspruch ist zu groß, viele Staaten werden dagegen stimmen, weil das bedeutet, dass die Staaten dann auch aktiv werden müssen. Und es ist durchgekommen und das war so ein emotionaler Moment für alle Menschen, die mit dabei waren, die lagen sich in den Armen und dachten, wow, unser Engagement hat wirklich was gebracht.
Carolin Stüdemann: Und mich hat es unfassbar berührt, als sie das erzählt hat und mich berührt es auch, wenn ich es jetzt erzähle, weil es einfach so schön ist zu sehen, ja, es lässt sich was bewegen und sie hat zum Beispiel auch mitgewirkt, sie hat was geschrieben, Und es haben Menschen aus meinem Team Impulse mit reingegeben. Ich habe auch auf andere Expertinnen zurückgreifen können, die dann mir auch nochmal was zugeschickt haben und gesagt haben, guck mal, das musst du doch mit berücksichtigen. Und dadurch ist es wirklich so ein Gesamtkunstwerk geworden. Ich wurde auch gut unterstützt von einer PR-Agentur mit Beratungsleistung, so eher im Bereich Kommunikation. Drei Brüder aus Köln, die sind toll, die Geschäftsführerin Marie Steffen, auch super Frau. Also so, um einfach nur so ein paar Beispiele zu nennen. Und dadurch ist es auch dieses Gesamtkunstwerk geworden. Und ich gehe natürlich jetzt, ich mache jetzt gerade meine Buchreise und bin auf der Leipziger Buchmesse, aber eigentlich stehe ich da für ein großes Netzwerk, eher so ein bisschen als Sprachrohr, als Stimme und ja, stehe für das Viva con Agua Netzwerk und die vielen Menschen, die da auch an dem Werk mitgewirkt haben.
Thomas Mühlnickel: Wenn du die Leipziger Buchmesse erwähnst, muss ich ganz kurz einräumen, wir haben heute den 27. März, an dem wir aufzeichnen, deshalb bist du noch auf dem Weg zur Buchmesse.
Carolin Stüdemann: Genau.
Thomas Mühlnickel: Wenn wir erscheinen, ist es hier schon längst gewesen.
Carolin Stüdemann: Ach so, oh ja.
Thomas Mühlnickel: Aber du warst auf der Leipziger Buchmesse, auf der Frankfurter, wirst du bestimmt auch noch im Herbst sein.
Carolin Stüdemann: Ja, hoffentlich.
Thomas Mühlnickel: Wasser ist ja ein globales Thema. Und ich glaube, das fällt uns oft schwer, das zu verstehen. Ich glaube, wir haben mittlerweile kapiert, Klima ist ein globales Thema und kein lokales Thema. Luft, haben wir auch verstanden, ist auch sehr global und nicht nur lokal. Und bei Wasser ist es, glaube ich, auch wichtig, das auch zu verstehen, dass wir zwar Grundwasser irgendwo hier unter diesen Häusern haben, aber am Ende ist Wasser auch ein weltweiter Kreislauf und wir beeinflussen da alle gegenseitig. Wir nehmen uns gegenseitig was weg, wir verunreinigen uns das gegenseitig. Und wenn es irgendwo anders fehlt, könnten wir auch mitschuld sein. Ich finde, diesen Gedankenswitch reinzubekommen, dass es global ist, ich finde ihn so extrem schwer.
Carolin Stüdemann: Ja, es fällt uns manchmal schwer, alles so außerhalb unseres direkten Bezuges wirklich zu greifen. Es gibt sehr spannende Recherchen zu den planetaren Grenzen. Du hast gerade ja schon so ein paar Beispiele genannt und die planetare Grenze zu Wasser ist auch überschritten seit 2022. Ich saß mit meinem Team damals zusammen, wir haben gerade über unsere Wasserstrategie gesprochen in der Wasserprojektumsetzung und dann kamen die News. Grenze ist überschritten und das heißt, dass da teilweise auch manche Veränderungen irreversibel sind und so beeinflusst schon ist der Wasserkreislauf, dass es auch wirklich Kraft und Mühe kostet, das wieder zu stabilisieren.
„Zukunft ist das, was wir gemeinsam gestalten“ – über Zuversicht, Klimaschutz und Fluchtursachen.
Thomas Mühlnickel: Okay, aber das ist ja immer auch unser Anspruch, dass wir den Leuten, die hier zusehen und zuhören, auch Ideen mitbringen, was kann ich als einzelne Person tun.
Thomas Mühlnickel: Jetzt lass uns das doch mal durchspielen. Was kann ich denn als einzelne Person tun für den globalen Wasserhaushalt und dass es uns allen ein bisschen besser geht und wir nicht pessimistisch werden müssen?
