Was kann ein Fußballverein für den Zusammenhalt einer Stadt leisten? Thomas Mühlnickel spricht mit Christian Arbeit, Geschäftsführer Kommunikation und Stadionsprecher des 1. FC Union Berlin, über Gemeinschaft, Haltung, Frauenfußball und Solidarität. Eine Folge über einen Verein, der seinen Charakter bewahrt und Menschen zusammenbringt – im Stadion und darüber hinaus.
Begrüßung
Thomas Mühlnickel: Christian Arbeit, herzlich willkommen. Schön, dass du da bist.
Christian Arbeit: Hallo, freu mich. Danke für die Einladung.
Thomas Mühlnickel: Christian, damit die Guten gewinnen, heißt das Ganze hier ja. Wer sind denn für dich die Guten?
Christian Arbeit: Wer sind die Guten? Das ist ja immer so ein... Ich versuche es mal allgemein und sage, die Guten sind Leute, die versuchen, Menschen zusammenzubringen auf eine fröhliche, freundliche, gerne auch solidarische Art und Weise. Und das kann man durchdeklinieren in ganz viele Bereiche des Lebens. Freundlichkeit ist, glaube ich, ein Schlüssel dazu, gut zu sein. Denn wer freundlich ist, hat meist auch Gutes im Sinn.
Thomas Mühlnickel: Damit gehört Eisern Union auch zu den Guten?
Christian Arbeit: Ganz sicher. Ich habe mich nicht getraut zu sagen, die, die immer gewinnen sollen, sind natürlich Union. Das ist ja logisch. Das wäre mir jetzt zu profan fußballerisch gewesen. Aber ja, genau das ist auch einer unserer Ansätze. Menschen frei zusammenkommen zu lassen, möglichst unter Verzicht auf all das, was uns trennt. Sie zusammenzubringen in einem sozialen Raum, so ein Fußballstadion ist das, den wir erstmal nicht sehr reglementieren, ein bisschen natürlich schon. Es gibt natürlich eine Stadionordnung, die Zusammensein auch regelt. Aber erstmal kann jeder kommen, jeder ist eingeladen, muss natürlich wissen, dass er da nicht alleine steht und dass er da nicht in einer streng persönlich nach Vorlieben sortierten Bubble steht, sondern mit ganz vielen verschiedenen anderen zusammen und sich da gemeinsam auszuhalten und vielleicht auch hinter einem gemeinsamen anderen Ziel, zu vereinen, das ist dann die Aufgabe für jeden.
Thomas Mühlnickel: Aber das ist eigentlich eine ganz schöne Sache, dass man im Fanblock eine eigene Klammer hat.
Christian Arbeit: Das ist glaube ich auch ganz wichtig, anders funktioniert sowas vielleicht auch nicht mehr. In einer Welt, in der wir im Grunde ja alles so auseinander sortieren können, dass wir nur noch die grünen Gummibärchen oder die weißen oder die gelben haben, weil die anderen schmecken uns jetzt nicht so. Brauchst eine andere Klammer, um Leute zusammenkommen zu lassen. Ein paar andere Bereiche können das auch, also Musik beispielsweise. Auch da geht man relativ frei hin und das Einzige, was man über alle anderen, die dort sind, weiß, ist, dass sie wahrscheinlich die Musik auch irgendwie mögen oder jemanden, der sie mitgenommen hat. Und es ist gut, dass es ein paar so eine Klammern noch gibt. Dinge, die uns trennen, fallen uns von morgens bis abends ja ganz viele ein. Was wir essen, wie wir reden, wie wir sprechen, wie wir uns bewegen und so weiter. Und dann kann man sein Leben so organisieren, dass einem möglichst wenig Störendes begegnet. Aber wenn es so eine andere Klammer noch gibt, die uns dazu bringt, uns auf andere Menschen einzulassen, ich finde das sehr schön.
Thomas Mühlnickel: Es gibt hier, heute ist die 38. Folge von Damit die Guten gewinnen und es gibt, so eine Geschichte, die zieht sich hier so langsam rein. Wir sprechen natürlich viel über politische Themen, wir sprechen über Stiftungen, wer bildet eigentlich diese Klammer und hier sitzen alle zwei Wochen Leute, die irgendwas zu dieser Klammer beitragen und es kommt nicht ständig vor, aber in der ersten Folge sprach ich mit Martin Schulz über den 1. FC Köln und die Wirkung, die er auch auf ihn hatte und was er da auch für ein Gemeinschaftsgefühl war, bei so einem großen Profiverein, wo 55.000 Leute ins Stadion gehen. Oke Göttlich war vor einem Jahr hier, Präsident vom FC St. Pauli, da haben wir genau dieses Thema eben auch schon gehabt und wir sehen immer wieder, Fußball kann etwas, was viele andere nicht mehr können. Du bist ja auch Fan seit Ewigkeiten, du bist ja nicht irgendwie aus einem Management-Laufbahn zur Union gekommen, sondern aus dem Fantum, da müssen wir gleich mal drüber reden. Hat dich diese Klammer, die der Verein bringt, dich auch überhaupt in diese Laufbahn vom Verein gebracht?
Fanwerdung in der Försterei: Warum Fußball für Christian nie Sport war, sondern Freiheit
Christian Arbeit: Ja, ich steige mal ein bisschen früher ein und sage, boah, mein Einstieg mit zwölf Jahren bei Union war jetzt auch, und das geht glaube ich vielen so, gar nicht mal so zwingend rein sportfachlich geprägt. Ich bin da sicherlich nicht nach meinem ersten Spiel weggegangen und habe gedacht, so einen tollen Pass möchte ich unbedingt nochmal sehen, sondern ich habe eigentlich gedacht, dieses Gefühl möchte ich gerne wieder erleben. Und da spielte dieses, wenn auch unter vollkommen anderen Umständen, unter anderen gesellschaftlichen, auch unter technologischen Umständen, aber da spielte genau das, nämlich zusammenzukommen und eine bestimmte Form von Freiheit, auch eine Freiheit von Konventionen, von Zwängen, von Verhaltensnormen, spielte schon eine große Rolle. Und ja, Fußball wird ja, wird oft auch ein bisschen aufgeladen mit Themen und ich verstehe, dass zum Beispiel doch relativ viele Fußballfans ein bisschen inzwischen allergisch darauf reagieren, wenn es so einen pädagogischen Ansatz hat, den meine ich auch explizit nicht, wenn ich darüber rede, was für mich diese Klammer bedeutet. Denn es geht eben genau darum, nicht irgendwo hinzukommen, um wieder belehrt zu werden oder aufgefordert zu werden, sondern vielleicht einfach nur zu erleben und zu fühlen und zu sehen, hey, ich kann übrigens tatsächlich auch mit vielen anderen Menschen, mindestens mal eine gewisse Zeit lang gut auskommen, ohne mich jetzt dafür zu interessieren, ob sie Fleisch essen oder nicht, Autofahren oder nicht, schon mal eine Kreuzfahrt gemacht haben oder nicht und so weiter.
Thomas Mühlnickel: Man kann einfach Mensch sein, mal zwischendurch.
Christian Arbeit: Ganz genau. Und ich glaube, das ist ganz wichtig. Auch mal ein bisschen loslassen.
Thomas Mühlnickel: Was man beim Fußball ja besonders gut kann, weil wenn das Spiel aufregend ist, hat man 90 Minuten plus X keine Zeit, über irgendwas anderes nachzudenken, als dem, was daran passiert zuvor.
Christian Arbeit: So ist das nämlich im Idealfall.
Thomas Mühlnickel: Hat auch was für Meditation in Wahrheit kommen.
Christian Arbeit: Ja, nein, das ist schon, ja, ich glaube, das gehört dazu, sich dann einfach auf etwas anderes einzulassen, dem schon aber auch eine Richtung zu geben. Ich gehe nicht einfach nur irgendwo hin mit irgendwelchen Menschen, um irgendwas zu tun, sondern ich gehe schon gezielt hin und die Menschen bleiben irgendwelche. Ein paar kenne ich meist auch, weil die wenigsten gehen ja ganz alleine. Aber das Ganze hat auch eine Richtung und sich da auch miteinander einzulassen und dann das gleiche Lied zu singen oder den gleichen Schlachtruf zu rufen, das erzeugt glaube ich was, bringt was zum Schwingen in Menschen.
