Was tun gegen Rassismus im Alltag, Mo Asumang?

19.12.2023
Folge
24
Zu Gast
Mo Asumang
beschreibung

Mo Asumang ist Filmemacherin, Autorin, Moderatorin – und eine der mutigsten Stimmen gegen Rassismus in Deutschland. In dieser Folge unseres ASK-Podcasts „Damit die Guten gewinnen" spricht sie über die Kraft der Konfrontation. Zuhören statt zurückschlagen. Konfrontieren statt ausweichen. Bei sich bleiben, auch wenn andere laut werden. Auf Hass nicht mit Hass reagieren.

Transkript (KI-generiert)

Willkommen bei Damit die Guten Gewinnen

Thomas Mühlnickel: Mo Asumang, herzlich willkommen. Schön, dass du da bist.

Mo Asumang: Ja, vielen Dank für die Einladung. Sehr gemütlich hier.

Thomas Mühlnickel: Das ist ein super Studio. Wir freuen uns sehr, dass wir hier unsere Gäste empfangen. Mo, unser Podcast heißt ja, damit die Guten gewinnen. Wer sind denn für dich die Guten?

Mo Asumang: Also, ich würde sagen, gut sind eigentlich fast alle Menschen, aber noch ein bisschen besser sind die, die sich wirklich anstrengen, die, die auch gerne mal Fehler machen und es dann vielleicht im Anschluss zugeben, die aus den Fehlern lernen. Ja, da sind vielleicht nicht unbedingt viele Politiker dabei, aber ja, also das würde ich sagen, das sind die guten Menschen, aber auf jeden Fall nicht die, die quasi alles perfekt machen. Das würde ich jetzt nicht so sehen.

Thomas Mühlnickel: Dich kennt man ja aus dem Fernsehen, dich kennt man daraus, dass du viele Filme produziert hast, dass du dafür auch viele Preise gewonnen hast, sehr erfolgreich damit bist, bist auch Dozentin an der Universität, also wirklich Gastprofessorin, bunt unterwegs und du bist ja ein echtes hessisches Mädchen aus Nordhessen, aus Kassel. Ich habe gelesen, du bist eine Zeit lang bei Pflegeeltern aufgewachsen, wurdest auch von deiner Oma großgezogen. Macht das was für den eigenen Werdegang, wenn die Oma ein Groß sieht statt der eigenen Eltern?

Mo Asumang: Also was auf jeden Fall was macht, ist, dass ich tatsächlich mit fünf Wochen ins Kinderheim gekommen bin. Also da war ich so groß. Und das ist etwas, was ganz tief drin verwurzelt ist. Ich kann es nicht wirklich greifen, aber manchmal gibt es da so ein Gefühl von, ich bin in einer Unsicherheit. Es ist alles nicht so stabil. Also tendiere ich immer dazu, mir das stabil zu machen. weil das ab und zu mal so hoch poppt. Also das ist auf jeden Fall da. Ich bin auch im Moment gerade extrem an diesem Thema und versuche da alle möglichen Selbstbeschwörungen zu machen, morgens oder abends, wenn ich ins Bett gehe und so. Ja, ich frage mich immer, wozu soll das gut sein?

Thomas Mühlnickel: Heißt das für dich, Private Stabilität oder auch gesellschaftliche Stabilität daran mitzuarbeiten?

Mo Asumang: Gut, dass du das fragst. Ehrlich gesagt beides. Die private Stabilität, natürlich genau Partnerschaft oder gerade Broke-up oder was auch immer. Aber das geht auch in die Gesellschaft hinein. Bei mir ist es witzigerweise verknüpft, weil als die Nazis mir eine Morddrohung an den Kopf gesungen haben, die Kugel ist für dich, Mo Asumang, kam quasi diese private Geschichte auch hoch, also meine Kindheitsgeschichte, als auch, dass das wahrscheinlich etwas ist, was ganz viele Leute kennen, dass einem so ein bisschen der Boden unter den Füßen aufgeht, wenn man eben hört, wie Rassisten, Antisemiten, Frauenfeinde, homophobe Menschen die Demokratie zerstören wollen.

Mo Asumangs Werdegang

Mo Asumang: Ja, also klar, wegen Liebe, Sünde meinst du?

Thomas Mühlnickel: Ja, du warst in der Mitte der 90er die erste afrodeutsche Moderatorin im normal zugänglichen deutschen Fernsehen. Und dann auch gleich mit so einer wilden Sendung wie Liebe, Sünde. Hast du da viel Anfeindungen bekommen oder wie war das für dich?

Mo Asumang: Also erstmal muss ich ein bisschen korrigieren. Es gab ja noch Arabella Kiesbauer. Aber ehrlich gesagt ist sie Österreicherin. Ich habe da Anfeindungen bekommen. Das waren keine schönen, keine netten, lieben Briefe. Also es gab viele liebe Briefe auch. Und es gab aber eben auch rassistische Anfeindungen, die tatsächlich dann irgendwann auch vor mir versteckt wurden, weil sie einfach zu gemein waren. Dann habe ich sie auch nicht mehr gelesen. Deshalb weiß ich da auch gar nichts drüber.

Thomas Mühlnickel: Du hast ja visuelle Kommunikation studiert und Gesang. Dann gab es ja irgendwann diesen Moment zu entscheiden, mache ich das mit dem Fernsehen? Nehme ich das Angebot an? Will ich die Idee mitverfolgen oder nicht? Hast du dir über solche Sachen vorher Gedanken gemacht?

Mo Asumang: Äh, nee, also bei mir kam wirklich eins zum anderen. Also ich war Taxifahrerin und dann hatte ich einen ganz tollen Taxigast, der war Synchronregisseur und der hat dann meine Stimme schön gefunden und der hat gesagt, hey, magst du nicht mal ins Studio kommen? So bin ich dann beim Synchronsprechen gelandet, das habe ich dann auch ein paar Jahre gemacht und irgendwie ein bisschen später kam jemand und der hatte ein Foto von mir gesehen als Taxifahrerin und hat dann gesagt, ach Mensch, das ist ja interessant, ich brauche jemanden als roten Faden für meine, was war das, also für irgendeine TV-Reihe, Berlin bei Nacht und da kann noch die Taxifahrerin den Cellisten aus der Philharmonie abholen und dann in den Club fahren, die singt ja auch noch, ach, dann kann die ja auch noch in irgendeinen Club gehen und da singen und auftreten. Und dann gehen wir noch mit ihr nach Hause, zack. Und dieser Film hat mich dann eben tatsächlich zum Fernsehen gebracht. Also ich hatte schon so ein bisschen Erfahrung und sollte aber aufgrund dessen eben zu einem Casting gehen. Genau, und da bin ich dann gelandet und das war einfach nur super spannend alles für mich. Und ich dachte, gut, als Afrodeutsche, welche Chance habe ich im Leben? Vielleicht ein bisschen weniger als andere. Also habe ich mir gesagt, nutze ich das. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, dass da jetzt sofort sowas auf mich hereinprasselt, weil ich sehe mich ja so nicht. Ich sehe ja in den Spiegel und denke ja nicht die Dinge, die so ein Nazi denkt. Im Idealfall.

