Was läuft schief in unserer Landwirtschaft, Sarah Wiener?

04.07.2025
Folge
12
Zu Gast
Sarah Wiener
beschreibung

Sarah Wiener ist Unternehmerin, TV-Köchin, Stiftungsgründerin und ehemalige EU-Abgeordnete. In dieser Folge von „Damit die Guten gewinnen“ spricht sie über die Krisen der Landwirtschaft, die Macht der Lebensmittelindustrie, Pestizide, Politik – und warum Kochen ein Akt der Selbstermächtigung ist. Mit ihrer Stiftung hat sie über 1,8 Millionen Kinder erreicht und kämpft dafür, dass Ernährung Bildung

Transkript (KI-generiert)

Einleitung zur Vision: Nachhaltigkeit, Landwirtschaft und gutes Miteinander

Thomas Mühlnickel: Sarah Wiener, herzlich willkommen. Schön, dass du da bist.

Sarah Wiener: Ja, ich freue mich auch.

Thomas Mühlnickel: Du kennst diesen Tisch ja schon. Wir haben ja vor ein paar Monaten für einen anderen Podcast schon mal zusammen hier ein paar Stunden verbracht. Und ich freue mich sehr, dass du die Einladung angenommen hast und nochmal wiedergekommen bist für diesen Podcast heute.

Sarah Wiener: Ja, ich fand den ersten schon toll und ich bin gespannt, wie das jetzt wird. Beim zweiten, ein bisschen anderes Thema.

Thomas Mühlnickel: Heute gibt es keinen Wein. Den Wein haben wir gemeinsam bei Invino Wer Wie WAS getrunken. Heute geht es darum, dass die Guten gewinnen. Wer sind denn für dich die Guten?

Sarah Wiener: Hui. Mh. Also die Guten haben auf jeden Fall so bestimmte Eigenschaften, die sie einen. Ganz vorneweg würde ich sagen, eine allgemeine Menschenliebe. Die Guten sind in meinen Augen auch die Vernünftigen, die sich aber auch sozialgesellschaftlich engagieren. Muss aber nicht sein. Es gibt ja auch eine gute Großmutter, die ihre vielen Enkelkinder ein angenehmes Leben bereitet oder eine Kindermutter, die auf vernachlässigte Kinder aufpasst und so weiter.

Thomas Mühlnickel: Aber gut tut immer was für die anderen.

Sarah Wiener: Lass mich mal nachdenken. Ich möchte nicht jetzt automatisch Ja schreien. Ja, gibt es vielleicht auch gute Mönche, die in der Einsamkeit leben und dann aber auch zum Beispiel eine gute Mitwelt oder Umwelt schaffen oder zu Tieren sind. Also zu Lebewesen, zu Pflanzen. Es müssen vielleicht nicht immer nur Menschen sein.

Sarah Wiener: Von der Sozialhilfe zur Unternehmerin und EU-Politikerin

Thomas Mühlnickel: Ich möchte mit dir heute gerne über deine Stiftung sprechen, die du gegründet hast und über dein politisches, gesellschaftliches Engagement. Aber vorneweg einen Punkt. Du hast ja eine echte Aufsteigerbiografie. Du bist mit 17 vom Internat runter, bist durch Europa getingelt. Irgendwann kamst du mal in Berlin an und hattest eine wirklich schwierige Zeit. Du hast in Berlin alleinerziehend gelebt, auch von Sozialhilfe und wusstest nicht so richtig, wie geht es eigentlich weiter. Und dann kam irgendwann diese große Karriere, auch dieses Bekanntwerden von Sarah Wiener. Wie fühlt sich das für dich an? Du kennst beide Seiten des Lebens eigentlich. Du kennst es, wenn es schlecht läuft und du kennst es, wenn es richtig gut läuft. Wie nimmst du das in dir selber mit?

Sarah Wiener: Das war natürlich schon toll. Also mir ist es so lieber als umgekehrt, dass ich erst mal ein gutes Leben hatte und jetzt Sozialhilfeempfängerin und allein bin. Das war schon das... Also ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage, aber das ist schon eine große, große Dankbarkeit fürs Leben, für alles, was passiert ist. Dass ich noch da bin, dass ich so viel überlebt habe, dass so viele Menschen nett sind, dass mir so viele Menschen zugehört haben, dass sie mich auch aufgebaut haben, dass sie einfach so freundlich zu mir sind, auch Wildfremde auf der Straße. Das habe ich aber auch erst gemerkt ein bisschen später, in dem Moment, wo jetzt das Leben so wild ist, dadurch entweder, dass du permanent in den Medien bist oder ganz viel passiert jeden Tag, sodass du gar nicht reflektierst, welches Leben du gerade führst und mit wem du da jetzt zusammen bist oder was du tust. Und das rauscht dann so vorbei. Das sind dann die Momente, wenn du dann ein bisschen Ruhe hast oder mal dich umdrehst und schaust, wie war dein Leben oder was hast du jetzt gerade gemacht, dass du denkst, du hast aber echt ein Glück gehabt in gewisser Weise.

Thomas Mühlnickel: Nach allem, was ich aus deiner Biografie kenne, auch aus unserem Gespräch vor ein paar Monaten im anderen Podcast, mein Gefühl für Sarah Wiener ist, never give up und einfach machen. Sind das die beiden Überschriften bei dir?