Thomas Mühlnickel: Du hast jetzt ja diesen langen Weg bei Union schon gemacht, vom Fan an der Mittellinie, den 80ern, über Stadionsprecher, Pressesprecher, Geschäftsführer, Kommunikation, jetzt die Stiftung noch dazu, über die wir vielleicht dringend noch mal reden müssen. Was hat das erste Spiel, das du an der Alten Försterei gesehen hast, mit dir gemacht?
Christian Arbeit: Es war im Herbst 1986, die 1. FC Union Berlin hat in der DDR-Oberliga gegen den FC Vorwärts Frankfurt gespielt. Das Spiel ist 1 zu 1 ausgegangen. Und das war so ein, ich hatte so etwas vorher noch nicht erlebt. Ich habe vorhin ein bisschen über die Freiheit von Konventionen, von Zwängen und so weiter. Man trifft ja nicht so oft erwachsene Menschen, die irgendwie singen, also außer man singt in einem Chor, aber das ist was anderes so. Die sich um den Hals fallen, wenn irgendwas passiert, was Freudiges und so. Also die ganze Art des In-Kontakt-Kommens, aber auch, der Ausdrucksform. Heute, vielleicht kommt es mir manchmal so vor, sogar noch mehr als damals, sind ja sehr beherrscht, sehr kontrolliert. Jeder beißt sich auf die Lippen, versucht auch möglichst nicht angreifbar zu sein oder sich angreifbar zu machen. Das entfällt größtenteils in einem Fußballstadion. Du kannst mal laut fluchen und, ja, und, das war für einen zwölfjährigen Jungen damals, der ich war. Das wusste ich nicht, dass es sowas gibt. Das war einfach sehr, sehr schön. Und zu dem Spiel war ich mit meinem Vater. Der war aber gar nicht so ein regelmäßiger Stadiongänger. Das war eigentlich eher so ein, weiß auch nicht, aus Versehen. Und danach bin ich dann viel mit meinen Kumpels. Wir hatten samstags noch Schule und sind dann oft nach der Schule. Ich habe dann so nach und nach die Jungs aus meiner Klasse überzeugt, doch auch mal mitzukommen und dann sind wir da mal hin. Und das hat Spaß, wenn einmal irgendwann angefangen auch so hier so kiloweise Zeitungspapier zu zerreißen und man so Schnitzel hat, die man in die Luft werfen kann, wenn man in den Tor gefallen ist.
Thomas Mühlnickel: Der Platzwart freut sich.
Christian Arbeit: Und so Zeug. Nein, also das war so ein Momentum einer Art von Freiheit, die man, für die es irgendwie Räume braucht und das Stadion ist so ein Ort und ich glaube, ein großes Festivalgelände bei einem Musikfestival ist es vielleicht auch manchmal. Auch da sieht man ja, wie das, also wie die großen Festivals dann auch Jahr für Jahr zehntausende Menschen anziehen, manchmal sogar schon im Vorfeld, wenn noch gar nicht klar ist, wer da überhaupt dann insgesamt spielt. Die Leute haben so eine innere, glaube ich auch so eine Sehnsucht nach Gemeinschaftserlebnissen, die möglichst wenig pädagogisiert sind, wenig reglementiert sind.
Thomas Mühlnickel: Jetzt haben wir gerade erfahren, das Stadion ist ein Ort der Gemeinschaft und auch der Freiheit. Genial. Ich liebe das.
Christian Arbeit: Ich auch. Also deshalb hat mich das auch nie losgelassen und hänge ich bis heute auf. An dem Ort und natürlich auch an dem Klub als solcher.
Thomas Mühlnickel: Jetzt hast du ja noch einen Sprung geschafft, der den meisten verwehrt bleibt. Also die allermeisten werden schon nicht spontan eingewechselt und dürfen das entscheidende Tor schießen, wovon sie als Kinder noch träumen.
Christian Arbeit: Das ist bis heute auch so. Das sind wirklich nur ganz wenige, denen das gelingt.
Thomas Mühlnickel: Und das Zweite ist dann irgendwie Trainer, Präsident, Manager oder auch Stadionsprecher zu werden. Wie ist dann dein Weg dahin gekommen, dass du Stimme des Vereins wurdest? Also außer, dass du eine sehr gute Stimme hast.
Der Weg zur Sprecherstimme: Zweieinhalb Zufälle und ein Abend im Zoopalast
Christian Arbeit: Dankeschön. Wie so oft im Leben braucht es irgendwie zweieinhalb Zufälle. Ich habe also damals für eine große Kinokette gearbeitet und habe mehr oder weniger auch aus Versehen, weil ich nämlich eingesprungen bin für einen nicht anwesenden oder nicht eingeplanten Moderator. Jedenfalls war keiner da. Es war aber eine Veranstaltung im Zoopalast, die moderiert werden musste. Und da haben sich fünf Minuten lang alle um den Tisch angeguckt, bis sie gesagt haben, ja okay, ich probiere es. Und ja, das hat mir A, ein bisschen Spaß gemacht, B, offensichtlich war es ganz okay und habe ich A und B gesagt, dann kommt jetzt C, C saßen im Publikum auch Leute, von Union, denen ich vorher die Karten besorgt habe.
Thomas Mühlnickel: Nein, das war ein großer Plan.
Christian Arbeit: Die kannte ich also und die kamen hinterher zu sagen und sagten, ah, wir wussten ja gar nicht, dass du sowas auch machst, kannst du dir eigentlich vorstellen, ein Stadionsprecher zu sein bei uns. Und ich so, hä, wir haben noch einen Stadionsprecher. Und der Verein wollte damals wechseln, weiß nicht mehr, warum genau. Auf jeden Fall habe ich dann gesagt, na gut, ich kann das schon probieren, müsste das jetzt mal sicherlich mit meiner Familie und meinen Freunden besprechen, weil ich bin ja auch nicht alleine zur Union gegangen, sondern immer so in kleinerer oder manchmal auch größerer Gruppe. Und die haben dann gesagt, ja, ist doch cool, probier doch mal. Da habe ich gesagt, ja, aber dann kann ich nicht mehr bei euch stehen. Und alle gesagt, ja, mach doch nichts. Auch nett, aber ich glaube, sie haben es nicht böse gemeint. Und so ist das dann gekommen. Und dann weiß man natürlich auch nicht, wir hatten damals so ein bisschen, daran kann ich mich erinnern, eine Fluktuation, ähnlich wie es manchmal bei Trainern ist. Es gab einen langjährigen Stadionsprecher, der es dann nicht mehr gemacht hat oder nicht mehr konnte. Danach gab es ein paar Mal hin und her und manchmal muss eine Konstellation entstehen, die dann irgendwie ein bisschen besser passt. Also es muss für die Leute ja auch funktionieren. Und scheinbar hat es das, denn 20 Jahre sind es jetzt schon. Oh Gott, ich glaube, ich bin alt. Und solange das für alle in Ordnung ist und allen Spaß macht, wunderbar. Aber das war halt wirklich, ich habe nicht an einem Casting teilgenommen. Ich habe sozusagen keine Aktivität ergriffen, um das zu werden. Und so ist das dann gekommen.
Thomas Mühlnickel: Versehentlich im Zoopalast aus Versehen vertretungsweise was gemacht und zack, so spielt das Leben aber beim allerersten Maler ist ein bestimmtes Pipi in der Hose, oder?
Christian Arbeit: Das war also ich mich daran erinnere, dann kann ich sagen, es war ein Glück, dass nicht gleich das Erste, was ich machen musste, ins Spiel war, sondern da gab es erstmal so ein paar andere niedrigschwellige Einstiege. Zum einen war, wir haben damals nochmal den legendären Trainer Georgi Vasilev ein zweites Mal verpflichtet und als der seine erste Trainingseinheit gemacht hat, waren tausend Leute da und standen um einen von Schnee freigeschobenen Kunstrasenplatz. Und da hieß es auch vorher, ja, wäre schon gut, wenn da mal jemand irgendwie, guten Abend sagt und die Leute bittet ein bisschen aufzupassen. Also das war dann so, fing mal vor 1000 an, dann kam der 40. Vereinsgeburtstag am 20. Januar 2006. Und es war auch eine ganz kleine Veranstaltung so auf einem Parkplatz neben der Geschäftsstelle damals. Da waren ein paar hundert Leute. Das erste Spiel war dann, ich habe das neulich mal nachgeguckt, ich glaube, es war dann sogar erst im März, weil es konnte halt lange nicht gespielt werden, weil bitterkalter Winter war irgendwie und Schnee und dann ging es nicht und so weiter. Und was ich aber noch gut weiß, ist, dass es gibt auch so eine Wendung, die heißt, mir zittern die Knie, wenn man so aufgeregt ist. Und ich kann mich daran erinnern, dass ich, als würde ich neben mir stehen, gedacht habe, krass, das gibt es wirklich. Mir zittern ja wirklich die Knie. Die haben einfach gewackelt. Und dann habe ich mich da so reingegroovt mit den Leuten zusammen. Auch so, dass man irgendwann mal ein bisschen was verabredet hat. Damals war das Stadion ja zwar für Viertklassigkeit, das muss man auch noch sagen, da waren wir schon sportlich auf dem Tiefpunkt. Und da war es nicht ganz so voll, wie es jetzt ist. Aber da haben sich die Dinge so entwickelt und man hatte so das Gefühl, hey, wollen wir das so und so machen? Und dann konnte man es einfach so besprechen sozusagen. Und diesen Ansatz habe ich eigentlich versucht beizubehalten. Also nicht den Leuten immer nur was zuzurufen, sondern im Grunde Teil der gesamten Gruppe zu sein.