Thomas Mühlnickel: Aber es war damals trotzdem sehr schnell viel Öffentlichkeit. Also ich erinnere mich Mitte der 90er, da war ich 12, 13, 14 Jahre alt. Ich bin mir relativ sicher, ich habe Liebe, Sünde zu der Zeit nicht geschaut. Und trotzdem war es zu mir damals ein Begriff und auch bis heute dadurch auch ein Begriff. Also es ist ja schon damit sehr viel Öffentlichkeit mit verbunden gewesen. Und dann…, Kommt so eine Nazi-Bande.

Mo Asumang: Ja, also Öffentlichkeit ist ja schön und man freut sich, dass man den Menschen Spaß macht mit den schönen Filmchen, die man bei Liebe Sünde schauen konnte. Aber man kommt ja im Traum nicht darauf, dass es da Menschen gibt, die das eben nutzen, die also die prominente Figur dann eben nutzen, um ein Lied zu machen. Die Kugel ist für dich. Und man muss sich mal vorstellen, dass dieses Lied ja überall in den Kellern, Hinterzimmern und sonst wie der Neonazis deutschlandweit gehört wurde. Und dann haben die immer meinen Namen gehört und es ist natürlich klar, dass es gefährlich ist, dass die dann irgendwann bei mir vor der Tür stehen. Aber de facto kannten sie mich ja gar nicht. Also sie haben mich wirklich nur als Medienfigur benutzt.

Thomas Mühlnickel: Also nur als Projektionsfläche quasi.

Mo Asumang: Ja.

Thomas Mühlnickel: Sie haben deinen Namen genommen, sie haben eigentlich auch dich genommen, aber in Wahrheit könnte man es interpretieren, wie du bist. Die Hautfarbe genommen.

Mo Asumang: Sie haben die Hautfarbe genommen und bei Michel Friedman haben sie ihm genommen, dass er Jude ist, bei Alfred Biolek schwul, bei Rita Süßmuth wüsstest du es?

Thomas Mühlnickel: Ich hätte jetzt fast gesagt, dass sie eine Frau ist, aber ich kann es dir nicht sagen.

Mo Asumang: Ja, die Kugel ist für dich Rita Süßmuth, gab es da eben auch. Und sie hat sich für die Rechte der Frauen eingesetzt.

Anfeindungen und Herausforderungen

Thomas Mühlnickel: Und dann passiert etwas, jemand, der sowas erlebt hat, so eine harte Anfeindung, das ist eine echte Bedrohung, da wird Leuten mit dem Tod gedroht auf irgendeine Form von missverstandener Kunst. Und du ziehst dich da nicht zurück und sagst, ich bin ab jetzt gegen alle und ich ziehe mich in Angst zurück, sondern du sagst, ich will mal mit denen reden.

Mo Asumang: Ja, das war später, aber am Anfang habe ich mich zurückgezogen.

Thomas Mühlnickel: Ja, genau, aber das hat nicht ewig vorgehalten, weil du bist irgendwann rausgegangen und hast gesagt, ich will mit Leuten, die so ticken und die so reden, reden. Und das ist ja etwas, was dein Werk der letzten vielen Jahre auch tatsächlich darstellt, dass du immer wieder in Kontakt gegangen bist, in Dialog gegangen bist mit Leuten, die auch gefährlich sein können.

Mo Asumang: Ja, am Anfang noch gar nicht, weil ich bin da, tatsächlich habe ich beim Theaterprojekt mitgemacht zu therapeutischen Zwecken im Knast in der JVA Wriezen in Brandenburg. Und da waren die alle inhaftiert, da konnte mir ja nichts passieren. Danach bin ich dann auf eine riesen Nazi-Demo gegangen, bisher die größte, auf der ich war, auf dem Alexanderplatz, 3000 Neonazis. Das muss man sich mal vorstellen, 3000, also der ganze Platz war wirklich voll mit Neonazis und die krakelten und Ausländer raus und sie schauten böse und all das und da bin ich tatsächlich noch nicht so cool gewesen, überhaupt nicht. Ich habe das auch tatsächlich gefilmt, weil ich wollte da einfach auch ein Interview filmen und man sieht mir das auch an. Dass ich wirklich fast auch aufgegeben hätte. Und mir war auch ganz schlecht. Und ich habe bei der Polizei angeklopft, bei den Wannen. Die haben sich aber eher so ins Fäustchen gelacht, dachten, was macht die denn da? Die läuft ja in die falsche Richtung. Und ich bin dann weitergelaufen mit dem Bild, ich bin eine Dampfwalze.

Thomas Mühlnickel: Das hat dir Kraft gegeben?

Mo Asumang: Ja, das war etwas, was ich ganz unterbewusst gemacht habe. Ich habe gesagt, ich bin eine Dampfwalze. Und dann bin ich eben mit diesem Motor, mit diesem Gefühl der Panzerung und auch mit dieser Langsamkeit ganz langsam einfach weitergelaufen, ohne anzuhalten. Ich habe natürlich geatmet, aber viel mehr konnte ich nicht, weil mir war so übel. Und dann stand ich dort und wurde noch weiter getriggert. Die Dampfwalze habe ich geparkt, aber dann habe ich auch erst mal gar nichts gesehen. Ich habe also ehrlich gesagt, habe ich keine Menschen gesehen.

Thomas Mühlnickel: Aber nur eine Masse.

Mo Asumang: Eine Masse und ja, weil die auch alle gleich angezogen waren, das ist auch ein bisschen ein Trick von denen, dass diese Uniformiertheit, sie als ein Körper und ja, das hat natürlich dann nochmal Angst gemacht und ich habe es dann tatsächlich geschafft, auch einen Satz zu sagen, Dinge zu fragen, weil ich mir gesagt habe, Mo, erlaube dir hinzuschauen.

Thomas Mühlnickel: Was hat dich dahin gezogen dich in so eine Situation zu begeben die einfach nur unangenehm ist, weil das sind Leute, die, Zweifel, dich nicht als Person hassen, aber dich als schwarze Frau hassen, die dir nur das Schlechteste wünschen und im Zweifel die Gefahr für dich sein können. Und du gehst trotzdem dahin. Was ist das, warum du das tust?

Mo Asumang: Ja, die meisten würden hingehen wahrscheinlich mit dem Gedanken, sie würden versuchen, denjenigen umzupolen. Bei mir war es genau das Gegenteil. Ich habe versucht, ich zu bleiben. Das ist der große Unterschied. Weil wenn du irgendwo hingehst und versuchst, jemanden umzupolen, dann bist du ja immer in der Unsicherheit. Weil du weißt ja nicht, nimmt er das jetzt an, was macht er jetzt als nächstes? Du bist dann immer darauf fokussiert, dass etwas vielleicht nicht gelingen könnte. Und ich habe gemerkt, wenn ich mich auf mich selber konzentriere und mir dann einfach sage, okay, du machst das jetzt, du ziehst das jetzt durch, ich kann mich ja auf mich verlassen. Und da hast du dann eher die Stabilität und dann einfach wirklich zu gucken, kann ich noch die Demokratin sein? Kann ich noch bei meinen Werten bleiben? Kann ich noch in Nächstenliebe sein? Kann ich das eigentlich? Weil im Prinzip fordere ich es ja von der anderen Seite. Und ich kann es ja nicht von der anderen Seite fordern, wenn ich es selber nicht kann. Und das war für mich auch eine sehr große Herausforderung. Aber ich wollte einfach ich selber bleiben.