Carolin Stüdemann: Oh, es gibt wirklich richtig viel. Die direkte Unterstützung, die habe ich auch schon gesagt, ist wirklich eine Spende für Wasserprojekte, um global Verantwortung zu übernehmen. Das würde ich sagen, ist schon auch einfach eine der wichtigsten Maßnahmen, die wir machen können. Zusätzlich, wenn wir jetzt sagen, wo spare ich überhaupt Wasser? Dann denkt man immer sofort in den eigenen Haushalt. Und insgesamt alle Haushalte in Deutschland verbrauchen tatsächlich 25 Prozent des Wassers. Also ist das ja schon immer ein Viertel, auf das wir durch unseren direkten Verbrauch einen gewissen Einfluss haben. Und da empfehle ich immer wirklich, es gibt diese Wassersparaufsätze. Die kann man überall aufschrauben und dadurch spart man wirklich, hat man nur ein Drittel des Wassers beim Duschen zum Beispiel. Deutlich weniger Wasser, was rauskommt, hat das gleiche Duscherlebnis. Auch bei dem ansonstigen Wasserverbrauch würde ich sehr empfehlen, so was zu machen. Und auch insgesamt Wasser auch mehrfach zu benutzen. Also das Wasser vom Abwaschen vielleicht, von dem Gemüse, was ich gewaschen habe, dann nochmal für die Blumen verwenden etc. Also da so ein Umdenken zu entwickeln. Es gibt sogar auch zwischenzeitlich tolle Lösungen, wie auch insgesamt, also Wassertoiletten sind eigentlich so absurd. Wir verbrauchen da tausend Milliarden Liter Wasser. Nur durch unsere Toilette trinkt Wasser.
Thomas Mühlnickel: Tausend Milliarden Liter Wasser.
Carolin Stüdemann: Ja, das ist so. Ich glaube, ich habe es mal ausgerechnet. Ich habe mal so gefragt bei Google oder bei, ich glaube, ChatGPT. Wie viel ist das? Eine Suchanfrage kostet auch neun Liter Wasser. Auch nicht gut. Also die Rechenzentren verbrauchen natürlich viel Wasser. Das ist eigentlich wie, als würde man so, ich glaube, Badewannen um die Welt legen und zwar 122 Mal. So viel Wasser ist das, was wir jährlich mit unserer Toilettenspülung verbrauchen. Und da, wenn sowas gibt, da gibt es auch Alternativen. Es gibt auch so Toiletten, die extrem wenig Wasser verbrauchen oder die mit dem Duschwasser funktionieren, mit dem Grauwasser. Und ich glaube, solche Lösungen sind natürlich dann mit einem großen Hebel. Da kann man auch nicht sagen, da bist du als Individuum verantwortlich. So wie die Infrastruktur in meiner Mietwohnung ist, so ist sie halt. Aber insgesamt bewusster damit umzugehen, für mich ist es eher wirklich dieses Grundverständnis von ich wertschätze Wasser und weiß wie wichtig und essentiell es ist. Ich glaube schon dieses Umdenken sorgt dafür insgesamt sensibler damit umzugehen. Und der direkte Wasserverbrauch ist aber eigentlich nur ein kleiner Teil. Ein großer Teil ist wirklich der indirekte Verbrauch. Ich hatte vorhin schon das virtuelle Wasser angesprochen. Das heißt, ein vegetarischer Tag zum Beispiel spart pro Jahr 45.000 Liter Wasser ein.
Carolin Stüdemann: Das ist ja schon was, wo man mal sagen kann, Mensch, diese Woche gönne ich mir vielleicht sogar mal zwei vegetarische Tage oder mal drei. Also das kann man natürlich beliebig steigern, dem sind keine Grenzen gesetzt. Aber da ist schon etwas, weil Fleisch verbraucht insgesamt viel Wasser. Sowas kann ich machen oder vielleicht auch zum Beispiel, habe ich hier zum Beispiel gehört, in der Hotellerie ist eine Frau sehr, sehr aktiv, die auch sagt, vielleicht können wir die Kaffeepause am Nachmittag einfach auch immer zusätzlich noch Tee und tolle Säfte anbieten. Dann trinken die Leute einfach vielleicht nicht den Kaffee, den sie noch brauchen, sondern trinken auch mal einen Tee und wir haben direkt den Wasserverbrauch reduziert. Eine Tasse Kaffee sind ungefähr 120 Liter Trinkwasser in der Produktion. Also das sind so die Dinge und ansonsten erneuerbare Energien. Also insgesamt kann man schon sagen, der Kohleausstieg ist die beste Wasserschutzmaßnahme. Es gibt da ein sehr spannendes Zitat, das hat das Korrektiv Recherchenetzwerk zitiert. Die hatten ein Interview mit RWE und da hat ein Sprecher der RWE gesagt, also um ehrlich zu sein, die beste Klimaschutzmaßnahme ist der Kohleausstieg und auch die Wasserschutzmaßnahme. Also da lässt sich schon viel verändern. Man kann gucken, wo habe ich mein Bankkonto? Wie kann ich auf erneuerbare Energien irgendwie umsteigen? Welche Partei wähle ich? Wo kann ich mich engagieren? Und ich glaube, das ist so dieses Klassische. Ich denke immer, das eine ist der Konsum.