Thomas Mühlnickel: Du bist ja auch Musiker.
Christian Arbeit: Aber das ist wirklich blutige Amateur-Sache. Also reines Hobby.
Thomas Mühlnickel: Auch irgendein Zufall.
Christian Arbeit: Nicht, dass hier jemand Wunderdinger erwartet.
Thomas Mühlnickel: Aber hat dir diese Amateur-Musik geholfen, mit der anderen größeren Bühne hundertbar 50 Meter klar zu kommen?
Christian Arbeit: Ein bisschen schon. Also dieses, vor Menschen zu sprechen, so damit geht es ja mal los. Okay, ich stehe jetzt hier und sage jetzt was oder singe was vor. Das lässt sich dann irgendwann skalieren sozusagen. Und es gibt viele, die sowas tun, die es beschreiben nach dem Motto, je größer es dann wird, desto weniger schlimm ist es, weil man irgendwann gar nicht mehr einzelne Menschen sieht, sondern eine Menge. So ganz würde ich es nicht beschreiben, weil es mir immer noch so geht, dass, wenn ich die Aufstellung zum Beispiel mache vor dem Spiel, dann laufe ich auch so ein Stück, übers Feld und an den Menschen entlang und es ist nahezu unvermeidlich, dass auch immer wieder mal Blickkontakt entsteht und jemand das Gefühl hat, jetzt hätten wir gerade Blickkontakt und dann winkt er oder so. Und dann kann ich aber nicht zurückwinken, weil ich das Mikrofon halten muss und so. Und ja, aber ich glaube, das hat schon ein bisschen geholfen.
Thomas Mühlnickel: Ich habe mal die Frage bekommen, ich saß, das ist auch fast so lange her, 2009 saß ich mal bei Wer wird Millionär? auf dem Stuhl. Und danach wurde ich auch gefragt, wie war denn das vor sechseinhalb Millionen Leuten? Und ich habe gesagt, keine Ahnung, weil am Ende waren das einfach nur Kameras. Und das Schlimmste war für mich, dass Günther Jauch auch vor mir saß. Die eine Person war schon vollkommen Overload für mich, aber nicht die sechseinhalb Millionen, weil die habe ich einfach nicht mehr wahrnehmen können.
Christian Arbeit: Aber du bist auf den einzelnen Stuhl gekommen, oder?
Thomas Mühlnickel: Auf den einzelnen Stuhl bin ich gekommen, ja.
Christian Arbeit: Also ich glaube, es gibt ja wahrscheinlich doch relativ viele Menschen in Deutschland, die denken, ah, das wäre eigentlich mal interessant. Und dann hat wahrscheinlich auch jeder von uns rät immer mit, die erste Runde, wenn man versucht, da drauf zu kommen. Und dann sagt er ganz einfach, zack, zack, zack, c, b, a, d.
Thomas Mühlnickel: Das war so lustig. Nachmittags beim Warm-up, habe ich beide Male diese Auswahlfrage gewonnen und dann sagte der Typ, der das Warm-up gemacht hat, auch schon zu mir, Sie sind jetzt der schnellste Mann im Raum, aber machen Sie sich keine Hoffnung, noch nie hat jemand, der nachmittags zweimal gewonnen hat, abends auch noch gewonnen.
Christian Arbeit: Toll.
Thomas Mühlnickel: Dann spielte der Typ vor uns auch so ewig, dass auch klar war, es kommt sowieso nur einer auf den Stuhl. Damals waren es noch zehn in der Auswahlrunde. Und dann kam eine Frage, die war wirklich, fand ich relativ einfach, war eine Geografie-Frage, das passte alles Gott sei gut für mich. Und man sah dann sogar im Fernsehbild später, wie ich einfach, man sieht die Zeit nämlich selber, was man da geklickt hat, wie ich selber schon anfing, mein Hemd gerade zu ziehen und mich da irgendwie schon mal fertig zu machen, weil ich war mir vollkommen sicher, ich komme jetzt auf den Stuhl. So kam es dann auch und ja.
Christian Arbeit: Gut, stark. Wie weit ging es denn? Darf ich was fragen?
Thomas Mühlnickel: Das ist ja leider sowieso alles ergoogelbar. Ja, ich bin da auch rein, genau mit diesem Gedanken von, ich tippe mal so mit und wenn man da sitzt, merkt man plötzlich, das ist nicht mehr konsequenzlos, sondern jetzt einmal schnell falsch tippen und du bist raus. Und plötzlich macht es dann doch irgendwie alles mehr Respekt, diesen Jauchze vor sich zu haben und in diesem Stuhl sitzt mit 200 Gästen. Und ich war plötzlich sehr viel unsicherer mit allem, als ich es vorm Fernseher immer war. Und ich habe dann meine Joker alle bis 16.000 Euro verbraten, die auf die 16.000 irgendwie gerade noch so raufgerettet. habe so rumgeraten.
Christian Arbeit: Das war damals die Grenze, oder? Genau, das war damals die Grenze. Den gab es ja noch nicht.
Thomas Mühlnickel: Den gab es gerade neu, aber ich habe ihn nicht genommen. Ich habe den nicht verstanden, glaube ich. Und dann habe ich mich nur so raufgetrickst, indem ich irgendwann zu ihr auch gesagt habe, ich wusste es, wie ich mir zwischen den beiden, die da waren, und habe irgendwas so halbgetippt und sagte, wie guckt denn meine Freundin? Und dann guckte er so hoch und sagte, sie soll jetzt bloß nichts sagen und sagte, sie guckt ganz entspannt und dann wusste ich, okay, dann ist das wohl richtig, dann nehme ich das auch. Die weiß das ja. Ich habe dann 16.000 gewonnen, bei der 32.000 Euro Frage war ich in der neuen Sendung nicht mehr ganz bei mir. Dementsprechend habe ich es leider verkackt.
Christian Arbeit: Okay. Immerhin. Ja.
Thomas Mühlnickel: Ja, also kann man schon mal... Großartige Erfahrung. Hat total Spaß gemacht. Ich erzähle das alle 17 Podcast-Folge, erzähle ich die Geschichte nochmal neu. Falls ihr noch nie zugehört habt.
Christian Arbeit: Okay.
Thomas Mühlnickel: Sehr gut. Eisern ist, das Leben nach Union auszurichten, hast du mal gesagt.
Christian Arbeit: Mhm.
Thomas Mühlnickel: Wie viel Leben hast du denn noch neben Union?
Christian Arbeit: Ähm... Ich denke darüber gar nicht so viel nach. Deshalb fällt es mir auch schwer, mit so Begriffen wie Work-Life-Balance zu arbeiten, weil es ja so klingt, als wäre das eine das eine und das andere das andere. Ich glaube, damit geht oftmals das Problem schon los. Wenn man das, was man arbeitet und sein eigenes Leben als was Getrenntes betrachtet, ich glaube, dann wird es kompliziert. Das sagt sich aber natürlich leicht, wenn man für seinen Lieblingsfußballverein arbeitet. Ich verstehe schon, dass das, vielleicht möglicherweise für andere Berufsgruppen etwas schwieriger ist. Ich habe das Thema irgendwie nicht, sortiere es nicht auseinander, aber ich. Wie soll ich sagen, ich habe nicht das Gefühl, dass mir was fehlt oder dass ich was verpasse. Worauf ich allerdings ein bisschen achte, ist, dass sich nicht alles um Fußball dreht. Ich lese sehr viel, ich höre mir sehr viel Musik an, live, aber auch im Konserve, versuche auch immer noch ein bisschen selbst Musik zu machen, weil das den Vorteil hat, dass alle anderen heutzutage zur Verfügung stehenden technologischen Möglichkeiten und Verlockungen ausscheiden. Wenn ich in einem tollen Konzert stehe und mir einen Künstler anhöre und denke, boah, jetzt möchte ich ein Erinnerungsfoto machen, dann macht man ja in Wahrheit 14 oder so, weil man immer denkt, ah nee, da ist jetzt noch ein bisschen unscharf oder war die Beleuchtung schlecht oder so. Und schon ist man wieder irgendwo mit abgelenkt. Wenn man selber Musik macht, wenn ich eine Gitarre oben habe und vor einem Mikrofon stehe. Tja, dann geht nichts mehr anderes. Das hat unser ehemaliger Trainer Urs Fischer übrigens mit dem Fliegenfischen mal so beschrieben. Das ist genau so. Also dann ist vorbei und dann ist man wirklich frei. Also das sind so Lesen, Musik, das sind so meine Themen, um einfach auch immer wieder frische Luft in den Kopf zu kriegen.