Thomas Mühlnickel: Und was passiert dann, wenn du mit diesen Leuten sprichst?

Mo Asumang: Ja, am Anfang nicht besonders viel. Ich habe da irgendwie versucht, Sätze rauszupressen und kamen auch irgendwelche Laute raus. Ja, vielfach haben die Leute sich einfach weggedreht. Also weggedreht, teilweise auch habe ich, ich habe mal ein Gespräch versucht anzufangen, da waren dann plötzlich fünf, sechs, sieben Typen im Sommer, die hatten keine T-Shirts oder waren sogar oben gar nicht bekleidet und schwitzten und sahen echt krass aus, drehten sich unisono um. Und dann habe ich nur diese Rücken gesehen. Und das ist natürlich, das tut natürlich echt weh, weil sie dir einfach zeigen, wir wollen dich nicht, du bist nicht gut genug und all das. Und das ist ja auch etwas, was vielleicht mit meiner Kindheit wieder zu tun hat. Du bist nicht gut genug und deshalb bist du vielleicht im Kinderheim gelandet. Also da ist so beides. Also einerseits will ich das mit den Nazis in den Griff kriegen, aber vielleicht auch das mit der Kindheit.

Thomas Mühlnickel: Sich die Ablehnung wieder aussetzen.

Mo Asumang: Ja, genau. Das ist so mein Thema.

Identitätsfindung in Roots Germania

Thomas Mühlnickel: Spannend. Du hast einen Dokumentarfilm gemacht, Roots Germania.

Mo Asumang: Ja.

Thomas Mühlnickel: Du hast dich da mit deiner eigenen Identität auseinandergesetzt. Wo komme ich her? Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie ist das hier in Deutschland? Du hast viel gesucht. Was hast du gefunden?

Mo Asumang: Ich habe gefunden, dass die Wurzeln, dass wir an den Wurzeln noch relativ gleich sind. Also ich war bei den externen Steinen zum Beispiel, da wird ja auch sehr viel so Urtümliches zelebriert und gefeiert mit Feuer, mit Tänzen und Gesängen und so. Und das habe ich natürlich in dieser Form, jetzt nicht in den Großstädten, aber da, wo ich eben in kleinen Städten unterwegs war, in Ghana auch gefunden. Und dann haben sie Heilige Haine in Ghana. Und das ist ja etwas, was ich eben aus Deutschland auch kannte. Heilige Haine. Und da gibt es eine Connection. Und immer wenn ich, sagen wir mal, ein Flugbuch oder irgendwas und dann muss ich anklicken, aus welchem Land ich komme, sehe ich immer Germany und Ghana direkt nebeneinander. Das erinnert mich dann immer daran. Und ich habe gefunden, vor allen Dingen aber auch das, was ich hier so in Deutschland, wenn ich durch die Straßen laufe, ich sehe nie meinen Namen. In Ghana habe ich dann plötzlich an der Häuserwand, da stand dann Asumang und ich so, da steht mein Name. Das war wirklich was ganz Besonderes für mich und ich habe den Leuten in die Augen gesehen und ich habe mich erkannt da drin, das war so schön, das hat mir so viel Kraft gegeben, ganz toll.

Thomas Mühlnickel: Das stelle ich mir zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturkreisen auch total schwierig vor, diese gemeinsame Wurzel zu finden, Deutschland, Ghana und wo ist das verbindende Element, weil auf den ersten Blick sieht man es ja eigentlich kaum. Klar, wir sind Menschen, wir atmen, wir essen und so weiter, aber diese Wurzeln zu finden, das finde ich einen spektakulär spannenden Ansatz, den man eigentlich für nahezu jedes Land mal miteinander durchspielen müsste.

Mo Asumang: Ich hätte ja Lust, mit Nazis mal nach Ghana zu reisen.

Thomas Mühlnickel: Was würden die da erleben?

Mo Asumang: Weiß nicht, es kommt drauf an, fahre ich jetzt mit einem oder fahre ich mit einer ganzen Gruppe. Ja, wir würden uns vielleicht in so einen kleinen Ort begeben, würden wahrscheinlich eine schöne Unterkunft bekommen, man würde sich um uns kümmern. Vielleicht gibt es ein paar Rituale vorher noch, Libation, so Schnaps auf den Boden gießen, Füße waschen und solche Sachen. Oder wir landen in einer großen Stadt und dann zeige ich ihnen irgendwelche Tech-Hubs. Das gibt es natürlich auch.

Thomas Mühlnickel: Es gibt immer den Satz, du musst mal in den Schuhen des Anderen gelaufen sein. Ich glaube Leute, die nationalistisch denken und rassistisch denken, denen würde das wirklich gut tun, mal zu sehen, wie leben andere eigentlich in Wahrheit und wie ist das bei denen. und die sind nicht alle dumm. Nicht materialistisch veranlagt, was auch immer, sondern Menschen lieben Menschen und das muss man auch einfach sehen.

Mo Asumang: Ja, das müsste man auch mit der sogenannten Welle machen. Die Rassisten sprechen ja immer von der Welle der Migranten, die hier rüber schwappt und wenn man sich aus dieser sogenannten Welle mal eine Person rauspickt und mit dieser Person mal zu Abend ist und diese Geschichte hört, die der Mensch zu erzählen hat, das würde wahrscheinlich schon einen großen Unterschied machen. Aber für viele eben auch nicht, weil viele wollen halt einfach nur ihren Vorteil sehen. Und das ist ihr Ziel. Das heißt also, liegt da drunter eigentlich wirklich Rassismus oder ist das einfach Egoismus? Und ich würde sagen, bei vielen ist es Egoismus und da kannst du dann auch nicht wirklich viel machen.

Thomas Mühlnickel: Ja, das ist ja auch dieses Ignorieren des Individuums. Du hast ja gerade beschrieben, du hast auf dem Alexanderplatz selber eher so eine Masse gesehen und dann drehen sich die Typen alle von dir weg. Genauso sehen die ja auch eine Welle, die sind auch nur eine Masse von Menschen und befassen sich ja 0,0 mit individuellen Schicksalen, die dahinter stecken. Ich glaube, das Individuum zu sehen und zu betrachten, das muss eigentlich Rassismus, Nationalismus verändern können.