Sarah Wiener: Naja, ich kann ja nicht aufgeben. Was ist denn dann? Es hält mir ja niemand meine Hand. Aufgeben ist ja für niemanden wirklich eine Option. Und das andere einfach machen liegt daran, dass ich so wenig Strukturen habe. Ich bin einfach nicht ein Planer, das ist mir zu mühsam. Ich bin eher impulsiv und wenn ich denke, ich bin auch so ein Instinktmensch, das finde ich jetzt richtig oder wichtig, dann mache ich es einfach. Es gibt Menschen, da sind ja Prokrastinierer, das bin ich manchmal auch, also privat. Da willst du nicht aufstehen und ach, du willst das Buch lesen, du freust dich eigentlich schon, nicht jetzt. Und ach, da gehe ich erst mal in den Garten, da zupfe ich ein bisschen Unkraut. Ach, dann könnte ich ja noch irgendwie Knödel machen. Jetzt muss ich das noch über... Na, mache ich später. Also das habe ich schon auch, aber es gibt Leute, die sind sehr strukturiert und machen Pläne, nehmen sich etwas vor, denken schon über Jahre manchmal voraus und sagen dann, okay, das ist First Step, das ist der zweite Schritt und dritte. Das hatte ich nie. Ich sage, es muss bei mir immer ganz einfach sein und ich analysiere auch nicht, ist das machbar, sondern wenn ich einen Weg finde, irgendeinen da anzufangen, dann fange ich an. Und das hat Vorteile und es hat Nachteile.

Die Sarah-Wiener-Stiftung: Ernährungsbildung und Chancengleichheit für Kinder

Thomas Mühlnickel: Und gleichzeitig bist du keine Egoistin. Überhaupt nicht. Du startest, also nach vielen Jahren im Filmcatering und Cateringaufträgen und so weiter, startest du deine Fernsehkarriere und 2004 geht es so richtig ab bei dir und es dauert, ich glaube, zwei oder drei Jahre, bis du schon deine eigene Stiftung gründest.

Sarah Wiener: Nein, ich glaube, das ist so lieb, dass du das sagst, aber ich glaube schon, dass ich in gewisser Weise ein Egoistin bin. Ja? Ja, also privat, ich wollte, ich habe schon immer geschaut, dass ich nicht zu kurz komme in dem, was ich machen wollte. Ich hätte nie für einen Mann, wäre ich nie zu Hause geblieben und hätte ihm dann die Hemden gebügelt zum Beispiel. Das ist vielleicht ja auch eine Art von Egoismus oder. Ich stelle mich auf die Hinterfüße, wenn ich etwas nicht gut finde. Aber ich finde das gar nicht unbedingt negativ, eine bestimmte Art von Egoismus. Auf der anderen Seite, als ich 2004 meine Stiftung gegründet habe, das war mir wichtig, weil ich schon davor, ich meine, das ist jetzt schon ein bisschen her, aber davor war ich eigentlich wütend über die Nahrungsmittelindustrie, über das Gepansche von Nahrung, wie Tiere, also Kulturtiere behandelt werden, wie wir mit unseren Böden umgehen und dass ich nicht weiß, was ich esse. Aber ich muss ja essen. Und dass das ganze System, dieses agroindustrielle System, ein bisschen aus dem Ufer gelaufen ist, von den 60ern angefangen, 70er ganz schlimm, 80er. Und deswegen dachte ich ja, jetzt kannst du natürlich immer dich mit einem Schild und einem Megafon hinschauen und dann niederschreien, also die beschissene Nahrungsmittelindustrie. Oder gibt es irgendetwas, was ich machen könnte, was der Gesellschaft nützlich wäre, was vielleicht die Werte unterstützen würde, die ich gut finde. Und dann dachte ich, ja, anderen Kochen beibringen, dann sind sie unabhängig. Und erst wollte ich so bestimmten Gruppen Kochen beibringen, von denen ich gedacht habe, die sind vernachlässigt. Also Witwen, Witwer, geschiedene Leute, Leute, die nie die Möglichkeit gehabt haben, aus welchen Gründen auch immer kochen zu lernen, die unabhängiger zu machen. Das war meine allererste Idee, aber dann dachte ich ja auch alte Menschen, wo dann der Partner stirbt. Und dann dachte ich, das lässt sich nicht verwirklichen oder das wird keine Wirkung haben, weil wie viele kann ich erreichen? Wo finde ich die? Und ja, da könnte ich eigentlich auch zu meinem Nachbarn gehen und dem Kochen beibringen, brauche ich keine Stiftung. Und dann dachte ich ja, was wirklich sinnvoll wäre und was auch eine gesellschaftliche Veränderung sein könnte, ist, wenn man Kindern kochen beibringt, nicht nur kochen beibringt, sondern sie auch verbindet wieder mit Lebensmitteln, mit dem Ursprung, was sind Grundnahrungsmittel, was sind Kochtechniken, wie entsteht etwas, auch auf den Bauernhof schickt. Aber auch so Sekundartugenden wie Tischmanieren, Teilhabe. Soziale Rücksichtnahme, aus dem gleichen Topf zu essen und sich dann auch auszutauschen und zuzuhören. Da ist eben das Essen als erste kulturelle menschliche... Das ist Regung, wie ich finde, wirklich der Pfeiler unserer Demokratie und unseres Miteinanders.

Kochen als politischer Akt: Ernährung, Demokratie und gesellschaftliche Teilhabe

Thomas Mühlnickel: Ich finde, Ernährung wird auch komplett unterschätzt in der Bildung bei uns. Für mich ist es wie Zähneputzen oder wie zu wissen, dass man sich gelegentlich mal waschen sollte, damit man irgendwie auch gesund bleibt. Und dass man gelegentlich auch mal schlafen sollte, möglichst einmal am Tag acht Stunden, damit man gesund bleibt und fit bleibt und klar im Kopf ist. Gehört es ja auch dazu, zu überlegen, was tue ich mir den ganzen Tag da rein. Weil am Ende geht das in uns ja auch, was wir essen. Und das formt den Körper, das formt auch den Geist. Und einfach nur Dinge zu erwärmen, ist nicht kochen.

