Die derzeitige Situation bedeutet einen gewaltigen Dreisprung für Organisationen und Unternehmen. Ein Beitrag von Thomas Mühlnickel

Derzeit finden sich in den sozialen Medien viele Collagen von Menschen, die sich in Videokonferenzen treffen, weil in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen das Teammeeting und die Gremiensitzung auf herkömmlichem Weg einfach nicht mehr möglich sind. Es ist erstaunlich, wie sehr wieder Kanäle und Plattformen in den Vordergrund gerückt werden. Die Aussage dahinter soll sein: Wir passen uns an, wir sind auf der Höhe der Zeit, wir machen immer noch unseren Job.

Dabei ist die viel spannendere Frage doch: Wie gut ist meine Organisation darauf vorbereitet, dass sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben für Wochen oder gar Monate aus dem Normalmodus verabschieden musste? Es ist nicht einfach eine Frage der Technik und der Kanäle. Es ist auch nicht nur eine Frage der Anpassung des eigenen Angebots an die Krise. Die zentrale Frage handelt davon, die eigene Organisation fit zu machen für eine vor uns liegende Zukunft nach Corona, die sich heute bloß schemenhaft erkennen lässt.

Die unvorstellbare Normalität

Seien wir ehrlich: Niemand hat am Neujahrsmorgen erwartet, dass wir uns nur 90 Tage später in Livetickern über Schulschließungen, die Verschiebung von Europameisterschaft, Wimbledon und Olympischen Spielen, weltweite Grenzschließungen, Ausgangssperren, 156 Milliarden neuer Krisenschulden des Staates, globale Einschränkungen von Selbstverständlichkeiten unseres freiheitlichen Lebens, die Anwendung der Triage und unvorstellbare Zahlen an Pandemie-Infizierten und -Toten weltweit informieren würden. Aber das ist leider für einige Zeit gegenwärtig doch die eigentlich unvorstellbare neue Normalität. Und sie wird wie jede tiefgreifende Krise Folgen nach sich ziehen, die Sozialverhalten, Gesellschaft, Geschäftsmodelle, ganze Sozialsysteme und Teile der Weltordnung nachhaltig verändern werden.

Auf dieses Szenario haben sich verständlicherweise die allermeisten von uns nicht vorbereiten können. Und deshalb braucht es in diesen Tagen mehr Lernfähigkeit, Geschwindigkeit, Flexibilität und Szenario-Denken denn je. Jetzt sofort.

Jede Organisation – Unternehmen, Parteien, Gewerkschaften, Staaten, einfach alle – steht vor großen Herausforderungen, zuallererst den eigenen Organismus außerhalb der gewohnten Wege zu betreiben. Je kleiner die Struktur, desto einfacher lassen sich Wege finden. Dabei stellen sich tatsächlich einige Fragen der Technik und der Nutzung moderner Tools: wie bringt mein Restaurant das Essen zu den Kunden (wenn ich mich bislang Lieferando & Co. verweigert habe), wie gehe ich mit Ausfällen in der Lieferkette um, wie schnell kann ich meine Produktion an neue Anforderungen anpassen, wie passe ich meine Werbung an den Umbruch im Informationsverhalten binnen weniger Wochen an, wie erreiche ich meine Kunden oder Mitglieder besser und schneller als sonst? Wer die Modernisierung seiner IT, die Flexibilisierung seiner Geschäftsprozesse und die Resilienz der eigenen Firmenkultur in den vergangenen Jahren nicht wenigstens sukzessive entwickelt hat, verliert in diesen Wochen wichtige Zeit, weil die richtigen Werkzeuge fehlen. Bereits daran werden unnötigerweise Unternehmen und Organisationen scheitern.

Ist unser Angebot zeitgemäß?

Weniger augenscheinlich ist die zweite Problemstellung, die bei den beliebten Videokonferenz-Collagen aus der Betrachtung fällt: Ist unser Angebot an den Markt, die Gesellschaft, unsere Stakeholder eigentlich zeitgemäß? Welche Entwicklungen haben wir verschlafen, um unsere Daseinsberechtigung mit Produkten, Ideen, Konzepten und Angeboten zu bestätigen, die andere an uns schätzen und wofür sie uns zu honorieren bereit sind? Es gibt viele Branchen, in denen sich das Angebot aufgrund dieser Krise im Kern nicht ändern muss. Und es gibt viele Branchen, in denen man sich dessen nicht zu sicher sein sollte. Ein gutes Schnitzel bleibt ein gutes Schnitzel – aber gibt es denn lieferbare vegane Alternativen? Eine dringend benötigte Gewerkschaft bleibt eine dringend benötigte Gewerkschaft – aber gibt es denn hinreichend praxisnahe Konzepte für die Unterstützung von Clickworkern? Ein guter Tischler bleibt ein guter Tischler – aber sind 3D-Drucker als zusätzliche Unterstützung der eigenen Arbeit denn wirklich Konkurrenz zum eigenen Werk? Digitalisierung ist mehr als Smartphone, Skype und Amazon. Das verstehen in diesen Wochen auch die letzten von uns. Und darüber hinaus beeinflussen ebenso weitere gesellschaftliche Drifts unsere Notwendigkeit zur Veränderung. 