Mo Asumang: Ja, es verändert alles, wenn du hinschaust. Und das war ja auch der nächste Schritt, nachdem ich als Dampfwalze auf die Leute zugegangen bin und dann eben die Dampfwalze geparkt habe und mir dann erlaubt habe hinzusehen. Was habe ich denn in dem Moment gesehen? Das war dann eben nicht mehr die Masse, sondern der Einzelne. Also weil das war ja auch wie eine Welle im Prinzip. Und dann sehe ich die einzelnen Menschen und dann habe ich schon auch gesehen, der hat Angst, der ist nicht in seiner Mitte, die ist total verpeilt oder der ist total verpeilt. Und plötzlich habe ich so einzelne Schicksale auch gesehen. Auch nicht nur wie sie da standen, sondern wie sie mich angeschaut haben, wie sie auch weggeschaut haben, was für Gesichtszüge sie drauf hatten und in dem Moment, als ich sie wirklich gesehen habe, hatte ich plötzlich Empathie. Das hatte ich vorher alles nicht. Vorher war es eher so, ich bin das Opfer, die sind gemein zu mir. Und dann hatte ich Empathie und aus der Empathie heraus, da kommen dann ganz automatisch die Fragen. Da brauchst du dich gar nicht anzustrengen. Da machst du das wirklich aus dem Bauch heraus, kommt es ganz, ganz natürlich. Das heißt also, im Prinzip müsste man erstmal seine innere Haltung verändern und dann kannst du wirklich mit jedem kommunizieren, es ist ganz egal.

Thomas Mühlnickel: Lass uns das mal praktisch kurz übersetzen in die aktuelle Zeit dieser krassen Zuspitzung und Polarisierung bei uns im Land, aber nahezu weltweit so. Alle hängen so ein bisschen auf den Bäumen. Über Social Media wird alles angezündelt und da wird auch noch mehr gebrüllt und jeder hat recht und man will das Argument des anderen auch gar nicht mehr hören. Und dann haben wir da mittendrin die AfD als sehr starken Zündler. Ich will jetzt nicht alle miteinander zusammenschmeißen. Ich will jetzt nicht irgendwie die AfD mit denen, die du getroffen hast, oder mit dem Ku-Klux-Klan zusammenschmeißen. Davon bin ich auch jetzt weit weg, sowas zu behaupten. Aber wie kriegen wir es hin, da in den Dialog, da in das Gespräch zu kommen, sich wieder zu sehen? Kann man da einen Transfer machen von dem, was du gesehen oder erlebt hast?

Mo Asumang: Ja, aber es ist halt Arbeit an einem selber. Also es müsste ein paar Menschen geben auf dieser Welt, also nicht ein paar, sondern sagen wir mal 10 Prozent. Oder vielleicht sind es auch nur 5 Prozent, die also wirklich auch diese Dialogtechniken, Dialogqualitäten drauf haben. Weil ich glaube nur, also ich denke, dass man nur über das Miteinander kommunizieren auch wirklich weiterkommt. Und dann ist es ja so, ist jetzt egal, ob das Thema Rassismus oder Israel-Palästina, es ist ja meistens so, einer hat eine Meinung und dann kommt der andere mit der Meinung. Und dann klatscht da eine Meinung auf die andere und danach geht man auseinander. Jeder hat eigentlich immer noch seine Meinung. Das heißt also, das funktioniert nicht. Und deshalb muss eine Seite irgendwie nachgeben. Und ich würde mal behaupten, dass das die Seite ist der Demokraten, die ja auch erkennen, dass die andere Seite irgendwie eine Schieflage hat. Und in dem Moment, wo du das erkennst, weißt du doch schon, dass du eigentlich stärker bist. Und dann nutzt diese Stärke. Das würde ich einfach mal jedem verordnen. Und es gibt ja, also ich denke mal vor allen Dingen viele, auch ältere Menschen, die einfach so viel Lebenserfahrung haben, die hätten bestimmt Bock, wenn die noch ein paar Tools hätten, das auch zu machen. Aber ich glaube eben, dass man tatsächlich das Gespräch suchen sollte. Man muss es vorleben. Sagen wir es mal so. Man muss das, was man sich wünscht, vorleben.

Thomas Mühlnickel: Ich kenne ja selber von mir auch die Reaktion, wenn ich auf dem Marktplatz einen AfD-Stand sehe und ich finde das erstmal total unangenehm. Und wenn die mit ihrem Flyer auf mich zukommen, sage ich, ich will mit euch nichts zu tun haben. Irgendwas in diese Richtung sage ich. Das ist aber genau diese Verweigerungshaltung, die du gerade besprichst, die die 5-10% vorangehenden klugen Demokraten eigentlich nicht machen sollten. Können wir das kurz praktisch durchspielen? Wie würde ich damit umgehen? Was ist ein kluger Weg da zu argumentieren, ohne selber am Ende AfDler zu werden?

Mo Asumang: Also ich würde ja erstmal sagen, melde dich an bei der Mo, beim MoLab-Verein, werde Dialogbotschafter. Okay, aber wenn du das jetzt nicht alles machen willst, ich würde dir auch raten, dich vorher damit auseinanderzusetzen. Also klar kann es sein, dass du einfach durch Zufall da landest. Aber wenn du weißt, also auf meinem Weg zum Büro ist dieser Stand, dass du dich vorher darauf vorbereitest, dass das eben kommen kann, dann ist es auch schon mal sehr viel einfacher. Und ja. Sich auch erlauben, auch Stopp zu sagen. Das ist auch wichtig. Frank, mein Kompagnon aus dem Verein, der hat immer dieses Beispiel von seiner Tochter, die sollte Fahrrad fahren lernen. Und dann hat die Tochter aber immer gesehen, wie der Bruder vom Fahrrad abgesprungen ist und beim sozusagen Bremsen alles blutig war. Und dann haben Frank und seine Frau der Tochter erst mal Bremsen beigebracht. Und erst als sie wusste, wie sie bremst, also die Büchse der Pandora wieder schließt, quasi übertragen auf unser Beispiel, erst dann war sie in der Lage auch zu gehen. Oder erst dann wärst du in der Lage auch viel leichter, in der Lage auch zu Fragen zu stellen. Wenn du weißt, aha, so oder so oder so kann ich das stoppen. Ja, Stoppübungen kannst du natürlich zu Hause machen. Aber Fragen stellen, den Moment des Getriggertwerdens. Manche würden sagen aushalten. Ich sage nicht aushalten, weil das entspricht dem eigentlich nicht. Aushalten ist der falsche Begriff, sondern tief durchatmen. Vielleicht zählst du hier unten bis 10 und kommst dann erst mal runter, weil dein Level ist ja hier oben nach dem, was du da hörst. Und da erst mal runterfahren und einfach gucken. Einfach sie reden lassen. Ja, und dann merkst du, dass du dann auch in der Lage bist, Fragen zu stellen. Also viele, viele Pausen zu machen.

Dialoge und gesellschaftlicher Wandel

Thomas Mühlnickel: Pausen machen, gucken. Das hilft. Und nicht missionarisch zu denken, ich muss diese Argumentation auf jeden Fall gewinnen.

Mo Asumang: Nee.