Sarah Wiener: Ja, ich muss dir da recht geben. Das ist so, und das ist total unterschätzt, weil wir denken, wir essen ja alle und wir müssen essen. Also wo ist da die Bildung? Dass wir geprägt sind von der Sozialisation, von unseren Eltern oder von unserer Umgebung, Nahrungsmittelumgebung und auch nur das essen können, was wir kennen oder was uns angeboten wird, das ist uns gar nicht bewusst. Dass wir schon die Möglichkeit, die Vielfalt auch in der Ernährung so stark eingeschränkt haben. Mittlerweile sind 90 Prozent aller Essbaren-Pflanzen, aller Sorten, Rassen schon über die Wupper gegangen, über die Donau, weil sie dank einer agroindustriellen Struktur, die Hybride macht, die müssen einfach viel Ertrag bringen, die müssen Gleichmaß haben, die müssen lagerfähig sein, ist einfach ganz, ganz viel an Vielfalt verloren gegangen. An Geschmack, aber auch, was lässt sich schnell einfach billig anbauen und was lässt sich auch global handeln. Und da gibt es eben Erdbeeren wie die Mieze Schindler, die lässt sich eben nicht, die musst du am gleichen Tag essen. Schmeckt wahnsinnig gut, aber kannst du nicht handeln. Also hinfort damit. Und so ist es mit Tomaten. Wir haben fast nur noch eine Sorte Spargel. Wir haben extrem viele Sorten, auch an Gemüse und Obst, die wir gar nicht mehr kennen und die wir auch gar nicht mehr anbieten, sondern nur noch ganz wenige Saatgutbörsen oder Privatzüchter, die es lieben und die sich das als Lebensaufgabe gemacht haben, diese Vielfalt zu retten. Ansonsten ist das alles vorbei und das ist nicht nur schlimm für die Individualität in der Vielfalt, die ja eine Parallele ist unter den Menschen. Wenn ich Vielfalt liebe, weil ich die Vorteile davon sehe, dass mir viel mehr zur Verfügung steht, ich mich anders verbinden kann, ich so sein darf wie ich bin, weil ich lass dich ja auch so sein, wie du bist und das ist ein gegenseitiger Respekt und Freude, ist das auch so ein bisschen mit den Lebensmitteln mit anderen lebendigen Organismen und. Ich sehe da so die Parallelen von der Abschaffung und der Uniformität im Essen, genauso wie unter den Menschen, in der Mode, im Geschmack, in der Kultur. Nur, dass ich denke. Gute Lebensmittel zu verteidigen und das Kochen beizubringen, um selber wählen zu können, was viele nicht mehr können, weil sie fremdgefüttert werden, ist auch eine Art demokratischer, revolutionärer Akt gegen das Gleichmaß und gegen die Vernichtung von Vielfalt.

Warum Ernährung Bildung ist und wie sie unsere Gesellschaft stärkt

Thomas Mühlnickel: Und ihr habt jetzt in knapp 20 Jahren, ich habe es gelesen, 18 Jahren knapp 1,6 Millionen Kinder zur Partizipation an eurem Programm gebracht. Das ist eine verdammt große Zahl.

Sarah Wiener: Ja, wir sind die Deutschland größte Ernährungsinitiative, also die Stiftung, die die meisten Kindern ab drei Jahren Kochen beigebracht hat. Aber wir machen eben auch Bauernhoffahrten, wir sind aber auch in Familienzentren. Also wir machen sehr, sehr viele verschiedene Dinge in Ernährung. Und mittlerweile sind schon 1,8 Millionen. Also das machen wir dadurch, dass wir Pädagogen, Erzieher, alle Menschen, die mit Kindergruppen zu tun haben, weiterbilden, kostenlos und sie unterstützen, dann mit diesen Gruppen zu kochen und geben ihnen Rezepte, geben ihnen einen Plan in die Hand. Wie können sie das machen? Wir haben auch eine große Seite Familienküche, wo sich auch Familien anregen können. Zum Beispiel, was machst du beim Kindergeburtstag, wenn du nicht immer nur Torten, Chips und Popcorn und Würstchen und Eis haben willst oder für Schulfeste. Also das geht weit, weit. Die Basis ist schon, also der Untertitel war von meiner Stiftung für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen. Und das trifft es eigentlich ganz gut. Unaufgeregt, niedrigschwellig, ohne irgendeinen großen politischen, moralischen Überbau. Einfach das machen, was vernünftig ist, nämlich frisch, gesund, vielfältig, köstlich, schmackhaft zu kochen und dann das zu verputzen mit Freunden.

Wirkung zeigen: Erfolgsgeschichten aus 1,8 Millionen Kochbegegnungen

Thomas Mühlnickel: Gibt es diese Momente, wo du Rückmeldungen bekommst von Eltern oder auch Kindern, das hat mir wirklich was gebracht und dass du diesen Impact wirklich merkst und sagst, okay, ich habe da wirklich was Gutes ins Leben gerufen. Hätte ich diese Idee der Stiftung vor 18 Jahren nicht gehabt, hätten diese 1,8 Millionen Kinder das alles nicht gehabt?