Thomas Mühlnickel: Es braucht es ja auch. Also so sehr man eine Leidenschaft haben kann und Dinge einfach super gerne macht, braucht zwischendurch mal Entspannung über irgendeinen anderen Weg.
Christian Arbeit: Vielleicht gibt es auch Menschen, denen es nicht so geht, aber mir geht es auch so. Deshalb bin ich dann auch nicht so empfänglich für, wenn alles so auf Fußball bezogen wird. Also jetzt erleben wir es ja gerade wieder. Es ist Fußball-WM und vermutlich haben wir ungefähr, 78% der Werbeagenturen in Deutschland ihren Kunden gesagt, boah, zur Fußball-WM, da müsst ihr mal irgendwie was mit Fußball machen und jetzt rollt ständig irgendwo ein Ball lang und, am Ende ist dann doch eine Versicherung, ein Bratwurst oder ein Campingstuhl oder so.
Thomas Mühlnickel: Wir zeichnen am 23.06. auf. Wir beide wissen noch nicht, wer Weltmeister wird. Die Leute, die uns jetzt zuhören werden, schon wissen, wer Weltmeister ist. Das ist spannend.
Christian Arbeit: Das ist witzig. Das ist so eine Raum-Zeit-Auflösung und so.
Thomas Mühlnickel: Schreibt es uns in die Kommentare, vielleicht erfahren wir es dann jetzt. Vielleicht kriegen wir das aber irgendwie gematcht, dann können wir noch ein paar Wetten platzieren. Das eine ist ja der Stadionsprecher, das andere ist der Geschäftsführer. Es sind ja zwei eigentlich sehr unterschiedliche Arbeitsbereiche. Was erfüllt dich mehr?
Christian Arbeit: Das eine ist ja sehr spieltagsbezogen, es findet im Grunde alle 14 Tage statt. Ja. Wenn ich, auch cool, eine Antwort anzufangen mit, wenn ich ehrlich bin. Also alles in einem Fußballverein ist auf Spieltage ausgerichtet. Logisch, weil das ist ja der Zweck des Ganzen. Und am Ende geht es darum, Fußballspiele auszurichten. Das soll uns gerne so, wie wir das gerne mögen, wie es uns Spaß macht, dass wir den Eindruck haben, die Leute freuen sich darauf, auf den Spieltag und so weiter. Ich kann ja wenig dazu beitragen, ob der Ball am Ende ins Tor geht oder drüber, aber ich habe einen Teil davon und deshalb ist natürlich dieser Spieltag immer wieder ein Höhepunkt des Arbeitslebens, insbesondere ein Heimspieltag in meiner Funktion. Und parallel dazu macht es aber auch Spaß, über Kommunikationswege und Möglichkeiten nachzudenken rund um so einen Verein, denn am Ende ist fast jeder große Fußballverein, und es trifft auch auf uns zu, auf Union, natürlich besteht noch aus ganz vielen anderen Themen, eben nicht nur die Spiele der beiden Profimannschaften, Männer und Frauen dann gibt es noch Nachwuchs, dann gibt es aber auch ganz viel, Vereinsleben in dem gar kein Ball rollt und das Ganze immer wieder auch so abzubilden, dass die Menschen sich wiederfinden, dass auch vielleicht andere die mal drauf gucken, sagen finde ich ja interessant, habe ich gar nicht gewusst das macht einfach Spaß und das. Ist also dann, ich sag mal, im Arbeitsalltag abseits des eigentlichen Spieltages, ist es auch schön, ist auch eine schöne Aufgabe.
Thomas Mühlnickel: Was war der beste Rat, den du jemals bekommen hast?
Christian Arbeit: Ui, das ist gar nicht so einfach, weil am liebsten hätte ich jetzt, dass ich so eine Szenerie vor Augen habe, wie das jemand zu mir gesagt hat. Dummerweise, auch wenn ich jetzt schon eine halbe Minute rede, fällt mir diese Situation nicht unbedingt ein. Aber. Was ich aus dem Elternhaus, also aus der Familie so mitgenommen habe, ist das Thema, sich, nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und so ein bisschen auf die eigene Intuition auch immer wieder zu vertrauen. Es muss sich für einen selbst erstmal gut anfühlen. Das ist das allererste. Wenn man schon losgeht und das Gefühl hat, boah, mache ich es jetzt nicht so, dann wird es ganz selten gut. Und das ist was, was ich versuche immer wieder auch zu beherzigen. Ich komme immer wieder auch mal, selbst in der Funktion als Sprecher gibt es mal neue Aufgaben plötzlich. Wir hatten in diesem Jahr 60-jähriges Vereinsjubiläum, das war ursprünglich, mit einer großen Mitgliedsversammlung geplant, dann wurde das aber so groß, weil sich so viele Menschen angemeldet hatten, dass wir das ein bisschen getrennt haben und dann war es ein reiner Festakt und plötzlich musste ich durch so einen Abend führen wie so ein Conférencier irgendwie. Und. Dann gibt es jemanden, der das produziert und dann gibt es einen Regisseur des Abends und so weiter und der sagt, mach mal das so und mach mal das so. Und in dem Fall gab es aber jemanden, der zu mir gesagt hat, irgendwann kümmere dich nicht darum, wo siehst du jetzt eine Kamera, wo steht jemand und so weiter, ob du im Bild bist oder nicht, das machen alles wir. Mach du, wie du dich wohlfühlst. Und das ist eigentlich nochmal so eine Bestätigung gewesen dafür, dann einfach, der eigenen Eingebung auch zu folgen.
Thomas Mühlnickel: Ihr habt ja viel geschafft die letzten Jahre, zur zweiten Liga in die Bundesliga, Klasse gehalten, also Klasse extrem gut gehalten, internationales Geschäft, Champions League, dann wieder so ein Stück weit auch zurück, Klassenkampf wieder gehabt, Mittelfeldplatz, ein lauteres Auf und Ab die letzten zehn Jahre. Ja, aber Gesamttrennen natürlich sehr viel aufwärts gegenüber dem, wo man früher stand. Was macht das mit so einem Verein, der für sich so eine sehr klare Eigenidentität als andersartiger Verein hat, wenn er plötzlich in diese Liga dieser Leverkusens, Dortmunds, Hoffenheim, nehmen wir raus, Leipzigs dieser Welt plötzlich schafft?
Union bleibt anders: Keine Tormusik – und das aus Überzeugung, nicht aus Trotz
Christian Arbeit: Ich fange mit diesem Begriff der Andersartigkeit an, ja, des, der ist ja eigentlich eine Beobachtung von außen und eine Art Zuschreibung von außen. Denn das funktioniert ja nicht so rum, dass wir gucken, was andere so machen und dann sagen, so. Und weil die das so machen, machen wir das jetzt anders. Sondern das ist, was ich schon beschrieben habe, diese Art. Inneren Stimme. Klingt ein bisschen pathetisch, aber es so zu gestalten, wie man selber auch das Gefühl hat, ja, so ist das schön. Was brauche ich dafür, damit es schön ist? Und was will ich vielleicht auch extra nicht haben, damit ich es schön finde? Und dann macht man was daraus und stellt hinterher, gucken einen alle an und sagen, ja, wieso habt ihr eigentlich keine Tormusik? Wieso muss man die haben? Nee, aber ihr seid einfach die Einzigen in der ersten und zweiten Liga, die keine haben. Ach so. Wir haben das Gefühl, wir konnten uns schon immer gut über ein Tor einfach so freuen. Wir brauchen weder ein Lied, damit wir alle im gleichen Takt klatschen oder so, sondern einfach spontan, der eine wirft seinen Becher in die Luft, der nächste fällt dem Nachbarn um den Hals und so. Das geht von ganz selbst. Und dann gucken alle und sagen, ach, die machen wieder was anders. Aber wir haben einfach das nur so gemacht, wie wir es empfunden haben. Wenn man dann, Ich habe, bevor wir aufgestiegen sind, manchmal so Auswärtsfahrten in der 2. Liga, Auswärtsreisen genutzt, mir mit meinem kleinen Kommunikationsteam einfach auch mal Bundesligaspiele aus der Perspektive der dort arbeitenden Kommunikationskollegen anzuschauen. Zum Beispiel ja nämlich recht gut auf einer Fahrt nach Karlsruhe, haben wir Zwischenstationen in Mainz gemacht und uns Mainz gegen Werder Bremen angeschaut und dann spielte dort bei Werder Bremen ein toller Spieler namens Max Kruse. Der dann irgendwann einfach mal unser Spieler war. Solche lustigen Sachen kamen dann zustande.