Thomas Mühlnickel: Und im Idealfall wählt der nächste Mal jetzt meine SPD.

Mo Asumang: Also überhaupt nicht. Es ist kein Battle. Nee, nee. Es geht eben nicht um Meinung gegen Meinung. Das funktioniert nicht. Aber du musst natürlich auch davon ausgehen, so ein bisschen Menschenliebe musst du schon auch mitbringen. Also auch wenn das jetzt jemand ist, der nicht so besonders freundlich ist oder vielleicht auch nicht intelligent, wer weiß, sollte zumindest diese Menschenliebe bei dir bleiben, auch wenn der doof ist.

Thomas Mühlnickel: Das kann ich. Das kann ich.

Mo Asumang: Ich glaube auch.

Thomas Mühlnickel: Das glaube ich auch, dass ich das kann. Also Menschenliebe habe ich, das bringe ich mit. und an dem Impuls arbeite ich. Bevor wir über deinen Verein sprechen, möchte ich einmal kurz bitten, mir fünf Sätze zu vervollständigen. In der Öffentlichkeit beeindruckt mich der Zeit.

Mo Asumang: Ach, du grüne Neune, was beeindruckt mich da? Gar nichts. Muss ich da schnell drauf antworten?

Thomas Mühlnickel: Nein, wir haben Zeit.

Mo Asumang: Wir haben Zeit. Und ja, junge Menschen, die zeigen, dass sie wirklich in Harmonie leben wollen, es aber auch nicht gebacken kriegen, aber zumindest es zeigen, dass sie es wollen. Es gibt noch welche davon.

Thomas Mühlnickel: Über Deutschland denke ich.

Mo Asumang: Über Deutschland, denke ich, ist es ein ganz fantastisches Land. Eigentlich ist es ein Vorreiterland nach dem, was hier alles passiert ist. Denke ich, dass viele, viele Menschen daraus gelernt haben aus der Vergangenheit. Und es ist ein starkes Land, ein demokratisches Land und echt wirklich, glaube ich, Vorbild für viele, viele andere Länder.

Thomas Mühlnickel: Wir sollten mehr Wert legen auf?

Mo Asumang: Wir sollten mehr Wert legen auf Menschlichkeit, auf Versöhnlichkeit. Das ist mein absolutes Lieblingswort. Versöhnlichkeit, den Menschen auch mal eine zweite Chance zu geben.

Thomas Mühlnickel: Der nachfolgenden Generation rate ich.

Mo Asumang: Und nach dem Bauch auch zu gehen, nach dem Bauchgefühl zu gehen, was wünscht man sich wirklich für sich und nicht so sehr nach den Zwängen zu gehen, die von außen auf einen hereinprasseln.

Thomas Mühlnickel: Morgen wird besser als heute, weil?

Mo Asumang: Mein Morgen wird besser, weil ich vielleicht ein bisschen länger geschlafen habe. Und ja, weil ich gerade an vielen tollen Projekten arbeite und mir das Spaß macht und einfach es ein Naturgesetz ist, wenn man Energie wo reinpackt, dann wird das irgendwann.

MoLab und die Dialogbotschafter

Thomas Mühlnickel: So, jetzt müssen wir über ein Projekt reden, in das du viel Energie packst. MoLab. Du hast da diesen Button auch gerade mitgebracht.

Mo Asumang: Ja, genau. Hast du das erkennen?

Thomas Mühlnickel: Herzen. Da ist ein Herz. Ein Herz statt Hirn ist da drin in der Person.

Mo Asumang: Ja, genau. Das Herz ist quasi hier oben im Kopf, aber das eine ist ja ein intaktes und das andere ist ein gebrochenes Herz. Aber die beiden sind einander zugewandt auf Augenhöhe. Der mit dem gebrochenen Herz kann ja auch ein Rassist sein, Aber auf Augenhöhe. That's the thing.

Thomas Mühlnickel: Was ist der Auftrag des Vereins?

Mo Asumang: Der Auftrag des Vereins ist, Menschen zu stärken, in den Dialog zu gehen, sie resilienter zu machen und dadurch eben wirklich die Gesellschaft um sie herum in ihren Communities, wo sie auch immer wirken. In Schulen, in Vereinen, in Kommunen, in der Politik. Also dass sie dort eben als DialogbotschafterInnen wirken. Wir machen eben diesen Dialogbotschafter in den Workshop, der geht halt den ganzen Tag. Das ist nicht gerade wenig, wird man auch richtig rangenommen. Man springt durch den Raum und macht Übungen, inneres Tai Chi und der Tanz mit dem Aggressor und lauter solche Sachen und lernt aber auch, den anderen zu sehen. Dieses, wovon ich sage, das ist nicht aushalten, sondern pausieren, das lernt man und man lernt eben aus dem, was dir dein Gegenüber sagt, eine richtige Frage zu formulieren.

Thomas Mühlnickel: Ist das entstanden aus deinen verschiedenen Filmprojekten, wo du immer wieder den Dialog gewagt hast und daraus immer die Idee entstanden, wir müssen das in die Breite bringen, wir müssen Leute empowern, das zu können?

Mo Asumang: Ja, in Hongkong war ich an einer jüdischen Schule und die Direktorin, die hat das quasi sozusagen zu verantworten, dass ich mich dann auf den Weg gemacht habe, einen Verein zu gründen, weil sie sagte, Mensch, toll, was du machst, aber wie machst du das eigentlich? Und da habe ich gesagt, ja, wenn ich eine Einladung bekomme, gucke ich mal, dass ich da hinkomme, dass ich das schaffe. Sagt sie, nein, auf größere Füße stellen. Und da fing das an. Dann habe ich den Frank getroffen, Frank Labitzke. Und dann haben wir einfach losgelegt, den Verein gegründet. Da hatten wir ganz viele tolle Förderer auch. startsocial hat uns erstmal geholfen, den Verein zu gründen in der Struktur und alles. Deutsche Stiftung für Ehrenamt und Engagement von der Bundesregierung hat uns dann weitergeholfen. Und dann haben wir die Workshops entwickelt. Dann haben wir zum Beispiel von der Universität Bielefeld Professor Zick mit der neu gebildeten Konfliktakademie haben wir auch Geld bekommen, um quasi verschiedene Gruppierungen aufzusuchen, mit ihnen den Workshop zu machen. Gruppen nur mit Schülerinnen und Schülern, Gruppen nur mit Lehrerkollegium oder Leuten aus Vereinen, die nicht mehr wissen. Wo sie eigentlich, wie sie jetzt mit diesem Thema umgehen, weil alle denken, wir haben doch alles getan, wie geht es jetzt weiter und die dann einfach wieder positiv zu stimmen, also das ganz, ganz fantastisch. Also da habe ich schon die ersten Sachen erlebt, dass die Leute reinkamen und dann gesagt, ach, das bringt doch alles nichts und so. Und am Ende guckt er mich an, ganz lange, lächelt und sagt, ja, jetzt habe ich wieder Mut.