Sarah Wiener: Ja, es gibt welche, die mir gesagt haben, sie sind aufgrund des Kochkurses dann später auch Koch geworden. Das ist eher die Ausnahme. Aber es gibt sehr viele Kinder, die auch sagen, jetzt dadurch, dass ich das gelernt habe, koche ich mehr zu Hause auch mit den Eltern. Oder es jetzt mehr Vollkorn. Also solche, das sind, finde ich, schon tolle Erlebnisse, wenn das denen schmeckt. Und einfach das Geschmacksgedächtnis von Kindern zu erweitern. Und vielleicht einen Samenkorn zu legen, was erst in 20 Jahren aufgeht. Es ist jetzt nicht so, dass ich auf die Suche gehe nach ehemaligen Kochkindern, sondern es ist das, was mir Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Kindergärtner erzählen, was sie für Erlebnisse haben, dass dann Kinder zum Beispiel einen eigenen Schulkiosk ändern möchten und gesünder gestalten möchten oder selber mehr kochen oder solche Sachen. Sachen, die abfallen, wie dass schwierige Kinder viel besser integriert werden und Erfolgserlebnisse beim Kochkurs haben.

Thomas Mühlnickel: Was habt ihr denn so besonders richtig gemacht, dass ihr es geschafft habt, mit dieser Sarah Wiener Stiftung die größte Stiftung dieser Art in Deutschland zu werden? Und ich glaube, es sind knapp drei Dutzend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen inzwischen. Das ist schon für eine Stiftung auch ein großes Rad, das hier dreht.

Sarah Wiener: Ja, zum einen, das ist der BARMER als unser Partner in diesem Ich-Kann-Kochen-Projekt zu verdanken. Das muss man ganz klar sagen. Ohne die, also man kann viele gute Ideen haben. Einer muss es machen und einer muss es zahlen. Und ohne die BARMER wäre diese Skalierung in dieser Größe nicht notwendig gewesen. Natürlich sind das auch, wir haben ja angefangen, also ich habe angefangen nur als Idee und kannte auch niemanden und wusste auch nicht, wie macht man jetzt eine Stiftung. Ich wollte aber eine Stiftung machen, weil ich wollte auch für mich ein, wie sagt man, ein Commitment, ein, das ist ja so deppert immer diese englischen Wörter, ein, was heißt ein Commitment? Ein dabei sein, ein sich verpflichtet fühlen. Genau, eine Verpflichtung für mich selber zu machen, dass ich nicht nach ein paar Jahren abspringe. Ich wollte einfach sagen, das ist sowieso, das ist mein Leben immer, das ist wichtig. Du musst auch etwas bei deinem ganzen Glück, etwas machen, von dem du wirklich tief in der Seele überzeugt bist, dass es wichtig und richtig ist. Gerade so Ernährung ist ein hart vernachlässigtes Thema, weil uns nicht bewusst ist, dass was wir heute essen ist. Gar nicht in einem Jahr vorhanden sein wird, weil es muss erst angebaut werden, es muss erst wachsen, es muss irgendwie vielleicht auch verarbeitet werden, sodass, wir leben in einer Zeit der Fettlebe, die immer gefährlicher wird durch Wetterextreme, der Klimakrise. Wir haben Probleme mit Pestiziden. Wir haben Probleme eben mit Einfalt. Das macht dann natürlich auch bestimmte Systeme besonders anfällig. Da muss es aber auch Menschen geben, die dagegenhalten und sagen, wir wollen jetzt Handwerk schützen. Wir wollen die Vielfalt schützen. Wir wollen die Möglichkeiten schützen. Wir wollen aber auch den Zusammenhalt zwischen verschiedenen Gruppen schützen. Es ist kein Zufall, dass ich meine kulinarischen Abenteuer gemacht habe, wo ich in der Welt herumgefahren bin und mich mit regionalen Menschen, Privatfamilien, Bäuerinnen und Bauern, Produzenten verbunden habe, um ihre bestimmte Art etwas zu machen, zu ehren und fasziniert zu sein und da Brücken zu schlagen, auch zu meinem Nichtwissen oder zu allen anderen.

Thomas Mühlnickel: Das ist ja auch ein Trend, der seit vielen Jahren oder seit einigen Jahren zumindest stark wiederkommt, mehr lokal zu kaufen, regional anzubauen, regional zu verzehren und nicht unbedingt sich die Papaya kommen zu lassen oder die Maracuja, die halt nun mal in der Uckermark nicht wächst, sondern vielleicht mal die Dinge von zu Hause anzubauen.

Sarah Wiener: Also regional nehmen wir dann gerne die Erdbeeren und Spargel, wenn die Saison ist, aber so eine kleine Mango oder eine Papaya. Sagst Du auch nicht nein. Naja, es ist schwierig, weil ich habe mich natürlich besonders damit beschäftigt, aber probiere mal wirklich saisonal und regional im Jänner und Februar dich zu ernähren. Außer Kartoffeln und Feldsalat und Kohl ist da nicht viel.

Thomas Mühlnickel: Ich komme aus Norddeutschland, wir essen halt Tag und Nacht Grünkohl dann.

Sarah Wiener: Das ist, ich meine, vielleicht müssen wir das eh wieder eines Tages machen. Ich will jetzt nicht päpstlicher sein als der Papst. Ich bewundere Leute, die sagen, also Frau Wiener, ich lebe wirklich nur saisonal, regional und ökologisch und dann auch noch Vollkorn. Das wäre ja auch sehr gesund und ist wichtig. Ich bewundere Menschen, die wirklich so strikt sind. Ich baue mein eigenes Gemüse zum Teil an. Ich koche ein. Ich mache sehr viel. Ich habe ein nachhaltiges Holzhaus. Also ich mache sehr, sehr viel in der Nachhaltigkeit. Aber beim Essen werde ich ab und zu bei anderen Sachen schon schwach.