Thomas Mühlnickel: Du wolltest Kommunikation, dann nicht Spieler einkaufen.
Christian Arbeit: Und dann hat man einfach immer so ein bisschen mitgeguckt, okay, was unterscheidet es eigentlich, wie fühlt sich das an, was machen die, warum machen die das so und nicht anders und so weiter. Am Ende weiß man jetzt, okay, es gibt übrigens ganz viele Kombinationen, die möglich sind. Es gibt Vereine, die man auch immer schon ganz nett fand und dann arbeiten auch super nette Kollegen. Da gibt es Vereine, die fand man vielleicht immer ein bisschen langweilig oder auch nicht so nett. Da arbeiten aber auch tolle Kollegen, mit denen man sich super gut verstehen kann übrigens auch, wenn man den Verein vielleicht trotzdem nach wie vor nicht so mag und so. Also auch da ist es schön einfach, wir sind tatsächlich über, also Ligaübergreifend, Erste und Zweite Liga, alle recht eng miteinander verbunden. Die Kommunikationskollegen der Vereine tauschen uns ab und zu aus. Jeder hat auch irgendwie so zwei, drei Telefonnummern, wo er sagt, boah, wenn ich mal... Ein Thema habt, den und den rufe ich mal an und frage den mal, wie die das gelöst haben. Also das macht dann schon auf diese Weise auch Spaß und gleichzeitig sieht man, weiterhin jede Menge Dinge, wo man denkt, ach, finde ich gar nicht mal so toll, würde ich so bei mir nicht machen.
Thomas Mühlnickel: Das macht es doch auch aus, dass es nicht so uniform ist, dass alle exakt gleich ihre Stadionnamen verkaufen, exakt gleich ihre Banden verkaufen.
Christian Arbeit: Also finde ich total wichtig, die Unterschiedlichkeit, Fußball auch als regionales Geschehen zu betrachten und zu sagen, das muss bitte jeder und der Freiraum sollte auch möglichst groß sein, wenn überall die gleichen Lieder gespielt werden, die gleichen Fahnen geschwenkt werden und du am Ende, angenommen machst du den Fernseher an und weißt eigentlich gar nicht, in welches Stadion jetzt geschaltet worden ist, das wäre schon fatal, glaube ich. Also die Unterschiedlichkeit, wie man das organisiert, gibt es mehr Stehplätze, gibt es mehr Sitzplätze, wie sieht es aus, wie klingt es? Das halte ich für ganz, ganz wichtig. Und da sind wir auch zum Beispiel wir selber auch überhaupt nicht missionarisch unterwegs. Also wir sagen jetzt zum Beispiel nicht, okay, wenn Tormusik ist scheiße, dann nehmt die auch alle weg oder so. Nur um bei diesem Beispiel zu bleiben, sondern nein, wenn es woanders, die Menschen mögen, warum denn nicht? Alles in Ordnung. Aber Differenzierung, im Angebot finde ich ganz, ganz wichtig. Alles andere würde mir auch irgendwie seltsam vorkommen, muss ich sagen.
Thomas Mühlnickel: Ihr habt ja ein besonderes Gemeinschaftsgefühl in eurer Fanbase. Das ist schon sehr speziell, was es da bei euch gibt. Nehmen wir mal als Beispiel dieses legendäre Weihnachtssingen, oder auch den gemeinsamen Bau am Stadion damals, wo alle mit angepackt haben, mit Schubkarre und Schaufel gekommen sind und klar nach Plänen, nicht jeder wie er wollte, aber nach Plänen dann eben mitgeholfen haben zu bauen, einfach Geld zu sparen. Wie kann man das pflegen, wenn man in so einen Erfolgslauf kommt wie Union, weil da steckt doch eine riesen Gefahr drin, dass das plötzlich kippt, oder?
Christian Arbeit: Verstehe. Also ja, ich sage mal so, das wurde auch so ein bisschen ironisch begleitet, als wir uns dem Erstligaaufstieg näherten, witzigerweise eher in der Saison davor, wo es dann aber doch nicht geklappt hat. Da tauchte so ein Banner auf, das ist vielfach etwas zu doll interpretiert worden. Aber da stand irgendwo plötzlich, scheiße, wir steigen auf. Das sollte aber, also wie so oft, ich glaube, das ist sogar so ein auch so ein Berlin-Ding, was außerhalb dann oft ein bisschen ach so, die wollen das gar nicht in weit. Oder die haben so eine Angst und so. So eine Angst war es jetzt auch wieder nicht, wie man dann gesehen hat, als es passiert ist. Sondern da war die Freude schon riesig. Aber dieses, was da mitschwingt, ist ja klar. Diese, und die Angst davor, dass sich etwas Liebgewonnenes durch äußere Umstände, deren Wirkung man noch nicht so richtig klar erkennen kann, so stark verändert, dass ich es möglicherweise nicht mehr so lieb habe. Wie die Lieblingsband, die ich noch in einer, sagen wir mal, Columbiahalle gesehen habe und die jetzt aber so groß ist, dass sie nur noch im Olympiastadion spielt. Und ich habe die noch ganz nah dran gesehen und jetzt sehe ich sie weit weg. Da war es so ein bisschen gab es so mehrere Elemente, die wie soll ich sagen, die es gibt bei uns so ein geflügeltes Wort, das heißt kein Schaden ohne Nutzen, der Schaden war viel zu wenig Leute können nach wie vor, Spiele unserer Männermannschaft an der alten Försterei in der Bundesliga sehen, das ist ein Riesenstress, keiner kann einfach mal seine Freunde mitbringen oder seine Familie man muss da ewig rum, die Karten werden verlost und so weiter Aber, das ist sowohl für uns ein wirtschaftlicher Nachteil, also ein Schaden als auch Stress für alle, die es mit Union halten. Der Nutzen daran war, es konnten nicht plötzlich einfach 30.000 Leute mehr erscheinen, die sagen, ach, das soll ja so super da sein, das gucke ich mir mal an. Und wenn es vorher 20.000 sind, jetzt sind es 50.000 und 30.000 gucken nur mal, wie toll die 20.000 das machen, dann ist es so, zack, nicht mehr so toll. So, heißt also dieser Effekt hat nicht stattgefunden sondern das war ein also es war schon in der zweiten Liga ausverkauft und jetzt gehen wir mal alle in die erste Liga so und gucken mal ja. Dieser Schock der kulturellen Veränderung ist so nicht eingetreten. Zum einen aufgrund der äußeren Umstände, zum anderen, weil wir dies am Ende gemeinsam machen, auch im Verein, in der Vereinsführung beispielsweise, auch noch die gleichen sind wie davor. Und wenn wir Dinge vorher so organisiert haben, zusammen mit den Menschen, wie uns das gut gefällt, dann wäre es ein bisschen verblüffend, wenn uns, nur weil wir jetzt aufgestiegen sind, plötzlich was ganz anderes viel besser gefällt. Dann hätten wir es ja vorher auch schon machen können. Heißt also. Dieser Riesenschock ist so nicht eingetreten. Wir hatten dann bestimmte andere Umstände, die europäischen Qualifikationen, Conference League zu der Zeit, gab es dieses Stehplatzprogramm der UEFA noch nicht. Das heißt, wir mussten für die Conference League zwingend ins Olympiastadion. Da haben schon ein paar mehr reingepasst. Da war irgendwie Corona, trotzdem durften dann, glaube ich, so 30.000 oder sowas kommen im Olympiastadion, mussten dann entsprechend Platz lassen und so weiter. Dann, später auch nochmal das Thema Champions League im Olympiastadion, weil wir einfach wollten, dass zumindest jedes Mitglied irgendwie wenigstens eines dieser Spiele sehen kann. Und dann war es aber dreimal ausverkauft, sodass wir also den Wirkungsgrad, die Reichweite eher allmählich ausdehnen konnten. Und es wird dann, wenn wir jetzt das Stadion umbauen, dann für ein Jahr im Olympiastadion spielen, dann in ein größeres Stadion Alte Försterei zurückkehren, wird es dann auch so sein. Das war also ein bisschen, schon mit dem Umbau, mit dem beginnenden Umbau und dann im Olympiastadion es schaffen, mehr Leuten einfach die Chance zu geben, weil das ist schon wichtig.