Thomas Mühlnickel: Hört ihr auch später Erfahrungsberichte von denen, wie es dann in der Praxis gelaufen ist?

Mo Asumang: Ja, die Praxis, da sprichst du was ganz Wichtiges an, weil die meisten Leute ja doch auch in ihrer Demokratie-Bubble sind und dann haben wir gedacht, okay, die müssen danach eigentlich noch üben. Und da haben wir die Motzbude erfunden oder er gesagt, ich habe sie erfunden.

Thomas Mühlnickel: Die Motzbude.

Mo Asumang: Ja, ich bin ja auch in der Motzstraße groß geworden.

Thomas Mühlnickel: In Kassel.

Mo Asumang: Die Motzbude, also ein großes Zelt und da habe ich eigentlich diese Karten dabei. Braucht ihr die, die Karten? Nee. Die können wir nachher noch filmen.

Thomas Mühlnickel: Ja, super. Gute Idee. Nehmen wir.

Mo Asumang: Genau. Also da haben wir ein Zelt, da steht Motzbude irgendwo in der Innenstadt. Das ist schon mal sehr, sehr eigenartig für Menschen, die da gerade einkaufen gehen. Und da drunter steht Check-in und dann kommen sie und gucken, was ist denn da? Und dann sehen sie so Karten. Und dann sind da Karten, da steht Motzen und Meckern, Maximal-Motz, Mini-Motz, ich brauche mal nur ein Ohr, Und das dürfen sie sich dann nehmen. Und drinnen sitzen die DialogbotschafterInnen. Die sitzen alleine auf ihrem Stuhl und der Stuhl vor ihnen ist leer. So ein bisschen wie bei Abramović, die die Menschen angesehen hat, bis sie geweint haben. Ganz fantastisches Projekt. Und bei uns ist es eben so, da setzen die sich hin mit ihrer Karte. Dann haben sie einen Motz-Slot, den können sie sich selbst aussuchen. Und dann müssen sie motzen. Wer nicht motzt, fliegt raus. Ja, so ist das.

Thomas Mühlnickel: Und da werden quasi Leute, die bei euch gelernt haben, auch nochmal geschult, wie sie damit umgehen mit den Situationen.

Mo Asumang: Genau, die werden also quasi vorbereitet für ihre Community, aber auch, und das im Idealfall machen wir tatsächlich zwei Tage, einen Tag Workshop, den nächsten Tag Krass-Motz-Bude. Und jetzt waren wir in Jena und da war eine, die hat auch den Workshop mitgemacht und hat aber auch eigentlich eher ein bisschen gezweifelt. Sie wusste nicht, ob das jetzt wirklich klappt. Und dann kam sie auf mich zugerannt und sagte, Mo, das funktioniert. Das funktioniert, das funktioniert. Der entscheidende Satz war, sie hat gesagt, sie wünscht sich jetzt eigentlich noch krassere Motzer. Leute, die noch heftigere Sachen sagen, weil sie hat gemerkt, das funktioniert. Jetzt wollte sie testen, dass das eben noch weitergeht und im Prinzip ging es mir ja auch so. Weil ich habe auch irgendwann gemerkt, das funktioniert. Ich hatte dann schon mit dem Hardcore-Neonazi-Oberchef aus Amerika gesprochen, der weltweit berühmt ist für all das, was er macht. Auch schon Grand Wizard war beim Ku-Klux-Klan und so weiter und so fort. Und dann musste ich natürlich noch zum Ku-Klux-Klan direkt und dann auch noch mitten in der Nacht. Und die hatten auch noch Waffen. Also ich habe es mir echt gegeben, aber ich habe da so dran geglaubt und es hat auch immer so funktioniert. Ja, und das verselbstständigt sich dann. Und man trainiert quasi anstatt den Wutmuskel, den man sonst öfters vielleicht auch mal trainiert hat, oder den Fluchtmuskel. Trainiert man den Dialogmuskel.

Thomas Mühlnickel: Aber ein bisschen verrückt ist das schon. Ja, so wie ich das mache. Also ich würde mich nicht trauen, zum Ku-Klux-Klan zu gehen.

Mo Asumang: So wie ich das mache, ist es verrückt. Das stimmt, das würde ich auch niemandem raten. Aber alle anderen Leute machen das ja quasi eher in der Mitte der Gesellschaft, in ihrem Umfeld. Jetzt zu Weihnachten zum Beispiel kommt vielleicht irgendeine Tante oder ein Onkel zu Besuch. Da kannst du das üben. Ja.

Thomas Mühlnickel: Wenn ich das jetzt hier höre im Podcast, ich höre es am Ohr, ich gucke es auf YouTube, was auch immer und denke, okay, das ist spannend für mich. Wie kann ich bei euch teilnehmen?

Mo Asumang: Ja, das ist ganz einfach. Du schreibst uns einfach eine E-Mail, info at und dann mo-lab.org und dann schreibst du, hey, ich bin so und so, ich könnte an einem Dialogbotschafter in einem Workshop teilnehmen, bin in der Region so und so oder in der Stadt xy.

Thomas Mühlnickel: Und wie kann man euch unterstützen, wenn man eure Arbeit super findet?

Mo Asumang: Oh bitte, da sagst du was ganz Wichtiges, Förderung. Also auf der Website gibt es auch einen Spenden-Button, da kann man draufklicken. Wenn man sagt, mein Leben lang habe ich darauf gewartet, auf diese Situation, wo ich endlich mal ein geiles Projekt unterstützen will, dann kann man das da gerne machen. Zumal das ja auch gar nicht mal so dumm ist, denn ich glaube, es ist ehrlich gesagt kurz vor knapp, was wir jetzt gerade erleben mit der Demokratie, es ist gerade saugefährlich. Ich glaube, alle Projekte, also wir sind eins von wahrscheinlich vielen Dialogprojekten. Ich glaube, alle, die irgendwie auf Dialog setzen, sollten jetzt gefördert werden. Das Versöhnliche, die zweite Chance geben, das brauchen wir jetzt, das nimmt auch einfach die Luft, den Wind aus den Segeln bei den anderen. Ähnlich wie, da ist eine Schwarze, aber auch Mist, die lächelt mich an.

Thomas Mühlnickel: Blöde Kuh.

Mo Asumang: Ja, so Mist, dann klappt das halt nicht. Genau. Und mit dem Versöhnlichen klappt das eben auch nicht, die Wut, die die haben. Und ja, ich glaube, dass wir das so noch auf die Reihe kriegen können.

Social Media und der digitale Dialog

Thomas Mühlnickel: Ähm. Ich finde zum Dialog gehört ja auch Social Media. Das hat ja in den letzten 20 Jahren die Art der Kommunikation komplett umgewälzt. Jetzt hat Australien ja gerade begonnen für unter 16-Jährige Social Media zu verbieten unter der Androhung von hoher Strafen für die Anbieter, nicht für die Schüler, sondern für die Anbieter der Plattform. Es gibt immer mehr Studienlage, die sagt, Leute werden kirre gemacht durch Social Media, die Art der Kommunikation wird immer mehr viel geleitet und es wird natürlich auch hart missbraucht, wenn man nach Russland schaut, auf die Nazis schaut und so weiter, auf die Rechtsextremen, die wirklich Social Media Kanäle für sich missbrauchen. Die Algorithmen unterstützen das, weil die Algorithmen sollen erstmal Geld verdienen. Wie müssen wir denn mit Social Media umgehen, weil das was ihr macht ist ja der persönliche Dialog und gleichzeitig müssen wir den digitalen Dialog ja eigentlich auch mitdenken.