Thomas Mühlnickel: Vielleicht sind wir bei dem Thema. Vielleicht muss man da auch gar nicht radikal sein. Ich meine, wir pfeffern auch unser Essen und ein Curry ist auch was Leckeres. Und das ist ja auch alles vollkommen in Ordnung. Ich glaube, die Frage ist immer, welches Maß nimmt man? Brauche ich im April die eingeflogene Erdbeere aus Peru? Nein, die brauche ich wahrscheinlich eher nicht. Das ist, glaube ich, eher das Thema, wo wir aufpassen.

Sarah Wiener: Ich glaube, die Leute sind sich gar nicht bewusst, weil sie nicht wissen, was es heißt, eine eingeflogene Erdbeere. Oder warum vegan essende Leute denken, sie tun der Welt etwas Gutes, wenn sie Quinoa aus Peru importieren, aber es sich nicht im Klaren sein, dass es jetzt für arme Peruaner das Grundnahrungsmittel war und das jetzt so ein Kilo so viel kostet dort wie ein Kilo Huhn. Also es hat alles seine Auswirkungen, alles was wir machen und ich möchte jetzt auch nicht sagen, wir sind jetzt so kalvinistisch und geißeln uns selber und das Leben besteht nur aus Strafe und Bürde und Auspeitschen, nämlich sich selber. Aber es geht schon, finde ich, um ein bestimmtes Bewusstsein, weil nur wer weiß, kann auch wählen und entscheiden. Darum geht es in erster Linie. Und dann muss man sich selber ehrlich fragen, was kann ich machen, was ist mir wichtig, was bin ich bereit zu machen und welche Welt will ich vielleicht auch den Liebsten meinen eigenen Kindern, Kindeskindern hinterlassen oder ermöglichen. Oder sage ich einfach heute alles, morgen nichts. Das ist, da würde ich schon sagen. Ein paar verbindende Werte und nochmal eine Überlegung, jemand anderen etwas Gutes zu tun, auch wenn der vielleicht noch nicht auf der Welt ist, ist doch, ist vielleicht eine atavistische Vorstellung von Gemeinsamkeit, aber mir macht das Freude, wenn ich weiß, dass ich da auf andere Rücksicht nehmen kann oder ihnen nochmal was Gutes tun kann.

Unterstützung für die Stiftung

Thomas Mühlnickel: Absolut. Wenn die Menschen, die uns zuhören oder gerade zusehen, das Gefühl kriegen, das passiert sehr oft in diesem Podcast, das Gefühl kriegen, ich würde das gerne unterstützen, was Sarah da mit ihrer Stiftung tut. Was kann jeder oder jede Einzelne tun, um euch zu unterstützen?

Sarah Wiener: Also zum einen, wir sind ja gemeinnützig, wir leben von Spenden und wir sind eigentlich eine arme Stiftung. Wie gesagt, ich habe angefangen damals einfach, um ins Tun zu kommen und nicht, weil ich Geld hatte. Also zum einen freuen wir uns natürlich über jede Spende, muss man sagen. Aber wir freuen uns auch, wenn es da draußen Pädagogen gibt oder Kindergärtnerinnen oder Tagesväter, Mütter, die sagen, hey, das schaue ich mir an, ich lasse mich auch weiterbilden. Ich möchte jetzt auch mal mit einer Gruppe kochen. Oder ich gehe jetzt auf familienküche.de und bin jetzt so angespitzt, dass ich heute Abend oder morgen meine Enkelkinder nehme oder meine Frau, was auch immer, die Oma. Und dann kochen wir zusammen und zwar mit Grundnahrungsmitteln und machen uns einen schönen Abend.

Thomas Mühlnickel: Toll. Das sind gute Dinge. Da gucke ich heute Abend gleich mal drauf. Magst du mir kurz fünf Sätze vervollständigen?

Sarah Wiener: Ja.

Thomas Mühlnickel: In der Öffentlichkeit beeindruckt mich derzeit

Sarah Wiener: Oh, in der Öffentlichkeit? Die Kraniche in der Uckermark und die Störche.

Thomas Mühlnickel: Die da herumfliegen?

Sarah Wiener: Ja.

Thomas Mühlnickel: Stimmt, wir zeichnen gerade im Mai auf, das ist gerade die Zeit, wo sie so unterwegs sind. Stimmt, ja, genau. Wenn man zuhört, ist Anfang Juli, ist das egal. Du siehst sie jetzt im Mai, siehst du sie fliegen, das ist ja in Ordnung.

Sarah Wiener: Ja.

Thomas Mühlnickel: Schön, also man sieht sie nicht überall fliegen, leider.

Sarah Wiener: Nee, und gestern war ich spazieren, da siehst du manchmal hunderte Kraniche. Das ist irre, wie die dann sich in die Lüfte schwingen, das ist toll.

Thomas Mühlnickel: Über Deutschland denke ich.

Sarah Wiener: Positiver als viele Nörgler es jeden Tag machen.

Thomas Mühlnickel: Wir sollten mehr Wert legen auf

Sarah Wiener: Zuhören liebevolles miteinander, gutes Essen.

Thomas Mühlnickel: Der nachfolgenden Generation rate ich.

Sarah Wiener: Sich miteinander mehr zu verbinden und die Alten nicht ganz zum Rand zu schieben, weil das werde ich dann sein.

Thomas Mühlnickel: Das wird dir nicht passieren. Morgen wird besser als heute, weil...

Sarah Wiener: Der Sommer kommt.