Carolin Stüdemann: Aber das ist trotzdem im Verhältnis nicht so viel wie das, was ich eigentlich proaktiv, wie ich andere Menschen inspirieren kann, wie ich mich zusammenschließen kann, wie ich zum Beispiel bei einer Projektwoche in der Schule als Lehrerin, als Lehrer das Thema Wasser reingeben kann oder nachhaltigen Konsum, wie ich begeistern kann dafür, einfach sich zu engagieren. Da ist der sogenannte Handabdruck auch sehr wirksam.
Thomas Mühlnickel: Man muss ja auch nicht gleich alles davon machen. Man kann ja langsam anfangen, man kann ja auch einsteigen, man kann sich auch aussuchen, was funktioniert für mich, was funktioniert nicht für mich. Aber alles wirkt. Das ist ja die gute Nachricht.
Carolin Stüdemann: Alles wirkt. Und ich freue mich, wenn nach dem Podcast noch ein paar Fördermitglieder dazukommen bei Viva con Agua.
Thomas Mühlnickel: Finde ich auf eurer Webseite oder wo finde ich das?
Carolin Stüdemann: Ja, direkt auf der Webseite kann man direkt klicken, Fördermitglied werden und das ist auch jetzt ein bisschen neu. Die Fördermitglieder heißen ab sofort nämlich Aguanistas und man ist als Aguanista richtig Teil eines Clubs und findet da auch so ein paar Benefits, was man auch so alles noch zusätzlich mitbekommt an exklusiven Projektinfos, an Veranstaltungen, bei Viva con Agua ist ja auch immer sehr viel los. Von daher lohnt es sich das auf jeden Fall, sich das mal anzugucken.
Thomas Mühlnickel: Das wird langsam ein teurer Podcast hier für mich. Ich bin schon nach Campact, letztes Mal bei Campact eingestiegen, nach Christoph Baums.
Carolin Stüdemann: Bist du jetzt Aguanista?
Thomas Mühlnickel: Ich glaube, ich werde es jetzt, ja.
Carolin Stüdemann: Oh, wirklich?
Thomas Mühlnickel: Ich glaube, ich werde es jetzt, ja.
Carolin Stüdemann: Das ist quasi ein hanseatischer Anschlag.
Thomas Mühlnickel: Das ist ein hanseatischer Anschlag. Aber wenn ich überzeugt bin, bin ich überzeugt. Insofern, ich steige ein.
Carolin Stüdemann: Juhu!
Thomas Mühlnickel: Aber dann will ich auch zur nächsten Party kommen.
Carolin Stüdemann: Okay, wir machen immer mal welche. Ich lade dich ein.
Thomas Mühlnickel: Sehr gut. Caro, ich hatte 8000 Fragen vorbereitet, habe davon, glaube ich, zwei gestellt. Das war aber ein ganz wunderbares, spannendes Gespräch. Das heißt, du musst wiederkommen. Ich muss meine Fragen irgendwann wieder verwerten. Insofern, ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, bevor du gehst. Aber noch eine Abschlussfrage.
Carolin Stüdemann: Jetzt bin ich gespannt.
Thomas Mühlnickel: Du siehst dieses kleine, wunderbare Kino hier. Es ist eine Zeitmaschine. Wir steigen ein, wir fliegen zum Brandenburger Tor im Jahr 2050, steigen wieder aus. Was für ein Land sehen wir?
Carolin Stüdemann: Es wäre auf jeden Fall total grün. Die Dächer werden begrünt und Menschen wären draußen auf den Straßen unterwegs und ich würde einfach sehen, wie Menschen total eher in Gemeinschaft sind und ich richtig merke, die Menschen sind verbunden, sie sind zuversichtlich, sie genießen die Zeit zusammen und ja, ich würde sofort irgendwie so ein Gefühl von Wohlgefühl verspüren, hier möchte ich bleiben.
Thomas Mühlnickel: Caro, du hast mich gerade wirklich in diesen 50 Minuten, die wir gerade miteinander hatten, sehr angesteckt mit deinem Optimismus und deiner Freude und deinem Macherinnentum. Ich finde das wirklich wunderbar beeindruckend und bin ein echter Fan gerade geworden und freue mich sehr, wenn wir uns wiedersehen und dieses Gespräch fortsetzen können bei nächster Gelegenheit.
Carolin Stüdemann: Darauf freue ich mich auch. Wir sehen uns beim nächsten Water Festival.
Thomas Mühlnickel: Danke für deinen Besuch.
Carolin Stüdemann: Es war richtig schön, hier zu sein. Tja, danke.
Thomas Mühlnickel: Ja, danke.
Carolin Stüdemann: Ja, das war doch gut.