Mo Asumang: Das wollen wir auch noch übertragen auf die digitale Form. Das ist aber in Arbeit und noch nicht fertig. Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass wir, wenn wir da kommunizieren, eben auch in diese versöhnliche Art und Weise hineingehen. Das kann jeder auch für sich selber ausprobieren. Man ist ja da mehr oder weniger auch im geschützten Raum. Und einfach mal versuchen, wenn man den anderen nicht angreift, was dann passiert. Also ich habe da die ersten Sachen erlebt. Also auch einer, der wäre beinahe bei mir eingezogen. Ja, also das kann man auf jeden Fall schaffen. Ich glaube wirklich, dass das nicht gesund ist für die jungen Leute. Und ich gehe viel in Schulen und ich weiß nicht, wir verschlafen, dass gerade derart, was diese Social Media, insbesondere TikTok, eine Kraft hat, eine Kraft entfaltet und Menschen sowas von manipuliert und okay, wir kennen alle diese Beispiele von der Kanzler zeigt seine Ledertasche und so oder Herr Söder hat irgendwas mit Essen oder so, genau, das ist ja ganz schön, aber das funktioniert nicht, aber was haben wir denn sonst, wir haben ja nichts.

In der Nazi-Zeit war es der Weltempfänger. Da haben sich die schlauen Leute, da gibt es nämlich auch schlaue Leute, gleich drauf gestürzt, das okkupiert und waren die ersten, die da eben mitgearbeitet haben. Und genauso hat es eben jetzt die AfD gemacht. Und ich weiß nicht, aber über 50, ich habe mal gehört, 80 Prozent von dem Geld geht eben in sowas, in Social Media und in Propaganda. Und wir verschlafen das. Und ja, die Frage ist jetzt, was kannst du eigentlich machen? Weil das Stärkste ist natürlich, Autounfall, ups, alle gucken hin. Das erzeugen die. Und wenn wir jetzt mit unserem Gutmenschen-Ding daherkommen, da guckt ja keiner hin. Deshalb, also, wenn ich Ausschnitte aus meinen Filmen zeige, da habe ich beides. Da habe ich den bösen Nazi, der mir gemeine Sachen sagt und daneben steht aber die Mo, die ganz ruhig ist und zuhört und Fragen stellt. Die Mo ist auch manchmal böse, die ist auch manchmal doof. Aber in dem Fall sieht es eben schon mal ganz gut aus und ist es auch. Und das erzeugt, Richtig geilen Traffic. So was bräuchte man, aber sicherlich auch in irgendeiner anderen Form noch. Also ich weiß, dass das funktioniert und das würde ich auch ganz gerne noch weiter reproduzieren.

Thomas Mühlnickel: Du hattest mir gerade im Vorgespräch gesagt, du hast eine Nachricht von einem Nazi bekommen.

Mo Asumang: Aus meinem Film Die Arier, dass der junge Mann am Ende des Films, also vielleicht kann sich jemand daran erinnern, der den Film gesehen hat, der ist mit neun Jahren in die Nazi-Szene reingekommen und war Nazi und wir hatten eben uns öfters getroffen und der hatte eine Rechtschreibschwäche. Und ja, es gab dann so einen Nachbarn, der meinte, hey, ich kann dir helfen. Und da hat er ihm Lesen und Schreiben beigebracht und Step by Step kam eben raus, dass das ein Altnazi war. Und das ist natürlich sehr gefährlich und dann hat er immer andere Nazis dazu geholt und hat dann an Schulen rekrutiert. Also der war da volle Kanne drin, aber das war über die Nachhilfe und so. Und dann habe ich ihm geschrieben, also wir schreiben uns andauernd, ich könnte die dir auch tolle Fotos zeigen, aber darf ich jetzt natürlich nicht, mache ich auch nicht. Ich schreibe ihm, wie geht es dir? Ich denke viel über unser letztes Gespräch. Dann schreibt er zurück, meinst du wegen meiner Depression, zurzeit geht es mir gut? Ich betreue acht Kinder, Jugendliche aus Afghanistan, Syrien und Irak in der Nachhilfe.

Thomas Mühlnickel: Nein.

Mo Asumang: Schön, oder?

Thomas Mühlnickel: Ja. Wow. Da schließt sich eine Frage an, die immer relativ spät kommt in diesem Podcast. Was macht dir Mut? So eine Nachricht?

Mo Asumang: Ja, also Chris macht mir wirklich Mut. Also, das ist, ja, also ich finde, dass er also einen riesen, riesen Sprung gemacht hat. Ich habe bestimmt auch einen großen Sprung gemacht, Aber mit neun Jahren in die Nazi-Szene reinzukommen, da komplett manipuliert zu werden, gar nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist. Und er hat gesagt, dass er Depressionen hatte, Essstörungen und lauter solche Sachen. Ohne es dann wirklich zu schaffen, da rauszukommen, das ist toll, aber dafür brauchst du einen Menschen. Und dieser Mensch war ich unter anderem, es gab noch eine andere, ein junges Mädchen, die hat ihm auch dabei geholfen, aber er sagt, also ohne mich hätte er es nicht geschafft. Und das finde ich einfach total schön. Und dann gibt es natürlich noch das Bild meiner Großmutter.

Die war bei der Waffen-SS, alleinerziehende Mutter. Die hatte einen Freund, der war beim Militär, kam aber nicht wieder. Das Baby war aber unterwegs, also meine Mutter. Jetzt stand sie da alleine mit dem Baby. Und dann haben die Nazis gesagt, 41, bring mal das Baby irgendwie weg. Du kommst jetzt zu uns und bist 1A-Schreiberin. Bei der Waffen-SS. Das hat sie dann jahrelang gemacht. Meine Mutter war dann in verschiedenen Kinderheimen und deshalb wurde ich wahrscheinlich auch ins Kinderheim gegeben, ich weiß es nicht. Aber meine Großmutter hat gesagt, sie bringt sich um, wenn sie sieht, dass ein schwarzes Kind auf die Welt kommt. Das hat sie zu meiner Mutter gesagt und das ist natürlich echt krass, aber dann hat sie das nicht gemacht. Und meine Mutter hat mal gesagt, in dem Moment, wo du auf die Welt kamst und sie dich da gesehen hat, in der Wiege, da hat sie gesagt, so, meins. Und sie sagte, da war meine Mutter Nummer zwei und ich war Nummer eins. Genau, das hat meiner Mutter gar nicht gefallen. Aber man sieht eben, ja, das Zwischenmenschliche, das ist doch eigentlich das Allerstärkste.