Sarahs Weg ins EU-Parlament

Thomas Mühlnickel: Der Sommer ist immer ein gutes Lockmittel. So, jetzt hast du, damals diesen NVA-Wagen, diese NVA-Küche gekauft und damit dein Film-Catering aufgemacht, hast, später ein echtes großes Unternehmen gegründet, mit deinem Catering-Unternehmen, das ja weit über Film-Catering irgendwann hinausging, das war ein großer Laden, du wurdest der weiten Öffentlichkeit sehr bekannt als TV-Köchin, hast viel im ZDF und so gekocht und dann kommt irgendwann der Tag, wo du sagst, jetzt gehe ich auch noch ins EU-Parlament. Wie bist du denn auf die Idee gekommen?

Sarah Wiener: Ich bin nicht auf die Idee gekommen. Die österreichischen Grünen sind auf die Idee gekommen und haben mich gefragt, ein Monat vor der Wahl.

Thomas Mühlnickel: Ein Monat vor der Wahl?

Sarah Wiener: Ja. Jetzt muss man wissen, die wären wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, wenn sie nicht gerade aus dem Parlament geflogen wären und bei 2,5 Prozent standen. Und die brauchten einfach ein bekanntes, sympathisches Gesicht, also nicht mein Zitat, und haben dann gesucht, wer gibt sich her. Und also so stelle ich mir das vor, mir haben sie es natürlich ein bisschen anders erzählt, aber ... Ich fand, also sie haben mich gefragt, willst du Europaabgeordnete werden? Und ich wusste nicht viel vom Europaparlament oder von der Europapolitik, aber ich wusste, dass dort die Landwirtschaft verhandelt wird und deswegen auch die Ernährung und dass Rechtsradikale auf dem Vormarsch waren. Das war mir alles wichtig. Und dann dachte ich mir, also ich habe mich ja nie beworben, dass das Schicksal will, dass ich ins Europaparlament gehe. Also wirklich so, wenn ich jetzt gläubig wäre, würde ich sagen, ja, Gott hat mir so einen Blitz gesandt und dann musst du das machen. Gut, also ich sage, das Universum hat das gut mit mir gemeint und dann dachte ich, ja, dann muss ich das machen.

Thomas Mühlnickel: Und dann wirst du 2019 Europaabgeordnete, kommst nach Brüssel und Straßburg.

Sarah Wiener: Ja, was ja schon irre war, weil niemand dachte, wir brauchten, ich war ja als Spitzenkandidatin die erste Frau, aber für meinen Platz hat es ja mindestens neun Prozent gebraucht. Und dann hatten wir 14,5 am Ende. Und dann, das war, aber ich war mir sicher, dass ich reinkomme, weil sonst hätte das ja gar keinen Sinn gemacht, dass ich mir das antue.

Thomas Mühlnickel: Das ist natürlich vollkommen richtig, das musst du so sagen.

Sarah Wiener: Ja, da bin ich nach Brüssel und Straßburg gegangen zum ersten Mal in meinem Leben ins Europaparlament.

Thomas Mühlnickel: Ein riesen Raumschiff, tausende von Mitarbeitenden und Sarah Wiener, die vorhanden Politik, die immer engagiert war, aber nie politisch unterwegs war, sitzt plötzlich im Europaparlament. Wie ist das, wenn man da plötzlich in diesem riesigen Sitzungssaal sitzt?

Sarah Wiener: Der Sitzungssaal ist ja nicht so groß, da passen ja zwischen, also im Plenarsaal passen da irgendwie tausend Leute rein oder so.

Thomas Mühlnickel: Bisschen mehr als hier im Studio.

Sarah Wiener: Aber das ganze Gebäude ist so verschachtelt, dass ich nach fünf Jahren noch immer nicht genau weiß, wo irgendwas ist. Also kaum jemand weiß das. Du kommst Dir ja vor wie bei Kafka, du rennst durch irgendwelche Gänge und dann gibt es so viele Aufzüge. Auf einmal ist da der fünfte Stock der fünfte Stock und beim anderen Aufzug ist es der sechste Stock und dann gibt es Halbstöcke. Also es ist wirklich irrsinnig. Es ist wirklich groß. Es ist für mich eine total ungesunde Umgebung. Die Büros waren frisch renoviert. Es stankt da wirklich nach Plastikteppich und nach Kleber. Also ich bin da ja sowieso ein bisschen picky. Und ich war da total naiv. Ich dachte mir, jetzt bin ich Europapolitikerin, da habe ich jetzt irgendwie so ein riesen Büro mit einer Vorzimmerdame, und dann kommst du in so ein Doppelklo, wo dann zwei Leute drinnen sitzen und dann zum Teil, also das erste Büro, das hat ja nicht mal ein Fenster nach außen, sondern in den überdachten. Komplett versiegelten Innenhof.

Thomas Mühlnickel: Auf so einem Kreuzfahrtschiff.