Thomas Mühlnickel: Ich weiß nicht, ob du darauf jetzt antworten darfst. Tut das weh? Macht das was mit deiner Seele? Oder ist es besonders geil, im Olympiastadion die Ansage zu machen?
Christian Arbeit: Also ich habe schon einmal eine Saison in einem anderen Stadion gesprochen, nämlich im Jahnsportpark. Da sind wir dann damals aufgestiegen. Jetzt können wir ja nicht weiter aufsteigen. Es geht nichts über die alte Försterei. das ist mal klar, und gleichzeitig also das Olympiastadion ist schon ist schon groß es, gibt diesen ich arbeite weder beim selber Musik machen noch beim Sprechen im Stadion ich arbeite nicht mit einem In-Ear-Monitoring weil ich immer das Gefühl habe das trennt mich von der Umgebung so, und an der Alten Försterei ist der, es gibt da so einen kleinen Zeitversatz, weil man ja keine Boxen in Richtung des Spielfeldes hat, sondern die Boxen im Stadion schallen in Richtung der Zuschauer. Dadurch hat man immer so eine kleine Verzögerung, mit der man sich selbst hört. In der Alten Försterei bin ich da absolut vertraut mit und es entsteht keinerlei Irritation daraus für mich. Im Olympiastadion bei den drei Champions League Spielen war das am Anfang echt verrückt. Also so dieses, oh krass, das ist nochmal ein Stück länger. Wahrscheinlich reden wir immer noch von Millisekunden.
Thomas Mühlnickel: Das fühlt sich immer wie eine halbe Stunde.
Christian Arbeit: Aber man hat so das Gefühl, man sagt was und drei Minuten später hört man sich nochmal. Da muss man sich ein bisschen darauf einstellen. Bei den UEFA-Wettbewerben ist sowieso alles total reglementiert, wo man da hingehen darf, wie man sich bewegen darf. Am Ende ist auch wurscht, weil da, wo Union Heimspiele austrägt, da gehe ich dann auch hin und spreche sozusagen. Und das Schöne ist ja, dass es, ein positiver Anlass ist, weil wir endlich, endlich die Stadionerweiterung, wenn wir ausziehen, bauen wir gleichzeitig. Sonst ziehen wir ja nicht aus. Logisch. Und das heißt, man weiß ja schon, dass in der Zeit was Schönes passiert und wir danach in ein richtig tolles Stadion zurückkehren werden, wo dann ein paar mehr Unioner reinpassen.
Haltung bewahren im Konflikt: Was der Satz vor dem Leipzig-Spiel wirklich bedeutet
Thomas Mühlnickel: Ich habe von dir den Satz gelesen, wir werden das tun, was wir immer getan haben, Haltung bewahren. Das hast du vor einem Spiel gegen Leipzig mal gesagt. Ist das auch in schwierigen Momenten, wenn es mal im Verein brodelt oder Dinge, wie ihr sie in Rotterdam damals erlebt habt, als ihr von Hooligans angegriffen worden seid, es Auseinandersetzungen gab, die Polizei einen komischen Auftritt gehabt hat, Fans ein halbes Spiel lang nicht in den Stadion gekommen sind, fällt das dann immer noch schwer, Haltung zu bewahren? Oder es ist einfache Haltung zu haben, wenn es ohne Wind ist.
Christian Arbeit: Dann ist es ja leicht. Also wenn nichts schwierig ist, kann ich immer viel von Haltung reden. Am Ende beweist es sich ja dann, wenn man irgendwo durch muss, durch irgendeine Form von unangenehmer Situation oder Konfrontation mit einer anderen Sache. Insofern stellt sich die Frage für mich gar nicht so richtig, weil Haltung ja immer dann erst gefragt ist. Ich kann Haltung ansonsten sehr schön vor mir hertragen als nettes Accessoire, aber das ist nichts wert. Wir sind daher auch, so ein bisschen allergisch, wenn es so um rein symbolische Dinge geht. Hier was leuchten und dann, was es alles schon gab im Fußball, gelbe Schnürsenkel gegen den Hunger auf der Welt und so weiter und so fort. Das ist alles so... Ja, was soll das sein? Diese Überhandnahme von Zeichensätzen. Ich habe das vorhin schon mal, glaube ich, gleich am Anfang gesagt, wenn es so pädagogisch und belehrend wird und jetzt machen wir alle das und jetzt zeigen wir alle, dass das und jenes so und so sein soll. Das gehört zu den Dingen, mit denen wir nicht so richtig was anfangen können. Die Frage, die sich immer stellt, ist, können wir was konkret tun? Dann gerne. Oder reichen unsere Mittel nicht? Das kann ja auch mal die Antwort sein. Ich kann nichts konkret tun, aber dann halte ich mich vielleicht auch lieber zurück mit großen verbalen Äußerungen, weil die sind oft leichter zu haben, als dann tatsächlich etwas zu verändern.
Thomas Mühlnickel: Es ist auch die Frage, wenn ich Werte und Haltung durchgängig und konsequent habe und zeige, ob ich dann diese PR-Shows brauche, auch wenn sie gut gemeint sind. Ich will die gar nicht schlecht reden, aber in der Tat ist es ja oft so, dass es manchmal wirkt, jetzt würde man auch in der Bundesliga oftmals eher eine gute Aktion machen, weil sie eine schöne PR-Wirkung hat, als dass sie super ernst gemeint sei.
Christian Arbeit: Ich glaube, am Ende leben wir ja auch in einer Mediengesellschaft, die ständig versucht, Botschaften zu transportieren, die Aufmerksamkeitsökonomie irgendwie. Jeder versucht da immer so seine Einzahlung auf sein eigenes Aufmerksamkeitskonto irgendwie auch zu kriegen. Ich verstehe schon, warum sowas so oft versucht wird und gleichzeitig kann ich nur sagen, mir begegnen zunehmend Leute, die davon irgendwie genervt sind, selbst wenn es um Sachen geht, die sie vielleicht selber sogar auch gut finden. Da muss man wirklich ein bisschen vorsichtig sein, weil wenn man die Leute irgendwie zu sehr nervt mit Dingen, am Ende kriegen wir sowas oft auch gesagt. Ich verstehe das, wenn Leute sagen so, boah, jetzt komme ich doch extra schon ins Fußballstadion, einfach weil ich, kriege die ganze Woche irgendwelche Botschaften vor und dann ist noch das auf der Arbeit und da jenes und so weiter. Und jetzt gehe ich einfach ins Fußballstadion, will ich mit meinen Kumpels treffen oder gehe mit meiner Familie. Jetzt lass mich doch mal in Ruhe, bitte. Und das kann ich gut nachvollziehen. Und umgekehrt gibt es Themen.
Frauenfußball konkret fördern: Weniger reden, mehr tun – das Union-Prinzip
Christian Arbeit: Das kann ich jetzt hier, glaube ich, gut, passt, glaube ich, ganz gut, wenn wir über das Thema Fußball der Frauen reden, dann können wir viel über man müsste, man sollte und so weiter und dann, können wir gerne nachgucken, wo in der in der Sportberichterstattung der Fußball der Frauen dann platziert ist, ja, wo finde ich das dann in den entsprechenden Fachmagazinen und so weiter, und dann ist es uns lieber nicht viel zu reden, sondern zu sagen, okay wenn, dann machen wir es richtig, dann spielen die Frauen auch im gleichen Stadion, jetzt bauen wir das Trainingszentrum für Männer und Frauen gemeinsam beide Profimannschaften werden dort einziehen das sind für uns konkrete Dinge, die wir tun können mit unseren Mitteln. Wir glauben daran, dass es die gleiche Berechtigung hat, dass Mädchen und Frauen selbstverständlich auch genau gerne Fußball spielen wollen und können. Und wir haben, ich sage mal, wenn wir wollen, dass sich Leute dafür interessieren, dann muss es an Orten stattfinden, die interessant sind, dann muss es dort sein, wo die Leute gerne hingehen. Wir haben mit 8200 den höchsten Zuschauerschnitt bei Spielen von Frauen in Deutschland, den zweithöchsten in Europa und finden, da ist noch ganz schön viel Platz, ist schon ganz gut, es macht Spaß, macht schon Spaß zu kommen. Man ist jetzt nicht so der Erste, der sich auf den Weg zum Nordpol macht und ist da ganz alleine, sondern das ist ein schöner Nachmittag, schöne Veranstaltung, und da haben wir übrigens nochmal ein freies Feld, wo wir sagen können, hey, kommt vorbei, guckt euch Union an. Aber da können wir konkret handeln, und das ist das, was uns eigentlich am meisten Spaß macht und liegt.