Friedrich Schiller wird der Satz „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ zugeschrieben. Und weil der Satz so wahr ist, sollten sich alle Staaten, Unternehmen, Organisationen, Selbständigen und Bewahrer der guten alten Zeit hinterfragen, ob sie noch auf der Höhe der Zeit sind. Strategisch kann man selbstverständlich für sich entscheiden, ob man First Mover oder Last Mover sein will. Beides kann Vorteile haben. Aber bewegen sollte man sich schon. Ansonsten trifft einen letztlich doch das Schillersche Gesetz.

Kommen wir zum schwierigsten Teil unseres Dreisprungs der Veränderung: Technisch auf der Höhe der Zeit und die Produkte und Konzepte zeitgemäß gestaltet, da kann uns doch nichts mehr passieren. Heute vielleicht. Und das ist in diesen Tagen schon ein echter Wettbewerbsvorteil. Wer sich allerdings auf den Anpassungserfolgen der ersten Tage und Wochen der derzeitigen Krise ausruht, begeht wohlmöglich einen folgenschweren Fehler.

Welche Konzepte brauchen wir nach der Krise?

Wie ticken Gesellschaften, nachdem sie einen Shutdown hinter sich haben? Was wird der Bedarf in der Zeit nach der Krise sein? Welche Konzepte braucht die Gesellschaft in den nächsten Monaten und Jahren? Diese Fragen müssen für jeden Bereich der Gesellschaft und der Märkte einzeln betrachtet werden, daher ist eine allumfassende Beantwortung dieser Fragen Scharlatanerie. Einige Metathemen zeichnen sich heute allerdings schon ab: 

Solidarität wird als Wert neu definiert sein. Die Kraft von Solidarität und Mitmenschlichkeit erkennen wir heute so klar wie selten zuvor. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch für internationale Beziehungen gelten wird. Auf lokaler Ebene und in zwischenmenschlichen Beziehungen wird Solidarität eine wichtigere Rolle als bislang einnehmen.

Geschwindigkeit wird eine neue Dualität erfahren. Im Privaten werden wir auf kurze bis mittlere Sicht nicht mehr das gleiche Tempo aufnehmen wie vorher. Wir lernen die Vorzüge des reduzierten Lebens kennen. Im Beruflichen werden wir hingegen Geschwindigkeit in Veränderungsprozessen ganz anders leben als jahrzehntelang in den oftmals quälenden Change Management Prozessen, da wir im Corona-Momentum gezwungenermaßen lernen, zu welcher Veränderungsgeschwindigkeit wir trotz massiver Einschränkungen fähig sind.

Präsenz wird künftig eine andere Priorität haben. Das gilt für den Beruf wie für Veranstaltungen und Interviews. Qualitativ mag sie einen Unterschied machen, unabdingbar ist sie nicht mehr. Die Teamsitzungs-Collagen aus Skype und Zoom sind dafür nur ein erstes Signal.

Interdependenz wird an die Stelle der Bipolarität von Abhängigkeit und Unabhängigkeit treten. Wir lernen gerade auf schmerzhafte Weise, dass wir interdependente Wesen sind und unsere Handlungen immense Folgen auf alle anderen haben können. Deshalb wird sich unser Verhalten grundlegend verändern. Ich glaube, wir werden über Jahre sozialer – interdependenter – handeln als zuvor.

Kommunikation wird empathischer sein. Die Zeit der oberflächlichen und manipulativen Kommunikation ist endgültig vorbei. Gut so. Wir werden menschlicher, sozialer, offener kommunizieren. 

Mich beruhigt der Ausblick, dass uns die Krise letzten Endes auch Gutes bringen wird. Es gibt jede Menge Gestaltungsmöglichkeiten für die Zukunft, während wir im Auge des Sturms verweilen. Packen wir es an.

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