Sarah Wiener: Fast schlimmer, ja, okay. Kreuzfahrtschiff, glaube ich, gibt es sogar Kabinen ohne Fenster oder so. Ich glaube, ja, ja. Und dafür zahlt man dann auch noch. Na gut. Das war wirklich ein harter Realitätscheck, weil ich ja, wie so viele andere, denke, die Politiker, die haben da alle so die Fettlebe und die werden da so gebauchpinselt und ich sitze dann so, da schreitet dann jemand durch die Tür und geht da zehn Meter auf mich zu. Ich glaube, das ist nicht mal bei der Bundeskanzlerin so gewesen. Aber so naive Vorstellungen, die ich hatte. Und das Erste, was war, war einfach zu lernen, wie funktioniert Europapolitik. Ich musste sofort Englisch lernen. Mein Englisch war rudimentär, so hello, I love you, thank you. Mehr war nicht. Und ich musste verstehen, wie macht man Gesetze? Was ist Trilog? Wofür ist die Kommission da? Wie viele Länder gibt es überhaupt? Also das war wirklich für jemanden, der ja immer gekocht hat und auch mit den Händen gearbeitet hat und zwar Unternehmerin war und ernährungspolitisch immer schon wirklich hart gekämpft hat und informiert war, hast du jetzt auf einmal 3000 Themen. Jeden Tag ein neues Thema. Und ich war ja im Landwirtschaftsausschuss und im Umweltausschuss und Das, was noch ein Glück war, weil oft, nicht oft, aber manchmal kannst du noch nicht mal die Ausschüsse dir aussuchen, in denen du sein willst, weil sie ja alle limitierte Plätze haben. Also musst du dich dann, gerade im Umweltausschuss will ja eigentlich fast jeder Grüner sein. War das noch ein Glück, dass ich in meinen zwei Lieblingsausschüssen war?

Thomas Mühlnickel: Da könnte auch die Prominenz dann geholfen haben.

Sarah Wiener: Nein, glaube ich nicht. Ein bisschen. Naja, ich war ja erst auch im Verbraucherausschuss, weil ich gedacht habe, das ist mein Thema. Dann habe ich gemerkt, das ist so technisch und da geht es überhaupt nicht um Ernährung. Und dann habe ich eben noch Umweltausschuss dazugenommen. Aber die haben gesagt, ja, du kannst doch in den gehen. Dann sage ich, ja klar, ich kann gerne in den Transportausschuss gehen, nur habe ich null Ahnung. Also wenn du nicht willst, dass das Mandat vergeudet ist, interessiert mich jetzt auch nicht so. Kann ich immer nur mit anderen mitstimmen oder glauben, was die anderen sagen, aber wenn ihr wirklich wollt, dass da was passiert oder dass ich wirklich, also mich fachlich auch einmische, dann bitte die einzigen Ausschüsse, wo ich Ahnung habe. Und das haben die dann auch eingesehen.

Sarah Wiener im EU-Parlament: Kampf für Agrarwende und gegen Pestizide

Thomas Mühlnickel: Haben die fünf Jahre, die du da verbracht hast, deinen Respekt, deine Achtung vor der Arbeit im EU-Parlament gesteigert oder hast du eher eine größere Distanz dazu entwickelt über die Zeit?

Sarah Wiener: Also das ist unfassbar, was da gearbeitet wird. Nicht von allen, das muss man auch sagen. Also erstmal die Opposition, wenn sie ernsthaft ist und nicht nur immer Nein schreit, sondern wirklich tatsächlich Vorschläge oder Gegenvorschläge macht, arbeiten die, sehe ich Tag und Nacht, das Laiberl aus dem Körper. Das ist schon alleine eine rechnerische Rechnung. Der konservative Ausschuss EPP hat vielleicht 200 Mitglieder. Die Grünen oder die Linken oder jemand, der hat vielleicht 60, 70, 40 Leute. Diese 40 Leute müssen genau die gleiche Arbeit machen wie die 200. Das heißt, schon allein wenn du in einer wenig bist und in einer Opposition musst du zehnmal so viel arbeiten qua Physik. Dann ist es so, dass es ja so ist, wenn du in einer Fraktion bist, wo die Macht zementiert ist, kannst du dich auch hinstellen und einfach sagen, das haben wir immer so gemacht, wir brauchen nicht die Mehrheit, das lassen wir jetzt so. Wenn du etwas ändern willst, dann musst du wirklich mit allen Wassern gewaschen sein. Du musst die Studien kennen, du musst irgendwie wirklich auf dem Zahn der Zeit mit der Wissenschaft sein. Du musst mehr reden, du musst mehr kämpfen, du musst dich mit der Zivilgesellschaft verbinden, du musst dich mit den Unis verbinden, du musst dich mit anderen Ländern verbinden, um deine Idee überhaupt populär zu machen.

Thomas Mühlnickel: Vielleicht noch mit den Lobbyisten sogar.

Sarah Wiener: Ja, ja, klar. NGOs sind ja auch auf einer gewissen Art Lobbyisten, gibt es ja alle möglichen. Also Interessensvertreter ist ja mal verständlich, dass es welche gibt. Es ist halt nur ein starkes, starkes Gleichgewicht von Manpower und von Geld. Die einen haben eineinhalb Stellen, sind eine NGO, die sich idealistisch totkämpft mit 5000 Euro Jahresbudget und die anderen geben jedes Jahr 50 Millionen aus und sind 35. Also umso mal gerade in der Landwirtschaft. Älteste Lobby in der EU.

Thomas Mühlnickel: Laute Lobby.

Sarah Wiener: Laut Lobby. Und ich muss jetzt aufpassen, was ich sage, weil ich habe ja auch da gearbeitet und mich mit einigen unterhalten oder habe einiges erlebt, um da jetzt nicht zu emotional zu werden. Aber lasst es mich euphemistisch so sagen, da ist doch ein großes Ungleichgewicht und Bäuerinnen und Bauern sind oft mental, praktisch, seelisch viel, viel weiter als Agrarfunktionäre und Agrarpolitiker. Gerade die, die einfach schon zu lange an der Macht sind. Das ist ein Machtproblem. Wenn du zu lange an der Macht bist, dann versteinerst du, verknöcherst du, du wirst, saturierst und denkst, du brauchst auch dem anderen nicht mal zuzuhören. Weil wozu? Das ist ungesund für eine Demokratie und ungesund für die Innovationen und für wirklich auch die Offenheit wieder anderen gegenüber.