Zwei Menschen, die sich irgendwo auf dieser Welt anschauen, egal welche Hautfarbe, egal welche Sprache sie sprechen oder sprechen auch nicht, egal welche Augenfarbe, groß, klein, dick, dünn, welche Religion auch immer oder Hautfarbe, naja, man schaut sich einfach an, mag sich oder mag sich nicht und das ist einfach dieses Menschliche. Und das, glaube ich, ist viel stärker als Ideologie. Das wissen die auch. Und deshalb müssen die da auch so powern mit Social Media und mit diesen ganzen Tricks. Weil dieses Menschliche ist eigentlich stärker und darauf sollten wir uns verlassen.

Auszeichnung und persönliche Reflexion

Thomas Mühlnickel: Ja, das würde ich mir wünschen. Das macht mir Mut. Das ist ein spannender Impuls. Mo, mit dieser Geschichte, wie du auf die Welt gekommen bist, wie kompliziert das für dich war, dieses, wo sind meine Wurzeln, die Suche danach, wie war der Moment, wie hast du dich gefühlt, als dir gesagt wurde, du bekommst das Bundesverdienstkreuz von diesem Land?

Mo Asumang: Wann war das eigentlich? 2019, was habe ich da eigentlich gedacht? Ich habe mich gefreut, aber irgendwie dachte ich, das hätte ich ja schon längst kriegen müssen.

Thomas Mühlnickel: Das ist auch ein guter Gedanke.

Mo Asumang: Ehrlich gesagt, wenn ich ehrlich bin, ich darf jetzt hier mal ehrlich sein. Habe ich mich ein kleines bisschen geärgert, dass ich es nicht von Steinmeier angehängt bekommen habe.

Thomas Mühlnickel: Wer hat sie angehängt?

Mo Asumang: Das war der Müller, der Bürgermeister.

Thomas Mühlnickel: Der Regierende Bürgermeister von Berlin damals.

Mo Asumang: Ja, genau. Also das ist jetzt ganz ehrlich gesagt und wenn er das hört oder es sagt ihm jemand, dann kriege ich eins auf die Nuss, aber egal.

Thomas Mühlnickel: Aber das ist doch schon eine besondere Würdigung und Auszeichnung, wenn das Land sagt, du bist preiswürdig und wir wollen dich auszeichnen.

Mo Asumang: Das ist toll, ja. Ich weiß noch, Nowitzki war an dem Tag die prominente Person bei der Verleihung und dann hat er aber keine Rede gehalten und meine Rede wäre so super gewesen. Haben sie was verpasst? Nee, das ist schon eine totale Ehre und es ist auch wichtig. Also es gab Zeiten, also ich habe mal meinen allerersten Preis bekommen für mein Engagement. Wie hießen das? Weiß ich jetzt gar nicht mehr. Auf jeden Fall habe ich gedacht, ach, so ein Preis ist ja ganz schön. Ich gehe auf die Bühne und sage ein paar Worte und habe angefangen zu weinen. Also jetzt hatte ich natürlich schon so ein paar Grimme-Preis-Nominierungen und hatte so ein paar Ehrungen, deshalb habe ich da jetzt nicht geweint. Aber ich weiß, das sollte man nicht so einfach so auf die Seite packen, ach so ein blöder Preis, wozu braucht man Preise? Man braucht es, um sich weiter zu motivieren und dafür sind die Dinge da, dass die Leute, die jetzt im Ehrenamt tagtäglich etwas für die Gesellschaft tun, Ob das jetzt mit Obdachlosen ist oder mit Leuten im Hospiz oder mit Kindern. Es gibt so wahnsinnig tolle Leute im Ehrenamt, auch mit Geflüchteten und zu allen Themen eigentlich. Und die Leute, die müssen ausgezeichnet werden. Die müssen ab und zu mal so eine kleine Streicheleinheit bekommen, um einfach weiterzumachen. Und dann rocken sie auch weiter, auch wenn sie sich sonst noch so innerlich eigentlich schon ausbeuten. Also ohne das Ehrenamt könnten wir wirklich einpacken. Und am 23. Mai ist der Ehrentag. Das wurde erfunden von Herrn Steinmeier und seinem Team. Und da wird es eben in ganz Deutschland diesen Ehrentag geben. Und es wird überall ganz verschiedene Aktionen geben. Und ich finde es auch toll, dass der Name Ehrentag heißt, weil das nimmt den Nazis ja auch nochmal was weg. Ehre das so. Und das ist jetzt auf unserer Seite. Ätsch, ätsch.

Thomas Mühlnickel: Was ich dir vorher nicht sagte, dieses Studio ist in Wahrheit eine Zeitmaschine.

Mo Asumang: Aha.

Thomas Mühlnickel: Ja, wir fliegen jetzt ins Jahr 2050.

Mo Asumang: Okay, wie viel Uhr haben wir?

Thomas Mühlnickel: Landen am Brandenburger Tor und steigen wieder aus.

Mo Asumang: 6.03. 16.03.

Thomas Mühlnickel: Okay, du hast ja drei Minuten einen Termin.

Mo Asumang: Ja, genau.

Thomas Mühlnickel: Wir sind in zwei Minuten raus.

Mo Asumang: Okay, gut.

Thomas Mühlnickel: Wir steigen im Jahr 2050 wieder aus am Brandenburger Tor aus dieser Zeitmaschine. Was für ein Land sehen wir?

Mo Asumang: 2050?

Thomas Mühlnickel: Mhm.

Mo Asumang: Hm, ich hatte jetzt gerade kein gutes Bild. Das Wunschbild ist aber ein anderes.

Visionen für die Zukunft

Thomas Mühlnickel: Nehmen wir das.

Mo Asumang: Das Wunschbild ist, dass es eine andere Form von Schulbildung gibt, dass man in der Schulbildung zwar schon auf Zahlen, Daten, Fakten und so auch Wert legt, aber dass man auch Wert drauf legt, Empathie zu fördern, Dialogfähigkeit zu fördern, weil ich glaube, damit steht und fällt alles. Weil wenn du das drauf hast, dann ist es einfach eine ganz andere Welt. Frauen haben auf jeden Fall 50 Prozent aller Posten, sowohl in den höheren Etagen als auch sonst. Menschen mit Migrationsgeschichte, überhaupt marginalisierte Gruppen, Menschen mit Behinderung, queere Menschen sind sehr, sehr angesehen, weil sie mit ihren Geschichten wahnsinnig spannend, spannende Sachen zu erzählen haben. Wir sind alle sehr versöhnlich unterwegs, haben Spaß und die KI ist mittlerweile so automatisiert, dass wir nicht mehr so viel arbeiten müssen.

Thomas Mühlnickel: Das war ein richtig spannendes, mutmachendes Gespräch, das ich noch Stunden hätte fortführen können. Ich danke dir vielmals für deinen Besuch, Mo Asumang.

Mo Asumang: Ich danke dir auch. Ganz schön war das.

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