Wachsamkeit gegenüber lauten Trommlern, öffentlicher Hysterie und Irrationalität.

Ein Beitrag von Thomas Mühlnickel
Diese Katastrophe – mit mehr als einer Viertelmillion Toten weltweit ist es eine Katastrophe und keine Krise – hat uns allen bislang sehr viel genommen.

Geld, Jobs, Hoffnung, Spaß, Geselligkeit, Gesundheit, Leben. In Deutschland haben wir alle gemeinsam mit unserer typischen Zuverlässigkeit und Disziplin viele Leben gerettet.

Die erste Corona-Welle hat Deutschland lahmgelegt. Aber unser Gesundheitssystem ist – im Vergleich zu den Auswirkungen in vielen anderen Länder – glimpflich davongekommen.

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen dieser ersten Welle sind immer noch nicht seriös abschätzbar. Wir wissen allerdings, dass vielen Menschen und Unternehmen das Wasser bis zum Hals steht. Die Bundesregierung und die Landesregierungen haben uns viele hilfreiche Überbrückungs-Maßnahmen zur Verfügung gestellt. Aber keine noch so gute Maßnahme kann eine schnelle Erholung der Wirtschaft ersetzen. Neben dem sonnigen Frühling, den wir alle gern anders genießen würden, sind es vor allem die wirtschaftliche Not und die Unsicherheit über den Verlauf der kommenden Wochen und Monate, die zu dem hohen Lockerungs-Druck führten und auch nach den nun angekündigten zusätzlichen Lockerungen weiterhin führen werden.

Wir sollten besser sofort als zu spät akzeptieren, dass wir „alles“ so schnell nicht wiederbekommen werden. 2020 hat eine neue Spielregel in das gesellschaftliche Leben eingeführt: Mehr Gesundheit bedeutet weniger Freiheit und Wirtschaftskraft. Und mehr Freiheit und Wirtschaftskraft bedeuten weniger Gesundheit. Scheiß-Mechanismus. Aber bislang leugnen nur Verschwörungstheoretiker, Populisten, knallharte Egoisten und die BILD, dass es in Corona-Zeiten genau so läuft.

Ohne wirksame Medikamente und Impfstoffe, die hinreichend erprobt und getestet sind, gibt es unser altes Leben noch viele Monate lang nur scheibchenweise zurück. Und diese heranbrechende neue Zeit wird anders sein als die alte. Nicht alles anders, aber vieles verändert. Der Digitalisierungsschub wird sich nicht zurückdrehen lassen. Unser Verhalten im öffentlichen Raum dürfte sich nachhaltig ändern. Die erstarkte Wahrnehmung von Interdependenz menschlicher und gesellschaftlicher Art wird präsent bleiben.

Uns allen ist zu wünschen, dass wir wirtschaftlich gut durch diese Zeit kommen. Uns allen ist zu wünschen, im Sommer wieder im Biergarten und am Strand das Leben zu genießen. Uns allen ist zu wünschen, dass wir gesund und von Corona verschont bleiben. Pessimistische Eltern bringen ihren Kindern bei, dass sie im Leben nicht alles haben können. In 2020 sind es leider doch einfach nur realistische Eltern. Wir können nicht alles haben.

Dass es immer lautere Stimmen gibt, die je nach Standpunkt für eine reine Lehre in Bezug auf mehr Rücksicht auf Gesundheit, Freiheit oder Wirtschaft werben, ist legitim. Mit einem Perspektivwechsel auf die Sicht der jeweiligen Personen sind ihre Standpunkte oft nachvollziehbar. Vergessen wir dabei nicht: wir stehen alle in diesem Jahr unter besonderem Druck und Stress. Seien wir aber vorsichtig, in der uns noch lange begleitenden „Lockerungsdebatte“ immer lauter und schriller zu werden. Auf eine zunehmend emotionale und hysterische Debatte könnte es folglich zu irrationalen, von den lautesten Stimmen getriebenen Entscheidungen kommen. Und eins ist klar: wenn Gesundheit, Freiheit und Wirtschaft dermaßen auf dem Spiel stehen und sorgsam austariert werden müssen, sollten Irrationalität und Emotionalität besser außen vor bleiben.

Lasst uns nicht den lautesten Trommlern nachlaufen, die unseren Blick immer nur auf einen Ausschnitt des Ganzen fokussieren wollen. Lasst uns diejenigen unterstützen, die ihre Entscheidungen in der Corona-Katastrophe nicht leichtfertig treffen, aber langfristig die beste Lösung für unser aller Gesundheit, Freiheit und Wirtschaftskraft schaffen. Weniger AfD und BILD. Mehr Scholz und Merkel.

von Thomas Mühlnickel

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