Hinter den Kulissen der EU-Politik: Landwirtschaft, Lobbyismus & Realität

Thomas Mühlnickel: Und ich glaube, trotzdem lernt man auch aus so einem parlamentarischen Betrieb oder auch aus so einer Landwirtschaft, die in Teilen zumindest in der Funktionärsschicht etwas verknöchert ist, das steht da Tropfen und steht es Voranarbeiten und etwas tun, etwas vorschlagen, etwas machen, am Ende ja auch was verändert und man auch vorankommt. Es einfach zu akzeptieren wäre ja schlecht und das ist ja nicht das Sarah-Wiener-Prinzip.

Sarah Wiener: Nö, also zum einen gibt es ja verschiedene Sachen. Wenn du weißt, du bist die absolute Minderheit und es gibt kaum jemanden, der deiner Meinung ist, ist es schon hilfreich manchmal das Schlimmste zu verhindern. Ja. Zum anderen gibt es auch in der Industrie und auch bei Konservativen offenen Menschen, die wissen, dass es andere Konzepte gibt, andere vielleicht Lösungen, die man nicht so genau anschauen möchte. Aber wir wissen ja, wir haben eine Biodiversitätskrise, wir haben eine Klimakrise. Hochleistungssorten nehmen ab. Wir haben wirklich ein Umweltgifteproblem. Wir haben 99 Prozent der Vergiftungen im globalen Süden. Wir haben ein Ernährungsproblem, ein Ernährungsgerechtigkeitsproblem. Also wir haben ja so viele Sachen, da niemand sagt, wir müssen was ändern, weil alles so toll ist, sondern weil wir einfach auch zum Teil an die Grenzen unserer Ressourcen und unserer Möglichkeiten kommen. Auch mit Mineraldünger. Manche Städten sind einfach begrenzt und man weiß, in 20, 30 Jahren haben wir auch ein Phosphatproblem, wie auch immer. Also wo stehen da, wo sind da die Lösungen? Da muss man reagieren. Jetzt kann man die Augen zumachen und sagen, du siehst mich nicht. Oder man versucht dann doch mit der Zeit zu gehen und natürlich wird sich die Innovation und die Zeit durchsetzen.

Realistische Zukunftsbilder: Landwirtschaft, Ernährung und Gesellschaft im Wandel

Sarah Wiener: Das Vernünftige wird sich durchsetzen, das andere ist einfach zum Tode verurteilt. Aber ich verstehe das. Da zapfeln einfach Menschen und klammern sich an ihre Pfründe, die sie 10, 20, 30, 40 Jahre lang anders nicht kannten oder davon gelebt haben. Und das ist schwierig, da etwas zu ändern.

Thomas Mühlnickel: Das hilft ja auch fürs Andersdenkende und was man selber nicht ganz versteht, auch durchaus ein Grundverständnis zu haben, warum ticken die so. Sarah, wir haben leider ein unfassbares Zeitproblem, weil wir haben uns vor der Sendung komplett verquatscht, weil wir uns so gefreut haben, uns wiederzutreffen. Du hast mir noch die Haare verwuschelt vor lauter Freude. Es musste sich eine halbe Stunde lang wieder richten, bis sie wieder ging.

Was macht Mut? Optimismus und Engagement als Antwort auf Krisen

Thomas Mühlnickel: Und jetzt hast du leider einen Anschlusstermin, aber zwei Fragen möchte ich dir gerne noch stellen. Was macht dir Mut?

Sarah Wiener: Es gibt so viele Leute, die so tolle Sachen machen, die so optimistisch und glücklich im Leben stehen und das ausstrahlen und das macht mir Mut. Dass wir unsere Gedanken sind, wie du denkst, ob du optimistisch denkst oder ob du depressiv bist, das liegt, das ist alles nur in deinem Kopf. Und da positiv zu denken und Leute zu sehen, die einfach sagen, wir schaffen das, wir machen das, das wird gut, wir finden Lösungen, wir gehen voran. Einfach mal machen, das ist etwas, was ich an vielen Menschen mag.

Thomas Mühlnickel: Stell dir vor, dieses Studio ist eine Zeitmaschine. Wir fliegen jetzt zum Brandenburger Tor im Jahr 2050 und steigen wieder aus diesem Studio aus.

Deutschland 2050: Vision einer nachhaltigen, fairen und klimafitten Gesellschaft

Thomas Mühlnickel: Was für ein Land sehen wir?

Sarah Wiener: Wir sehen, dass um den Brandenburger Tor heraus und auf den Flachdächern Gemüsegärten sind und eine wilde Biotope zum Teil, mehr resiliente Bäume, viel mehr Fahrräder. Bessere Luft, Menschen freundlicher miteinander sind, sich einfach anlächeln, weil sie wissen, dass das Einzige, was Sicherheit in diesem Leben geben kann, ein gutes Miteinander ist. Und keine Mauer, kein Geld, kein Besitz wird dir das geben können.

Thomas Mühlnickel: Das klingt sehr gut. Ich hoffe, dass wir beide uns nicht erst dann wiedersehen, sondern irgendwie bei diesem Halbjahresrhythmus bleiben. Wir müssen mal schauen, zu welchem Podcast wir uns in einem halben Jahr wieder treffen. Aber ich danke dir sehr für das erste Treffen von einem halben Jahr. Ich danke dir sehr, sehr für das Treffen heute und dass du so gerne hier vorbeigekommen bist. Und hoffentlich sehen wir uns bald wieder. Vielen Dank, Sarah.

Sarah Wiener: Würde ich mich auch freuen. Danke.

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