Thomas Mühlnickel: Christian, magst du mir kurz fünf Sätze vervollständigen? In der Öffentlichkeit beeindruckt mich derzeit.
Christian Arbeit: Es könnte jetzt eine Person oder eine Sache sein.
Thomas Mühlnickel: Was immer du willst.
Christian Arbeit: Ich muss mir kurz überlegen. In der Öffentlichkeit beeindruckt mich derzeit, wir sind ja noch ein bisschen bei der Fußball-WM, beeindruckt mich derzeit die, große Fröhlichkeit der kleinen Teilnehmerländer. Und der Menschen aus diesen Ländern, die sehen es manchmal entscheidend, wenn es sich, es ist das, was ich schon als Kind gemocht habe. Meine erste WM, die ich live oder die ich bewusst mitverfolgt habe, war Mexiko 86. Und dieses, was erfahren über Land und Leute. Ich habe vor kurzem eine große Reportage über Curaçao beispielsweise. Ich wusste nichts über dieses Land. Und man kann über alles Mögliche schimpfen, und so viele Spiele und was weiß ich was alles. Aber wenn ich dann die Begeisterung sehe und wie ich, ich habe vor dem Fernseher gesessen und mich an uns, also es fühlte sich an wie Union gegen Bayern, als Kap Verde gegen Spanien gespielt hat. Und am Ende, ich habe gesagt, bitte, bitte lass sie durchkommen mit dem 0 zu 0 und sie haben es auch geschafft. Und das ist toll, das beeindruckt mich wirklich, muss ich sagen.
Thomas Mühlnickel: Über Deutschland denke ich.
Christian Arbeit: Und denke ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, das hat leider schon, was heißt leider, das hat der berühmte Heinrich Heine gesagt. Und über Deutschland denke ich, wie schwierig doch unser, ich bin ja nur einer, aber doch trotzdem das Gefühl, wie schwierig unser Verhältnis, zu diesem Land irgendwie ist. Und meine Eindruck, jetzt bin ich 50, 52 in Wahrheit, aber scheinbar auch bleiben wird. Also ich merke das an mir selber, ich finde nicht rein, ich finde nicht zu dieser gleichen Fröhlichkeit. Also ich gucke die anderen alle an und denke so, krass, die rudernden Norweger, die nach links und rechts springenden Holländer und so weiter. Das macht mir irgendwie mehr Spaß als der Zug hat keine Bremse.
Thomas Mühlnickel: Wir sollten mehr Wert legen auf.
Christian Arbeit: Freundlichkeit.
Die Stiftung als Kraftquelle: Wie ein Fußballverein gesellschaftliche Verantwortung übernimmt
Thomas Mühlnickel: Der nachfolgenden Generation rate ich.
Christian Arbeit: Nach einer positiven Zukunftsvision zu suchen. Ich erkläre es mal noch ein bisschen. Ich gehöre noch, würde ich sagen, zu einer Generation von Menschen, die eigentlich aufgewachsen sind mit dem Gefühl, wir kommen irgendwie voran als Menschheit. Wir kommen aus finsteren Zeiten und arbeiten auf verschiedensten Wegen alle daran, dass es irgendwie besser wird für alle. Und irgendwie hat es irgendwann, ich müsste länger darüber nachdenken, woran ich das konkret festmache, aber es hat so einen Bruch gegeben, der zumindest in meiner Wahrnehmung dazu geführt hat, dass eigentlich alle denken, okay, es wird alles nur noch schlechter. Und damit, aber wie soll man so leben? Also das, ja. Man braucht ja irgendwie eine Art Idee davon, wo wir hinwollen. Ich glaube, dass wir uns viel vertun im Moment. Klar, ich kann jetzt sagen, in Deutschland erlebe ich es am meisten. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern konkret aussieht, aber zumindest deutet es darauf hin, dass es auch dort ein Thema ist. Wir vertun uns viel damit, dass wir so wenig solidarisch denken können. Uns fällt immer noch jemand ein, der eigentlich noch viel weniger hat als wir selbst, dem aber das Wenige auch nicht gönnen. Und das ist eine Richtung, die uns zu nichts Gutem führt. Erleben wir ja jetzt die wieder aufbrechenden oder die riesige Anzahl von auch kriegerischen Konflikten in der Welt. Ich weiß gar nicht, ob die schon mal so hoch war. Vielleicht ja, aber im Moment fühlt es sich ja so an. Also ich denke, da waren wir doch schon drüber hinweg über diesen Punkt. Also wir brauchen dringend eine Idee davon, wo wir hinwollen.
Thomas Mühlnickel: Da passt da ja die fünfte Frage ganz gut dazu. Morgen wird besser als heute, weil...
Christian Arbeit: Weil wir das Potenzial der Menschheit noch lange nicht ausgeschöpft haben, aber immer besser schließen.
Thomas Mühlnickel: Ihr habt die Stiftung Union vereint, Schulter an Schulter, der du nun vorstehst. Ihr habt den Slogan, der Starke hilft dem Schwachen. Was macht diese Stiftung, von der ich bis zur Vorbereitung ehrlicherweise nichts gehört hatte, das muss aber nichts heißen, ich weiß nicht alles.
Christian Arbeit: Das macht mich trotzdem ein bisschen traurig.
Thomas Mühlnickel: Weißt du, was das Problem ist ja? Ich lebe in Hamburg und nicht in Berlin. Ich kriege bloß dem, was in Berlin passiert, so wenig mit. Ich sitze hier immer nur und moderiere Podcasts und berate Leute. Also, was macht eure Stiftung?
Christian Arbeit: Unsere Stiftung versucht an ganz vielen Stellen, die Kraft, die durch den Fußball entsteht, ein bisschen umzuleiten in andere Teilbereiche der Gesellschaft, wo ein bisschen Kraft fehlt. Und Kraft kann ganz unterschiedlich definiert sein. Kraft kann ein bisschen Geld sein. Kraft kann ein Raum sein, in dem sich eine Gruppe treffen kann. Kraft kann organisatorische Hilfe sein. Kraft kann, aus Gemeinschaft entstehen. Und Kraft kann sich übrigens auch bilden, indem man Räume öffnet, in denen Menschen sich betätigen können. Leute kommen zu uns und sagen, kann ich nicht irgendwas mithelfen? Können wir nicht was Schönes gemeinsam machen? Können wir doch ganz oft. Wir können zweimal im Jahr entlang unseres Stadions am Ufer der Wuhle ein bisschen aufräumen. Müll einsammeln, Papier, bisschen Laub haken und so weiter. Kostet nichts. Macht Spaß, Leute treffen sich und da gibt es ein Getränk und eine Wurst und Leute hatten einen schönen Tag und haben das Gefühl, ich habe was beigetragen. Es geht auch größer. Vor kurzem oder jetzt gerade zu Ende gegangen eigentlich, die deutschen Special Games, also sportlicher Wettbewerb für Menschen mit geistiger Behinderung haben in Saarland stattgefunden. Wir haben mit der Stiftung dafür gesorgt, dass die Teilnahmegebühren der Berliner Delegation komplett geleistet werden konnten, sodass niemand zu Hause bleiben musste, nur weil er das nicht beitragen konnte. Kiezersommer, ein großes Straßenfest in Köpenick. Auch da haben wir ein bisschen in diesem Sommer mitgeholfen. Da gibt es eine Übergangsphase in der Organisation. Da gab es einen Verein, der sich jetzt irgendwie umstrukturiert. Und jetzt brauchten sie aber in diesem Sommer jemanden, der ihnen über diese Zeit hinweg hilft, organisatorisch, aber auch ein bisschen mit finanzieller Unterstützung. Auch das haben wir gemacht. Also es gibt von ganz winzig kleinen bis tatsächlich richtig großen Dingen ganz viel, wo wir mithelfen können. Und das ist die eigentliche Aufgabe des Fußballvereins, das Fußball zu organisieren. Es gibt ja viele Fußballclubs, die fanden, dass es eine gute Idee ist, den Profifußball dann herauszulösen und den in eine Kapitalgesellschaft zu überführen. Wir haben uns für den umgekehrten Weg entschieden und gesagt, der Fußball ist ja der Kern unseres Vereinszwecks. Das steht ja in der Satzung. Dafür gibt es, wir heißen ja 1. Fußballclub Union Berlin und nicht irgendwas anderes. Also der Fußball muss immer Kern des Vereins sein. Andere Felder können wir rausnehmen. Veranstaltungen organisieren, gibt es eine eigene Gesellschaft für, die Immobilie, Stadion Alte Försterei entwickeln, gibt es die Stadion AG für und so weiter und so fort. Und dieses Thema gesellschaftliches Engagement sozusagen, also die außerfußballerischen Aktivitäten des Vereins ein bisschen zu bündeln und Ehrenamt zu organisieren und so weiter, das tun wir in der Stiftung. Natürlich auch mit der Möglichkeit, entsprechende Mittel einzuwerben. Sowohl viele Privatpersonen als auch viele Unternehmen unterstützen sowas gerne, können das dann auch organisatorisch im Sinne von, okay, da gibt es eine Stiftung, die kann eine Spendenquittung ausstellen und so weiter und so fort. Aber auch da bieten wir also einen Rahmen, darüber haben wir noch gar nicht so viel gesprochen, einen Rahmen, der Teilhabe ermöglicht im Sinne von, ich kann wirklich mitmachen, ich kann mich da melden, ich kann Geld spenden, ich kann Ideen spenden, ich kann meine Kraft spenden, was auch immer. Ich kann Teil unseres gesellschaftlichen Lebens sein. Dafür haben wir die Stiftung errichtet und können ein bisschen mithelfen an ganz unterschiedlichen kleinen Stellen. Ich sage mal, im Zweifelsfall sogar Not zu lindern, aber eben auch Solidarität und ich bleibe bei dem Begriff, wird vielleicht eine schöne Überschrift für diese Podcast-Folge, Freundlichkeit im Umgang miteinander vorzuleben.
Thomas Mühlnickel: Übernehmen wir. Es klingt, wenn man sich all deine Tätigkeiten anhört, aber jetzt ganz besonders auch die Stiftung noch zum Schluss, das klingt, als wenn du sehr oft abends sehr erschöpft, aber sehr zufrieden ins Bett gehen kannst.
Christian Arbeit: Tatsächlich gehöre ich zu den scheinbar auch weniger werdenden Menschen, die sehr gut einschlafen können. Ich liege also nicht abends noch wach und kriege den Kopf nicht leer und so weiter und so fort. Das spricht für eine gesunde Erschöpfung. Achte auch ein bisschen drauf, dass der Schlaf ausreicht. Im Sinne von, ich bin jemand, der gerne so eine Acht bei der Stundenanzahl zu stehen hat. Und der das auch oft schafft. Ich habe vorhin schon mal beschrieben, dieses, ich kann und will das eigentlich auch gar nicht voneinander trennen, sondern Arbeiten ist, etwas tun, sich betätigen, schöpferisch tätig sein, ist im Grunde ein Wesenszug der Gattung Mensch. Deshalb bin ich für mein Leben und für mich glücklich, ein Feld gefunden zu haben, auf dem sich das alles sehr, sehr gut verbinden lässt.
Thomas Mühlnickel: Die Guten, die diesen Podcast hören, fragen uns ganz oft nach den Folgen, wie kann ich den Gast unterstützen bei dem, was er tut. Du hast gerade schon sehr viel gesagt, man kann euch spenden, man kann aber auch selber tätig werden. Fragen wir es heute mal anders, wie kommt man an euch ran, um euch helfen zu können?
Christian Arbeit: Das Einfachste ist tatsächlich auf die Homepage von Union zu gehen, www.fc-union-berlin.de. Und da findet man dann im Menü ganz oben auch mit einem Klick unsere Stiftung. Und da kann man uns sowohl kontaktieren, wenn man uns was vorschlagen möchte, als auch gerne einfach ein bisschen, Gott, das klingt ja zu kriegerisch, manchmal sage ich dann ein bisschen Munition überweisen. Deshalb sage ich jetzt einfach Geld dazu, weil am Ende hilft es uns, anderen zu helfen. Das ist dann immer so, wir sammeln es und verteilen es an verschiedene Aktionen und Projekte, wo Geld gebraucht wird. Und da, wo Organisation gebraucht wird, kann man auch gerne mittun, beispielsweise.
Solidarisches Land im Jahr 2100: Was Christian sich für die Zukunft wünscht
Thomas Mühlnickel: Zwei Fragen noch, Christian. Was macht dir Mut?
Christian Arbeit: Mut macht mir ganz persönlich zum Beispiel, dass meine beiden Kinder, die inzwischen auch erwachsen sind, einfach auch Lust haben, diese Welt mitzugestalten. Und dann denke ich immer, okay, wenn meine Kinder das tun, dann ist es vielleicht bei den Kindern anderer Menschen auch so und keine Berührungsängste vor Fremdheit, vor Andersartigkeit und so weiter. Das ist etwas, was ich sehr zu schätzen weiß an der jüngeren Generation. Die Angst, die Skepsis vor etwas, was man noch nicht kennt, die nimmt hoffentlich, glaube ich, zumindest so wie ich es erlebe in meinem Umfeld und bei meinen Kindern erlebe, bei den nachwachsenden Generationen ein bisschen ab. Und das ist doch eine gute Basis dafür, als Menschheit gemeinsam in die Zukunft zu gehen.
Thomas Mühlnickel: Wir haben ja eben schon versucht, die Zeitreise über Social Media hinzukriegen, dass wir beide jetzt schon erfahren, wer Weltmeister sein wird. Bis jetzt habe ich nichts empfangen. Versuchen wir Zeitreisen noch einmal anders. Ich habe immer eine Frage zum Schluss.
Thomas Mühlnickel: Wir fliegen jetzt mit einer Zeitmaschine ans Brandenburger Tor und landen da im Jahr 2050 wieder. Was für ein Land sehen wir?
Christian Arbeit: 2050? Ich glaube, das ist zu kurz. Was haben wir? Das sind 24 Jahre nur noch.
Thomas Mühlnickel: Möchtest du ein anderes Jahr haben?
Christian Arbeit: Lass uns mal im Jahr.
Thomas Mühlnickel: Wir können das ändern, das ist super. Entscheide, in welches Jahr wir fliegen.
Christian Arbeit: Wir nehmen mal noch 50 Jahre dazu. Also 2100 nehmen wir jetzt. Und da hoffe ich, dass wir ein Land vorfinden, in dem es uns tatsächlich gelungen ist, Solidarität zum Kern unseres Handelns zu machen. Wo es uns gelungen ist, zu verstehen, dass wir bestimmte Ausprägungen von Armut nicht zulassen dürfen, wenn wir nicht verrohen wollen. Wir können nicht unbeeindruckt und unwidersprochen in den Nachrichten hören, dass die Zahl der Obdachlosen in unserer Stadt hier in den nächsten Jahren um wie viel Prozent auch immer steigt. Das ist nicht akzeptabel. Das ist ein Zeichen für eine unsolidarische und verrohte Gesellschaft. Das geht nicht. Und ich hoffe, dass wir bis spätestens dann viel mehr Bereitschaft haben werden, Spitzen zu kappen. Es braucht keinen super Reichtum und es braucht schon gar keine super Armut, sondern wir müssen anders zusammenleben und ich glaube, ich glaube, dass wir in diesem, dass wir diesen jetzigen Kurs der Konfrontation sozusagen, also dieses Versuchs immer noch auf Schwächere zu zeigen und zu sagen, aber weil die so schwach sind, geht es uns nicht besser so ungefähr. Wir werden erkennen, dass wir damit nicht weiterkommen, dass das die Probleme nicht löst, sondern verschärft und es wird uns gelingen, einen Weg zu finden, solidarischer miteinander umzugehen.
Thomas Mühlnickel: Christian, das hat nicht nur viel Spaß gemacht, das war auch sehr inspirierend. Ich danke dir vielmals für dieses Gespräch.
Christian Arbeit: Dankeschön, dass ich hier sein durfte.